Gratis-Interview

Teestube Jona

Die neue Normalität unter der Skyline

Autor:
Fotos:
  • Felix Schmitt
Leserbewertung:

Frankfurt gilt als reiche Finanzmetropole – doch auch hier nimmt die sichtbare Armut zu. Immer mehr Obdachlose leben auf der Straße, immer mehr Menschen müssen bei Freunden oder in Notunterkünften schlafen. 2016 gab es bundesweit insgesamt rund 860.000 Wohnungslose – das sind viermal so viele wie 2008. Wie kann das sein? Wie verliert man im reichen Deutschland seine Wohnung? Ein Besuch in einem Übergangswohnheim für gestrandete Männer sowie in der Teestube Jona – dem Wohnzimmer der Wohnungslosen im Frankfurter Bahnhofsviertel. Danach führt ein Wohnungsloser durch die verruchte Rotlichtgegend und in die Bahnhofsmission.

GALORE

Frankfurt am Main, Finanzhauptstadt und eine der reichsten Metropolen der Republik. Der drittgrößte Flughafen Europas ist das Tor zur Welt. Die Europäische Zentralbank, die Bundesbank und die vier bedeutendsten Geldinstitute des Landes haben hier ihren Sitz – nirgendwo in Deutschland ragt das Machtstreben der Kapitalelite höher in den Himmel. Frankfurt, das ist Skyline, Business und Betriebsamkeit. Doch mitten in der Finanzmetropole schlägt auch noch ein anderes Herz. Aus den Bordellen erstrahlt die ganze Nacht rotes Licht, Bettler halten ihre Pappbecher hoch, der Geruch von Urin liegt in der Luft. Am Straßenrand rauchen Junkies Crack. Das Bahnhofsviertel mit seiner ausgeprägten Drogenszene und der offenen Prostitution stand lange wie kein anderer Stadtteil für dieses andere, verruchte Frankfurt.

Heute ist die lediglich einen halben Quadratkilometer große Gegend zwischen Bahnhof und Wolkenkratzern ein Schmelztiegel unterschiedlichster Milieus. In manchen Straßen prägen orientalische Teehäuser und asiatische Märkte das internationale Bild. Zwischendrin: schicke Restaurants, teure Hotels und frisch renovierte Gründerzeitbauten. Geschäftsleute in Kostümen oder Anzügen eilen von der Arbeit zum ICE, bärtige Hipster erklären in Szenebars wild gestikulierend die Welt. Alle sind hier auf der Suche. Und trotz Gentrifizierung und Verdrängung scheinen alle irgendwie ihren Platz zu finden – selbst diejenigen, die gar kein Zuhause haben. Sozialverbände gehen in Frankfurt von mindestens 300, die Stadt von rund 200 Personen aus, die in der Mainmetropole auf der Straße leben – das sind fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Und so zeigt sich die Obdachlosigkeit im Schatten der Bankentürme immer deutlicher im Stadtbild: Menschen, die eingehüllt in Schlafsäcke auf Parkbänken schlafen, in Hofeinfahrten liegen oder auf dem kalten Beton.

Ob in Berlin, Hamburg oder Frankfurt, ob in München oder Köln – in allen Großstädten dieser Republik nimmt diese Form von sichtbarer Armut zu. Mitte November gab die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) bekannt, dass sich die Zahl der Obdachlosen in Deutschland seit 2008 mehr als verdoppelt hat – auf nun rund 52.000 Menschen, die in der Bundesrepublik „Platte machen“ und draußen übernachten. Ihnen haftet das Stigma des Scheiterns an, das Leben auf der Straße zehrt an den psychischen und physischen Kräften. Obdachlose leiden häufig an medizinischer Unterversorgung, ihnen ist kalt, sie haben Hunger. Diese Menschen sind der meist sichtbare – und dennoch nicht unbedingt der repräsentative Teil der Betroffenen. Insgesamt schätzt die BAGW die Zahl der Wohnungslosen nämlich auf 860.000. Sie alle verfügen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum, haben aber meist ein Dach über dem Kopf: Die Mehrheit der Wohnungslosen lebt übergangsweise bei Freunden, in Wohnheimen, Pensionen oder Notunterkünften.

Ein Wohnzimmer für Menschen ohne Wohnung

Seit mehr als 30 Jahren ist die Teestube Jona eine feste Institution im Frankfurter Bahnhofsviertel. Der Hauptbahnhof ist nicht weit und gleich gegenüber liegt die Haltestelle für Fernbusse, ein provisorischer Container, wo Reisende aus ganz Europa ankommen. Manche warten sogar direkt vor der Teestube auf ihren Bus nach Hamburg, Budapest oder Bukarest – ohne zu wissen, was genau sich im kleinen, gemütlich erleuchteten Raum hinter der großen Glasscheibe verbirgt. Dort stehen weiße Tische und rote Stühle, an den Wänden hängen Fotos aus drei Jahrzehnten. Es herrschst Teehausatmosphäre, ein leises Stimmengewirr durchzieht den Raum. Der Kaffee in der kleinen, offenen Küche kostet 30 Cent. „Dieser Ort ist bunt wie das Viertel. Man weiß nie, wer durch die Tür kommt“, sagt Nadine Müller, die seit sechs Jahren in der Teestube arbeitet und diese seit Kurzem leitet. Sie lächelt, man sieht ihr an: Die 28-jährige Sozialarbeiterin mag ihren Beruf. „Hier sind alle willkommen. Vor allem sehen wir uns aber als Wohnzimmer für Menschen ohne Wohnung.“ Nadine Müller und ihr Team helfen den Gästen beim Ausfüllen von Anträgen und bei der Wohnungssuche, manchmal geht es aber auch um häusliche Gewalt – oder einfach um ein kaputtes Handy. Die meisten ihrer Besucher kennt sie beim Namen, es dürften mehr als 400 sein. Schon vor zehn Jahren kamen täglich 45 Menschen, heute sind es im Schnitt doppelt so viele. Ein Viertel von ihnen sind Frauen, 40 Prozent der Gäste schlafen draußen.

„Dieser Ort ist bunt wie das Viertel. Man weiß nie, wer durch die Tür kommt.“
Nadine Müller über die Teestube Jona

Auch an diesem Abend sind fast alle der 30 Plätze belegt. Ein Mann mit schwarzer Mütze und großen Kopfhörern sitzt vor einem Laptop, andere debattieren und lachen. Einer von ihnen, Siegfried, beginnt sofort das Gespräch – und redet ununterbrochen über Architekturgeschichte, Denkmalschutz und Statik. Auf Nachfrage erzählt der Mann mit dem Kapuzenpulli und dem Fünftagebart, früher sei er „eine Weile wohnungslos“ gewesen und „privat untergekommen“. Über die Gründe möchte der 63-Jährige keine Auskunft geben, kurz spricht er von einer Trennung. „Ich wohne jetzt in so einem Haus, doch das soll saniert werden. Die werfen mich bestimmt wieder raus. Und mit meiner kleinen Rente kriege ich ja nichts mehr.“ Andere Besucher sind zurückhaltender. Ein älterer, bärtiger Mann mit fülliger Statur beobachtet stundenlang das Treiben. Sprechen will er lieber nicht. Dann kommt Markus. Der 30-Jährige im blau-weiß karierten Hemd setzt sich an den Tisch, seine braunen Haare sind adrett nach oben geföhnt. Er beginnt das Gespräch mit Fragen: „Warum tun Sie das? Welche Botschaft wollen Sie transportieren in Ihrem Artikel?“

„Es geht um Wohnungslosigkeit.“
„Ich weiß nicht, ob ich der typische Wohnungslose bin“, sagt Markus.
Kurzes Schweigen. Was ist das eigentlich, ein typischer Wohnungsloser?
„So jemand hatte vielleicht eine Ehekrise oder den Job verloren – und natürlich seine Wohnung.“

Markus achtet auf seine Worte, spricht bedächtig, fast belehrend. „Unter Wohnungslosen werden Sie vermutlich eher ältere Herren und weniger Leute mit Abitur finden.“ In puncto Alter und Geschlecht trifft seine Beschreibung gut auf die Klientel der Teestube zu. „Und was ist mit Ihnen, warum haben Sie Ihre Wohnung verloren?“ Markus lächelt. „Es sitzt jemand vor Ihnen, der sich viel mit der Armuts- und Wohnungskrise befasst hat.“ Markus möchte lieber über diese Krisen als über seine Geschichte sprechen. „Die teuren Mietpreise haben mit den Finanzmärkten zu tun, die viel Geld in die Immobilienbranche schwemmen. Die Gefahr von Wohnungslosigkeit trifft immer mehr Menschen, die nicht das nötige Einkommen haben.“ Markus klingt wie der Pressereferent einer Soziallobby. Schnell wird im Gespräch deutlich: Er will als Experte wahrgenommen werden, nicht als (womöglich) Betroffener. Er weiß um gängige Vorurteile – so wie viele Wohnungslose.

Kaum jemand entspricht den Klischees

Laut Thomas Specht, Geschäftsführer der BAGW, sind vor allem Obdachlose „das archetypische Bild“ der Armut. „Dem, der hilflos und womöglich betrunken in der Gosse liegt, wird unterstellt, dass er sich quasi selbst dorthin gelegt hat. Doch die Realität ist viel komplexer.“ Das wird in der Teestube deutlich: Kaum jemand entspricht hier den Klischees. Und so warnt auch Thomas Specht vor Verallgemeinerungen: „Das Stereotyp des verwahrlosten Obdachlosen wird generalisiert, doch die meisten Wohnungslosen leben gar nicht auf der Straße, und selbst manche Obdachlose ziehen sich so an, dass man sie nie als solche erkennt.“ So wie Markus? Ein letzter Versuch, ihm Persönliches zu entlocken: „Wo schlafen Sie heute Nacht?“ „Menschen, die ihren Job und ihre Wohnung verlieren oder Schulden haben, denen hilft es nicht zu erzählen, ob ich heute bei einem Kumpel übernachte oder in einem Hostel oder sogar...“ Kurz lacht Markus, fast beiläufig, dann redet er wieder über die Wohnungs- und die Armutskrise.

Auf diesen Zusammenhang verweist auch der Fachmann Thomas Specht: „Zwar sind individuelle Krisen und Schicksalsschläge wie Krankheit, Trennung oder Jobverlust oft der Auslöser für den Wohnungsverlust. Doch entscheidend ist das soziale und vor allem das sozialstaatliche Umfeld, in dem persönliche Krisen immer öfter bis in die Obdachlosigkeit führen.“ Seit Jahren nimmt die Armut hierzulande zu. Im vergangenen Jahr lebten in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, laut Statistischem Bundesamt rund 13 Millionen Menschen in Armut – also von weniger als monatlich 969 Euro. Unter ihnen sind auch viele ältere Menschen, die sich kaum eine Wohnung leisten können. Wer heute in Frankfurt eine Bleibe sucht, zahlt als Neumieter im Schnitt 13 Euro pro Quadratmeter, nur München ist noch teurer. Für eine Zweizimmerwohnung werden in der Bankenmetropole also schnell 800 Euro fällig – Kaltmiete.

Viele Rückzugsräume für Wohnungslose gibt es nicht − die Teestube Jona ist solch ein Refugium, vor allem in den Abendstunden.

Ein Mann mit schwarzem Sakko und grauen Haaren sitzt in der Teestube alleine an einem kleinen Tisch. Er liest Zeitung. Wie alt er wohl ist? „Zwei hoch sechs“, sagt er und lächelt. Er stellt sich als „Lehrer Werner“ vor. Mathe und Sport habe er unterrichtet, bevor er seinen Job verlor. Eine Wohnung habe er noch, „aber dort ist es kalt und kahl, ich gehe da nur zum Schlafen hin. Ich habe kein Geld zum Renovieren.“ Am Nachbartisch unterhält sich Architekturexperte Siegfried mit einem alteingesessenen Hessen, das hört man am Dialekt. Sie reden über den „Hammermörder“, einen Serientäter, der 1990 in Frankfurt mehrere Obdachlose ermordete. „Früher haben wir Berber auf der Straße aufeinander aufgepasst. Heute ist jeder für sich“, sagt Thomas, grauer Bart, schwarze Jacke. Er spricht langsam, bewegt sich auch so, lacht immer wieder laut. In jungen Jahren hielten ihn Gelegenheitsjobs über Wasser, er war ungelernter Hilfsarbeiter bei Opel, hat „hier und da für einen Appel und ein Ei“ gearbeitet. Heute würde man sagen: Thomas war im Niedriglohnsektor tätig, der durch die rot-grüne Hartz-Reform längst zum Massenphänomen geworden ist. Nachdem Thomas damals seine Wohnung gekündigt wurde, lebte er mehrere Jahre auf der Straße und in Übergangswohnheimen. „Ich habe auch Fehler gemacht. Aber ohne Wohnung kriegt man noch schwerer eine Arbeit.“ Es ist dieser Teufelskreis, von dem viele Betroffene berichten: Ohne Wohnung bekommt man kaum einen Job, ohne Job keine Wohnung. Und manchmal auch kein Bankkonto. Thomas erzählt, er habe durch staatliche Hilfe wieder eine eigene Bleibe. „Ich will als Rentner einfach ein gerechtes Leben führen“, sagt der 67-Jährige, lacht und geht vor die Tür. Rauchen.

„Da bettelt einer!“

„Wir wollen hier Wegbegleiter sein“, beschreibt Nadine Müller die Teestuben-Philosophie. Ein Wegweiser bleibe stehen, ein Wegbegleiter aber gehe mit. „Nur der Mensch selbst kann wissen, welcher Weg für ihn richtig ist.“ Aber es gebe natürlich Regeln. So sind etwa Alkohol und Rauchen im Wohnzimmer tabu. Dafür kocht das vierköpfige Team reichlich Tee und Kaffee – und versucht, Gespräche unter den Gästen anzuregen, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Denn manchmal kommt es auch zu kleineren Konflikten. Plötzlich herrscht Aufregung in der Teestube. „Nadine, da bettelt einer“, schreit Thomas, der wieder auf seinem Platz sitzt, zweimal laut in den Raum. Ein Bettler kommt mit einem Schild um den Hals in die Teestube – und macht schnell wieder kehrt. „Tschuldigung“, ruft er noch in die Runde. „Skrupellose Leute, die selbst bei Armen betteln“, sagt Siegfried.

Eine Fahrt in ein Wohngebiet im Westen Frankfurts, wo die Projektgruppe Bahnhofsviertel, der Trägerverein der Teestube, vor 22 Jahren ein dreistöckiges Haus kaufte. Einige Teestubenbesucher bekommen hier vorübergehend ein Zimmer oder eine kleine Wohnung. Eine Sozialarbeiterin soll die derzeit sechs Männer dabei unterstützen, eine eigene Wohnung zu finden – doch das wird wegen der Wohnungsnot immer schwieriger. Einer der Bewohner ist Willi. Früher stand der kräftige Mann mit dem noch kräftigeren Händedruck mit beiden Beinen im Leben. Der 62-Jährige erzählt, wie er acht Jahre Fallschirmjäger bei der Bundeswehr war und mehrere handwerkliche Ausbildungen absolvierte. Für seine Familie baute er ein Haus, die Mutter der beiden Kinder war seine Jugendliebe. Doch dann, wie aus dem Nichts, die Diagnose: Krebs. Als das Haus fertig war, starb seine Frau.

„Man sagt, Obdachlose sind alkoholabhängig und stinken. Ich war immer das Gegenteil, habe Geld verdient und nie gesoffen – trotz Bundeswehr.“
Willi

„Da hab ich mein Leben auf Deutsch gesagt in der Tonne verbrannt.“ Die Kinder kamen zur Schwägerin, das Geld aus dem Verkauf des Hauses zahlte er ihnen auf ein Konto ein. „Ich konnte nicht anders.“ Mit einem kleinen Rucksack ist er abgehauen, „ohne Plan wohin“. 17 Jahre war er unterwegs. „Ich habe immer auf der Straße oder im Wald übernachtet.“ Der Mann mit den schwarz-grauen Locken zündet sich eine Zigarette an. „Ich war auf allen fünf Kontinenten. Und ich hatte Arbeit.“ Bei einer Spedition, als Koch, auf einer Schaffarm in Schottland. „Man sagt, Obdachlose sind alkoholabhängig und stinken. Ich war immer das Gegenteil, habe Geld verdient und nie gesoffen – trotz Bundeswehr.“ Aber Willi weiß auch: „Vielen Menschen setzt das harte Leben auf der Straße sehr zu.“ Während des Gesprächs ruft Willi öfter seine getigerte Katze zu sich. „Das Manko hier sind die vielen Vorurteile. Es heißt, Obdachlose taugen nichts, aber keiner fragt, warum jemand obdachlos geworden ist.“ Vor zehn Jahren kam Willi wieder nach Frankfurt – und wollte weg von der Straße. Die Teestube war seine Rettung. „Man wird älter. Vor allem das Aufstehen im Winter fällt schwer. Und es wird gewalttätiger auf der Straße.“ Einmal wurde auch er angegriffen – und konnte sich erfolgreich gegen die jungen Männer wehren. „Es wird immer auf Ausländer geschimpft, aber das waren Deutsche.“

Trotzdem hatte Willi Schwierigkeiten, sich in seinem neuen, kleinen Zuhause einzugewöhnen. „Ich kam anfangs nur zum Schlafen her.“ Eigentlich wollte er wieder weg. „Aber die Sozialarbeiterinnen haben mich ausgetrickst und überredet, mir eine Katze zu holen. Dann kam Hexe, und ich merkte, dass ich ihretwegen nicht mehr weg kann.“ Willi und die Sozialarbeiterin schauen sich an, beide lachen. Hexe reibt sich an seinem Bein.

860.000 Wohnungslose in Deutschland

Weil es eine von Sozialverbänden seit Langem geforderte amtliche Statistik nicht gibt, beruhen die Daten auf Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), in der viele Kommunen und freie Hilfsträger organisiert sind. So verfügten 2008 rund 227.000 Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum, 2016 gab es schon 420.000 Wohnungslose, davon sind 70 Prozent alleinstehend, acht Prozent minderjährig, 27 Prozent Frauen und 52.000 Menschen obdachlos. Außerdem waren 440.000 Geflüchtete wohnungslos, sodass es insgesamt 860.000 Wohnungslosen gab.

Der Staat bringt die Leute nicht mehr unter

Zurück im Bahnhofsviertel. Nur zweihundert Meter durch die Kälte sind es von der Teestube zum Hauptbahnhof, vorbei an parkenden SUVs und an Kiosken, die hier in Frankfurt Wasserhäuschen heißen und vor denen Männer Bier trinken. An der Südseite des Bahnhofsgebäudes leuchtet das Schild der Bahnhofsmission, weiter unten der Hinweis: ab 22 Uhr geöffnet. Hier wartet schon Gabriel, braune Lederjacke, schicke Jeans, schwarze Turnschuhe mit weißen Palmen drauf. Seit Anfang des Jahres ist er wohnungslos, die Stadt Frankfurt zahlt ihm ein Pensionszimmer. „Das ist klein wie eine Zelle, und wenn ich mich über die hygienischen Zustände beschwere, drohen die, mich rauszuwerfen.“ Trotzdem sei er froh, „nicht draußen schlafen zu müssen“. Gabriel ist heute zur Bahnhofsmission gekommen, um zwei Reportern das Viertel zu zeigen – aus der Perspektive eines Wohnungslosen. Dabei tut er das, was er immer tut. Mehrere Abende und Nächte pro Woche verbringt der 57-Jährige im Bahnhofsviertel, er läuft herum, redet mit Junkies und Obdachlosen, will sie unterstützen. „Ich halte meine Augen auf.“ Wenn Gabriel aufgeregt ist, beginnt er leicht zu stottern. Im Laufe des Abends verschwindet das gänzlich. Viele Gestrandete hat Gabriel kennengelernt, zu manchen Beziehungen aufgebaut. Er glaubt: „Den typischen Wohnungslosen gibt es nicht.“ Derzeit lebt er von Hartz IV, also von monatlich 409 Euro. Ab und an kauft er davon Brötchen und verteilt sie, oder er lässt Obdachlose in seinem Bett schlafen – und legt sich selbst auf den Boden.

„Für viele Leute ist es normal, in teuren Klamotten auszugehen, während auf der anderen Straßenseite den Menschen die Kleider vor Dreck vom Körper fallen, weil sie nichts anderes haben.“
Gabriel

Direkt vor der Bahnhofsmission fragt eine uralte Dame mit vernarbtem Gesicht, eingepackt in eine dicke Winterjacke, mit leiser Stimme nach der Uhrzeit. Sie will hinein in die warme Stube. Noch zwei Stunden muss sie warten. Plötzlich steht auch eine junge Frau mit Dreadlocks dabei. „Wisst ihr, wo es Streetworker gibt? Ich werde wohl bald obdachlos und will mich umschauen.“ 20 Jahre alt sei sie, gehe in Frankfurt zur Schule. „Doch ich kann nicht auf dem Bauwagenplatz bleiben, wo ich wohne. Ich weiß nicht, ob ich so schnell was Neues finde und das bezahlen kann.“ Gabriel schreibt ihr die Adresse der Städtischen Wohnungslosenhilfe auf. Ein Netzwerk für Wohnungslose ist durchaus vorhanden, es gibt Präventionsangebote, medizinische Ambulanzen und Notschlafstätten. Der Staat hat die gesetzliche Pflicht, Wohnungslose wie auch Asylbewerber unterzubringen – doch weil die Nachfrage steigt, wird das immer schwieriger, mancherorts noch mehr als in Frankfurt. In Berlin etwa leben bis zu 8.000 Menschen auf der Straße, insgesamt sind dort 40.000 wohnungslos.

Wenige Minuten später wächst die Gruppe vor der Bahnhofsmission weiter an. Ob das hier eine Wohnungslosendemo wird?

„Wir müssen was tun“, mischt sich der Mann Mitte 30 mit schwarzem Hosenrock und Glatze ein.
„Ja“, sagt Gabriel.
„Aber wir sind nur Einzelne.“

Stefan, der Glatzkopf, sagt: „Man muss nach Dingen schauen, die man ändern kann. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass Nutten sauwenig soziale Kontakte haben.“ Er wohne in einer Notunterkunft und müsse dafür 100 Euro von seinem Hartz-IV-Satz zahlen, erzählt er frustriert. „Ich hatte Stress und soziale Probleme, bin aus Frankfurt weggegangen. Als ich wiederkam, hab ich keine Wohnung gefunden. Aber was willste hier machen als Koch, wenn du nicht auf die Beine kommst?“

Gabriel will auch ihm Tipps geben, doch Stefan „will kein Penner sein“. Er schimpft auf Frankfurt, die Menschen, die Welt. Ohne weitere Worte zieht er ab. „Wenn jemand im unteren Drittel der Gesellschaft angekommen ist, steigt das Risiko enorm, weiter abzustürzen“, glaubt Gabriel.

Nur zehn Meter neben der Bahnhofsmission liegen unter dem Dach einer Bushaltestelle drei Matratzen auf dem Boden. Ein junger Mann und eine ältere Frau haben sich dort in Schlafsäcke eingehüllt. Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland etwa 300 Obdachlose erfroren, in Frankfurt passierte das zuletzt 2015, direkt hier vor dem Bahnhof, der täglich von Hunderttausenden Pendlern frequentiert wird. Warum tut sich Gabriel dieses ganze Leid und Elend fast täglich an? „Das hat sich so ergeben, durch meine Krankheiten“, sagt er. „Depressionen und zwei Suizidversuche, ein Hüftleiden und eine chronische Lungenerkrankung.“ Gabriel macht eine Pause, als würde er seinem Gegenüber Zeit geben, all das zu verarbeiten. „Ich bin krankgeschrieben, für den Arbeitsmarkt nicht tragbar. Aber ich bin da selbst schuld“, betont er. „Früher ging es mir gut, ich habe als Selbstständiger Radiowerbung verkauft und viel Geld verdient.“ Doch irgendwann ging das nicht mehr. Gabriel wollte nur noch weg, ohne all die Sorgen, die Schulden und die Trennung von seiner Freundin. Sein Plan: Dominikanische Republik, one way.

Doch kann man eine Depression am Flughafen zurücklassen wie ein überflüssiges Gepäckstück? „Ich hatte das gehofft, ja. Doch die kam natürlich ein paar Flüge später hinterher.“ Er versuchte, sich das Leben zu nehmen, wurde zweimal ausgeraubt. Unterstützt von der deutschen Botschaft kam er im Januar zurück, nur mit dem, was er am Leib trug. Eine Beratungsstelle der Caritas half ihm. „Denen verdanke ich mein Leben. Dort war ich mehr als nur eine Nummer.“ Ein Mensch, keine Nummer, das hat ihn beeindruckt. Und das will er nun zurückgeben. Aber er sagt auch ehrlich: „Das helfen hilft mir, es lenkt mich von mir selbst ab. Ich habe jetzt schon Horror, wieder allein in der Pension zu sein. Und dann sind da ja noch all die vergessenen Menschen, die sind einfach froh, wenn du ihnen zuhörst. Aber die meisten Leute können leider nichts anfangen mit Obdachlosen.“ Er läuft weiter. „Genauso wenig wie mit Depressionen.“

Zwischen den hektischen Pendlern humpelt ein Mann mittleren Alters vorbei und hält seinen Becher hin – wie so viele Menschen an diesem und all den anderen Abenden. Gabriel spricht mit dem Mann Ungarisch, eine von fünf Sprachen, die er beherrscht. Dann geht er weiter. „Ich höre den Leuten zu, aber ich gebe kein Geld, ich habe schon zu viel hiergelassen. Ich bin da mittlerweile konsequent.“ Außerdem wollten viele Menschen mit Almosen bloß ihr Gewissen freikaufen.

Mutmaßungen aus der Distanz

Laut einer Caritas-Studie aus dem Jahr 2008 hatten nur vier Prozent der Deutschen persönlich schon einmal Kontakte zu Obdachlosen. Der Sozialpsychologe Rainer Banse erklärt das so: „Die Institutionalisierung sozialer Verantwortung durch den Sozialstaat lässt das persönliche Verantwortungsgefühl in den Hintergrund treten. Außerdem wird unsere Hilfsbereitschaft geschmälert, wenn wir glauben, jemand sei selbst verschuldet in Not geraten.“ Doch der Psychologieprofessor hat dafür noch eine andere interessante Erklärung: „Es ist einfacher, aus sicherer Distanz zu mutmaßen, dass Obdachlose ihr Schicksal selbst gewählt haben oder daran schuld sind, als in einem persönlichen Gespräch zu erfahren, dass sie womöglich ohne eigenes Verschulden da hineingeraten sind. Denn das würde bedeuten, es kann uns alle schuldlos treffen.“ Und davor haben wir Angst: „Das könnte unseren tief verwurzelten Glauben an eine gerechte Welt zerstören. Damit wollen wir nicht konfrontiert werden.“

Gabriel setzt seine Tour fort, vorbei an Tanzlokalen und Laufhäusern, an Imbissen aus aller Welt und schick sanierten Häusern. Sirenen heulen, junge Partygänger verlachen einen auf dem Boden sitzenden Mann. Das Bahnhofsviertel schläft nie, es ist zugleich Problem- und Szeneviertel – und der einzige Ort, an dem Frankfurt eine echte Großstadt ist. In der Elbestraße kauern 20 Junkies vor einem Konsumraum auf dem Asphalt. In solchen Einrichtungen können Süchtige unter sauberen Bedingungen Drogen nehmen – fast 5000 Menschen nutzen in der Mainmetropole diese Möglichkeit. Mit diesem pragmatischen „Frankfurter Weg“ nahm die Stadt bundesweit eine Vorreiterrolle ein und senkte seit den 1990ern die hohe Zahl an Drogentoten. Doch seit ein paar Jahren sind die Drogen wieder verstärkt in den Fokus geraten.

Ständig patrouillieren Streifenwagen, Polizisten kontrollieren junge Männer. Dennoch, so gefährlich ist es gar nicht: „Die Gewalt der Drogenszene geht eher nach innen“, sagt ein Polizist. Es heißt, dass nun viel Crack geraucht wird – kleine „Steine“ aus Kokain und Natron mit hohem Abhängigkeitspotenzial. Einer Frau, die fast noch wie ein Kind wirkt, sieht man die Wirkung der Droge an: Ihr Gesicht ist bleich, die Hände aufgequollen, der Blick vernebelt. Sie spricht Gabriel auf Ungarisch an. Dann legt er ihr ein paar Münzen in den zerrissenen Pappbecher. „Sonst wäre ich sie nie losgeworden“, sagt er fast entschuldigend, als er seine eigene Regel bricht. Wer wie Gabriel hinschaut, sieht die Armut hier überall – ohne immer zu wissen, wer nun wohnungs- oder obdachlos ist. So sind nur 20 Prozent der Süchtigen in den Druckräumen wohnungslos, viele kommen auch von außerhalb. Insgesamt gibt es in Frankfurt über 7.000 Wohnungslose.

Wohnungsnot in Deutschland

1987 gab es alleine in Westdeutschland über vier Millionen Sozialwohnungen, heute sind es bundesweit nur noch 1,3 Millionen. Ende der 1980er schaffte die Politik die steuerliche Förderung von sozialem Wohnungsbau ab – und überließ das Wohnen dem Markt. So sind die Mieten in Metropolen mit über 500.000 Einwohnern laut dem Bundesbauinstitut in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte gestiegen. Weil die Mietpreisbremse nicht funktioniert, der Zuzug in die Städte ungebrochen ist und der Bund die Baukompetenz 2006 an die Länder abgegeben hat, ist derzeit kaum Besserung in Sicht.

Am liebsten aus dem Stadtbild verdrängt

An der nächsten Straßenecke steht ein alter Mann und hält stumm die Hand auf, eine alte Frau läuft vorbei, sie hat zwar eine Wohnung, aber nicht genug zum Leben und sammelt daher Flaschen. Immerhin ein kleiner Teil dieser Menschen findet in der Teestube Jona einen Halt. Viele Rückzugsräume gibt es für Obdachlose nicht – im Gegenteil: Aus Städten sollen sie oft verdrängt werden, die europäische Dachorganisation der Wohnungslosenhilfe (Feantsa) berichtet, dass das Vorgehen gegen Menschen auf der Straße „in ganz Europa aggressiver“ werde.

Direkt nebenan feiern junge Backpacker in einem Designhostel. Und wie überall in Frankfurt wird gebaut, es entstehen Luxuswohnungen. Gabriel sagt: „Da kann man beim Frühstück die Armut beobachten. Das erinnert mich an Brasilien, dort habe ich einen Golfplatz mit Blick auf die Favela gesehen.“ An wenigen Orten Deutschlands werden die Extreme so deutlich wie hier – doch die Schere zwischen Arm und Reich geht überall auseinander. 1998 besaßen die oberen zehn Prozent der Bevölkerung knapp 16 Mal mehr als die unteren 50 Prozent, im Jahr 2013 war ihr Nettovermögen schon 51 Mal höher. Gabriel wirkt nachdenklich. „Für viele Leute ist es normal, in teuren Klamotten auszugehen, während auf der anderen Straßenseite den Menschen die Kleider vor Dreck vom Körper fallen, weil sie nichts anderes haben.“

Anschließend kommt Gabriel mit in die Teestube. Er war noch nie hier, will sich aber vernetzen: „Ich will im Viertel Suppe verteilen. Vielleicht kann mir die Teestube helfen, die Suppe warmzuhalten.“ Etwa die Hälfte der Gesichter ist neu. Der Schweiger mit dem Vollbart ist noch da und spielt mit einem anderen Herrn Kniffel, auch die zwei Frauen sitzen noch vor der Küche. Eine von ihnen heißt Susanne. „Ich bin immer hier, ohne die Teestube ist alles doof“, sagt die 52-Jährige. „Wohnungslos bin ich gerade nicht, eher arbeitslos.“ Als junge Frau kam sie nach Frankfurt, sie flüstert: „Mit der letzten S-Bahn.“ Manches von dem, was an diesem Abend zu hören ist, bleibt kryptisch. „Mein ganzes Leben war sehr komplex, aber es ist besser geworden.“ Sie habe die Hauptschule nicht beendet, auf dem Arbeitsmarkt nie Fuß gefasst. Fünf Jahre lebte sie ohne festen Wohnsitz, schlief auf der Straße oder in Frauenhäusern. „Ich bin hartnäckiger als Kruppstahl“, sagt sie und lacht mit heiserer Stimme. Gerade auf der Straße bleiben Frauen oft unsichtbar – das ist ihr Schutz, auch gegen Gewalt. Susanne habe die zum Glück nie erlebt. „Man kann alles verkaufen, aber nicht den Körper und die Seele.“ Heute wohnt sie am Frankfurter Stadtrand, ihre Kontakte pflegt sie aber im Bahnhofsviertel, vor allem in der Teestube.

„Man kann alles verkaufen, aber nicht den Körper und die Seele.“
Susanne

Ein Investor schlug zu, die Teestube soll raus

Doch das könnte sich bald ändern. Längst sind Immobilien in Großstädten zu Spekulationsobjekten geworden. Anfang Juni wurde bekannt, dass ein Investor das Haus, in dem die Teestube untergebracht ist, gekauft hat. Eine Woche später kam die Kündigung. Nun wird gestritten, wann die Teestube raus muss. Der neue Besitzer hat es eilig, lässt das Haus bereits sanieren – Baulärm und Dreck inklusive. Inzwischen geht die Heizung nicht mehr, das Wasser im Abfluss läuft nicht ab, kurz fiel der Strom aus. „Ich kann nicht nachweisen, woran das alles liegt. Aber wir sind kreativ“, sagt Nadine Müller. Eine Lichterkette erleuchtete das Bad, für die Gäste gab es Wärmflaschen, nun wärmt sie ein kleiner Heizofen. Vor allem sucht die Teestube aber dringend neue Räume. Nadine Müller ist zuversichtlich: „Wir befinden uns ins konstruktiven Gesprächen mit der Stadt.“

Dann ist es kurz vor zehn. „Wir machen gleich zu“, ruft die Chefin in den Raum. Alle trinken ihren Tee aus, manche gehen noch einmal aufs Klo. Plötzlich steht auch Markus vor der Tür, der Besucher der Teestube, der so viel über Politik weiß und so wenig über sich preisgibt. Er war in der zweiten Etage verschwunden, dort gibt es drei Computer mit Internetzugang und eine Couch zum Ausruhen. Neben ihm stehen zwei vollbepackte, große Plastiktüten, die Henkel sind gerissen. „In der Armutsszene wird man viel beklaut, man muss aufpassen.“ Markus wählt seine Worte weiterhin mit Bedacht: „Da gibt es Leute, die sagen, das sind keine Deutschen, die klauen.“

Wohnungslose Flüchtlinge

Ende 2016 lebten laut Statistischem Bundesamt 1,6 Millionen Geflüchtete in Deutschland. Davon hatten 872.000 einen Schutzstatus als anerkannter Flüchtling oder subsidiär Geschützter (etwa als Kriegsgeflüchteter) – und damit in der Regel auch Anspruch auf eine eigene Wohnung. Dennoch müssen 440.000 Flüchtlinge weiter in oft beengten und abgelegenen Gemeinschaftsunterkünften ausharren, weil sie keine Wohnung finden. Obdachlos sind aber nur die allerwenigsten. Laut Experten kommt von Geflüchteten zudem nur ein kleiner Teil der Nachfrage nach günstigen Wohnungen.

Immer wieder hört man von Obdachlosen Geschichten über Konkurrenz – zunehmend richtet sich die Rivalität auch gegen Osteuropäer. In den vergangenen Jahren ist ihr Anteil unter Obdachlosen stark gestiegen, in Metropolen sind es nun bis zu 50 Prozent, schätzt die BAGW. Obwohl Deutschland laut der Arbeitsagentur von der Binnenmigration aus der EU profitiert und auch die meisten Rumänen, Bulgaren und Polen hier Arbeit finden, schürt vor allem die bayerische CSU seit Jahren die Angst vor massenhafter „Zuwanderung in die Sozialsysteme“. Die Folge: Ende 2016 verschärfte SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles die Gesetze für Zuwanderer aus der EU. Sozialleistungen erhält seither nur, wer ein Jahr hier arbeitet oder fünf Jahre ausharrt – davor gab es bereits nach sechs Monaten Sozialhilfe. So entfällt nun auch der Anspruch auf längerfristige Unterbringung. Doch der Eifer geht noch weiter: Viele Kommunen wie Frankfurt oder Hamburg erschweren EU-Migranten auch die Notunterkunft, also den Erfrierungsschutz. Deshalb landen immer mehr von ihnen ganz unten. So erklärt sich der hohe Anteil von EU-Bürgern und vor allem Osteuropäern unter Obdachlosen, und ihr geringer Anteil unter Wohnungslosen (sechs Prozent), die ja meist irgendwo untergebracht werden.

Gabriel sagt: „Menschen, die schon lange alleine auf der Straße leben, werden teilweise durch osteuropäische Obdachlose, die in Gruppen unterwegs sind, von ihren Plätzen verdrängt.“ Er glaubt, dass es „unter den Ärmsten“ aber immer schon Konkurrenz gab. „Die Armen sollten sich doch eigentlich zusammenschließen. Aber sie stehen schon immer am Rande der Gesellschaft und sind ausgeschlossen. Sie wissen: Nur wer Geld hat, der hat recht.“ Nun will er noch einmal los. „Ich bin noch nicht zufrieden heute.“ Zur Verabschiedung sagt er: „Vielleicht kann man in den Artikel schreiben, dass ich dringend eine Zweizimmerwohnung suche, bezahlbar. Damit hätte ich viel mehr Möglichkeiten zu helfen.“

Markus bietet an, mit ihm in die Bahnhofsmission zu laufen – ohne Fotografen. Er möchte nicht erkannt werden. Seine Taschen sind schwer. „So bleibt man wenigstens fit“, sagt er. Im kleinen, grell erleuchteten Raum der Bahnhofsmission sitzen sechs Männer und zwei Frauen, auch die alte Dame mit dem vernarbten Gesicht, die vorhin nach der Uhrzeit fragte. Kaum jemand redet, die meisten sind auf sich konzentriert, trinken Roibuschtee, essen ein Brot – für Besucher gibt es das umsonst. Zwei Männer sitzen an einem Tisch, unterhalten sich kurz auf Rumänisch. Alle können hier her kommen, ganz anonym. Markus setzt sich zu einem Bekannten, der kurz von der weit ausgebreiteten Frankfurter Allgemeinen hochblickt, die er liest. „Was ist für dich der typische Wohnungslose?“, fragt Markus.

„Also, ich war lange Deutschlands gepflegtester Wohnungsloser, mir haben das die Leute nicht geglaubt“, antwortet der Endfünfziger. Er trägt schwarze Lackschuhe, Cordhose, eine braune Lederjacke – und spielt gerne mit Klischees: „Der typische Wohnungslose ist ungeduscht und hat dreckige Klamotten.“ Doch auch hier in der Bahnhofsmission sehen nur manche Besucher so aus, etwa der Mann mit dem Vollbart und dem verdreckten, orangenen Overall, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Kein einziges Mal blickt er vom Boden hoch. Dann kommt ein junger Mann mit kurzer Hose, Badeschlappen und gepflegtem Äußeren herein und trinkt Tee. Der FAZ-Leser erzählt, er sei Jurist gewesen – und abgestürzt. „Ein Typ auf dem Amt führte einen Privatkrieg gegen mich. Wohnungslose sollen oft psychiatrisiert werden.“ Er verlor seine Wohnung, lebte in Pensionen, nun in einer Wohngemeinschaft – muss dort wegen einer Räumungsklage aber wieder raus. „Mal schauen, was dann kommt.“ Die beiden unterhalten sich weiter, auch über osteuropäische Obdachlose. „Wenn die hier auf der Straße leben, warum bleiben sie nicht zu Hause?“, fragt der Jurist.

Nachtplatz in der U-Bahn-Station

Der kleine Anteil der EU-Bürger, der hier keine Arbeit findet, wird in Frankfurt für maximal vier Wochen untergebracht. Wer dann noch da ist, schläft auf der Straße – oder in der Hauptwache. Nur gut einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, direkt an einer der größten Einkaufsmeilen Deutschlands, der Zeil, liegt diese U-Bahn-Station, deren B-Ebene die Stadt seit der Jahrtausendwende im Winter für Obdachlose öffnet. Dort schlafen bis zu 130 Menschen, laut Angaben der Stadt sind 30 Prozent von ihnen „psychisch kranke, langfristig obdachlose Personen“, zudem kommen 40 Prozent aus Osteuropa, weitere 20 Prozent sind Roma. Dutzende Menschen liegen hier gegen Mitternacht auf den grauen, kalten Fliesen, meist auf Isomatten und in Schlafsäcken, die Sozialarbeiter bei Bedarf herausgeben. Eine Taube fliegt über ihre Köpfe, das Neonlicht leuchtet grell, an einer Rolltreppe machen Bauarbeiter Lärm.

Wer jetzt noch unterwegs ist, will schnell nach Hause oder in die Bars und Kneipen der Stadt. Ein Obdachloser sammelt Müll vom Boden auf. Sprechen will hier niemand, die meisten schlafen schon. Aber es zeigt sich auch: Wer ganz unten angekommen ist, womöglich schon lange auf der Straße lebt, hat kaum Kapazitäten, darüber zu reflektieren – auch nicht mit irgendwelchen Reportern. Unter einem Schlafsack ist der Bettler aus der Teestube zu erkennen. Im Laufe der Nacht dürfte es hier noch voller werden. Ob auch Markus kommt? Und was Gabriel wohl gerade tut, ob er noch unterwegs ist oder wieder jemandem ein Obdach gewährt? Bis 6 Uhr morgens können die Menschen hier in der Hauptwache bleiben, dann werden sie und all die anderen wieder um eine Wohnung kämpfen – oder einfach nur ums Überleben.

Als GALORE-Abonnent*in erhalten Sie nicht nur sechs Ausgaben im Jahr frei Haus und eine Prämie, sondern auch kostenlosen Zugang zu unserem Online-Archiv mit mehr als 1100 Interviews - darunter auch die jeweils aktuellen.

Jetzt GALORE abonnieren

Zur Person

Die Teestube Jona

Die Idee, eine Begegnungsstätte für Ausgegrenzte aufzubauen, entstand in einer katholischen Gemeinde in Eschborn nahe Frankfurt. 1985 mietete die eigens gegründete Projektgruppe Bahnhofsviertel die Räume der Teestube am Frankfurter Hauptbahnhof, 1995 kaufte sie ein Haus in Frankfurt-Sindlingen, wo sieben wohnungslose Männer übergangsweise leben. Vier Sozialarbeiterinnen, drei Bundesfreiwillige und 20 Ehrenamtliche unterstützen die Klienten. Weil es in den Abendstunden kaum Angebote für Obdachlose gibt, öffnet die Teestube sonntags bis donnerstags von 16 bis 22 Uhr. Außerdem gibt es dort einen Spielenachmittag, eine Kochgruppe, ein Frauenfrühstück und das Männercafé. 2016 standen für die Teestube 209.000 Euro zur Verfügung, davon 75 Prozent aus staatlichem Zuschüssen. Kontakt

Teilen Sie dieses Interview: