Schorsch Kamerun

Schorsch Kamerun

„Wenn Angst entsteht, rufen die Leute nach dem Krokodil.“

Fotos:
  • Andreas Enrico Grunert
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Zur Person

18.03.2016, Leipzig. In der kleinen Sitzbox des Messestandes vom Ullstein Verlag stehen Kaffee und Kekse bereit. Unter dem Dach der Halle sammeln sich die Stimmen Tausender wie Fliegengebrumm und legen eine akustische Wolke über jedes Gespräch. Ur-Punk Kamerun hat Dutzende von Terminen an diesen Tagen, auf den größten Live-Interview-Bühnen der Messe ist er zu sehen, um als scharf denkender Freigeist über die Widersprüchlichkeit unseres Daseins zu reden. In der Verlagsbox stehen Ansichtsexemplare einer Biografie der beiden FDP-Politiker Burkhard Hirsch und Gerhart Baum. Kamerun lobt Letzteren trotz der ihm fernen Partei als wichtigen Bürgerrechtler. Die kurz nach dem Gespräch kursierende Nachricht vom Tod Guido Westerwelles macht ihn aufrichtig betroffen.

Herr Kamerun, wenn man sich Ihr bisheriges Lebenswerk anschaut, müsste man dieses Interview eigentlich absichtlich sprunghaft und wie eine Collage führen.

Die Art und Weise, wie ich Themen in Kunst packe, ist in der Tat fetzenhaft. Auf der anderen Seite glaube ich, dass meine Sachen selber eine gewisse Beständigkeit haben und überhaupt nicht so viel wechseln. Ich wage es sogar, von Idealen zu sprechen. In dieser Hinsicht bin ich nicht sprunghaft, sondern sehr verlässlich. Nur die Ausdrucksmöglichkeiten sind mannigfaltig. Das liegt daran, dass ich die Welt wirklich so empfinde, als verwirrtes Hin und Her. Jeden Tag haben wir alle in zig verschiedene Identitäten zu schlüpfen. Das gebe ich in der Form zurück, indem ich die Bilder sich überschneiden und überlagern lasse.

Die taz nannte Sie den „Punk mit den guten Umgangsformen“. Man könnte auch sagen: Ihre wahren geistigen Ahnherren sind nicht Sid Vicious und Joe Strummer, sondern Joseph Beuys und Theodor W. Adorno.

Ich interessiere mich tatsächlich für das Denken Adornos, bin aber kein dogmatischer Anhänger. Wie nennt man die eigentlich noch gleich? Adornianer? Ich mag sowieso nie wirklicher Jünger sein und bin auch nicht akademisch genug, um sauber genug mitzureden. Die Grundthesen dieser sogenannten Kritischen Theorie teile ich allerdings schon.

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