Gratis-Interview T.C. Boyle

T.C. Boyle

„Es ist bereits fünf nach zwölf.“

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  • Anne Morgenstern
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19. Januar 2018, in der Nähe von Santa Barbara. T.C. Boyle sitzt in einem Café und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen, wie er zu Beginn des Telefonats erklärt. Er wirkt, wie man ihn von früheren Begegnungen kennt: unaufgeregt, gelassen, zufrieden mit sich und dem Moment. Dabei ist dem Schriftsteller unlängst Verheerendes widerfahren: Montecito, dieses wunderschöne Dorf an der kalifornischen Küste, wurde von Feuersbrünsten dem Erdboden gleichgemacht. Eine der wohlhabendsten Gemeinden der gesamten USA, Dutzende von atemberaubend schönen Villen: alles nur noch Ruine. Es wirkt wie ein mysteriöses Schicksal, dass ausgerechnet einer der dringlichsten Mahner der globalen Erwärmung verschont wurde. Und doch auch ein Opfer ist.

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Mr. Boyle, Sie leben in einem meisterlichen Haus des Architekten Frank Lloyd Wright, das Sie von Grund auf restauriert haben. Nun haben die Waldbrände in Kalifornien Ihr Idyll bedroht. Wie ist die Lage derzeit?

Es war eine verheerende Katastrophe, entsetzlich. Mein Haus steht nur zwei Blocks entfernt von dem schlimmsten Feuer, das je in der Region gewütet hat. Zum Glück ist es dort hügelig, und so haben sich die Flammen weiter ins Tal gefressen, statt zu uns den Hügel hinaufzuklettern. Unser Haus ist also verschont geblieben, uns geht es gut. Jedoch dürfen wir seit dem Feuer nicht mehr ins Haus hinein – die ganze Stadt ist abgesperrt. Es steht zwar außerhalb der abgesperrten Zone, aber wir müssten durch diese hindurch, um hineinzukommen. Ich war erst am Montag dort und habe mit den Verantwortlichen gesprochen, ob ich einmal kurz ins Haus dürfte. Sie sagten einfach nein.

Klingt, als würden Sie das nicht verstehen?

Ich empfinde eine große Ungerechtigkeit gegenüber all jenen, die vom Feuer eh schon genug bestraft wurden. Andererseits gibt es gute Gründe für die Vorsichtsmaßnahmen, denn die Stadt ist ein Schlachtfeld. Es gibt kaum ein Haus, das unbeschadet blieb. So gesehen haben wir wirklich viel Glück gehabt.

Wo wohnen Sie denn jetzt?

Bei Freunden, heute Abend ziehe ich in ein Hotel. Wann sich diese Situation ändert, vermag ich gerade nicht zu sagen. Vermutlich dürften wir, wenn ich wirklich alles daransetzen würde, wohl zu unserem Anwesen fahren – aber dann kämen wir dort vorerst nicht wieder raus. In der ganzen Region gibt es derzeit weder Gas noch Elektrizität oder Internet. Darum müssen wir abwarten, bis die Vollsperrung aufgehoben wird und unser Haus wieder an seine Lebensadern angeschlossen ist. Es ist schon schräg: Wir hatten Glück, dass unser Haus vom Feuer verschont blieb – aber nutzen können wir es trotzdem nicht, weil es gewissermaßen tot ist.

Wie haben Sie das Feuer persönlich erlebt?

Es war fürchterlich. Das Feuer brannte vier Wochen und ist dabei unserer Region immer nähergekommen. Es hat sich Meile um Meile weitergefressen. Mitte Dezember kam es uns dann so nah, dass man uns evakuiert hat, die ganze Familie, zwei Hunde, drei Katzen sowie einen Gast, den wir für eine Woche in unserem Gästehaus beherbergen wollten. Plötzlich stand abends die Polizei vor der Tür und sagte: „Sie haben eine Stunde, um ein paar Ihrer Sachen zu packen, dann möchten wir Sie mit allen Lebewesen vom Hof fahren sehen.“ Und dann kam der starke Regen…

Ein Segen?

Im Gegenteil! Natürlich half er mit, das Feuer zu löschen, aber durch den Verlust aller Bäume und Sträucher fand der Boden keinen Halt mehr, unzählige Schlammlawinen gingen ab und verschütteten viel von dem, was bis dahin vielleicht noch nicht verbrannt war. Das ist auch der Hauptgrund für die Sperrzone: Man weiß nicht, wie man die vielen Schlammmassen unter Kontrolle bringen soll, die überall herunterkamen. Und es können jederzeit weitere dazukommen. (überlegt) Sie werden ja sicherlich Fernsehbilder von den Bränden gesehen haben. Ich kann Ihnen nur sagen: Kein Foto oder Film kann wiedergeben, wie es wirklich ist, im Angesicht dieses Feuers zu stehen. Das Feuer rast und rauscht, zuweilen kreischt es sogar. Dann diese Hitze. Diese überwältigende Macht, die alles vernichtet. Dazu 24 Stunden am Tag Helikopter über Ihnen, die nach Vermissten und Toten suchen. Ich habe eine Nachbarin, die bis heute ihr dreijähriges Kind vermisst. Es ist einfach verschwunden, in der Hektik der Evakuierung. Unvorstellbar.

In Ihrem neuen Band mit Kurzgeschichten erzählen Sie von einem Jungen, der in Santa Barbara lebt und von seiner Mutter genötigt wird, jeden Abend Fleisch auf dem Außengrill zu grillen. Der Junge empfindet eine Freude daran, den Grill mit Benzin anzuzünden – mit dem Ende, dass er einen verheerenden Flächenbrand auslöst. Fühlten Sie sich wie in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, als diese Katastrophe geschah?

(lacht) Ja, absolut. Aber es ist auch nicht das erste Mal, dass ich den Eindruck habe, dass meine eigenen Geschichten mich einholen.

Warum schreiben Sie so nah an der Realität?

Vielleicht ist es die natürliche Folge davon, wenn man Geschichten über Menschen schreibt, die leben, atmen, arbeiten und ihre Dinge tun. Gerade in den Kurzgeschichten erfinde ich ja keine abstrakten Welten oder speziellen Situationen, so wie ich das etwa in meinen letzten Roman „Die Terranauten“ gemacht habe. Ich schreibe eher über Alltagssituationen, die sich zuspitzen. Es gibt im neuen Band ja auch die Geschichte über diesen Kurier von Lebend-Organen, der ein Organ über den Pacific Coast Highway von Los Angeles nach Santa Barbara bringen soll und dabei in eine abgehende Schlammlawine gerät. Das erleben wir jetzt ja auch, nach dem Feuersturm. Und diese Schlammlawinen-Problematik wird Kalifornien auf Jahre hinaus beschäftigen. Wissen Sie was? Vielleicht ziehe ich einfach nach Deutschland. Sie haben dort zwar sicherlich auch Ihre Probleme, aber gewiss keine alles vernichtenden Schlammlawinen. (lacht)

Heute ging ein Orkan über Deutschland, in Hamburg ist schreckliches Wetter.

Ich würde gerade jedes noch so schreckliche Wetter und auch extreme Kälte eintauschen gegen das, was wir hier erlebt haben. Das können Sie mir glauben. Jeden Tag ein Sturm? Kein Problem! Zehn Mal lieber als ein Feuersturm pro Jahrzehnt. Schnee zum Beispiel nervt, ist aber etwas Normales. Dieses Feuer dagegen ist nicht normal. Es ist der Auswuchs der globalen Erwärmung, die Quittung für unseren Umgang mit diesem Planeten. Das alles ist längst keine drohende Gefahr mehr, die uns eines Tages ereilen könnte, sondern bittere Realität. Die grimmige Seite der Natur zeigt sich und richtet unsere Lebensgrundlagen Stück für Stück zugrunde.

Gibt es kein Umkehren mehr?

Ich weiß nicht, ob das noch gelingen könnte, aber dazu müsste sich in den Gedanken der Menschen erst einmal etwas Grundsätzliches ändern. Ich beobachte es doch hier in dieser Region: Nichts hat sich geändert im Verhalten der Menschen, trotz dieser Feuerkatastrophe. Alle sind einfach froh, dass das Feuer gelöscht ist, und machen weiter wie zuvor. Dabei waren diese Brände doch weit mehr als nur ein Warnschuss. Das wird uns in eine Situation führen, in der wir überall auf der Welt Millionen von Naturkatastrophen-Flüchtlingen sehen werden. Menschen, die aus einer Not heraus ihre Heimat verlassen müssen, weil ein Leben dort nicht mehr möglich ist. Denken Sie nur an Bangladesch, die Südseeinseln, aber auch an die Niederlande: Das sind alles Regionen, die schon bei einem leichten Anstieg des Meeresspiegels einfach verschwinden werden. Wo sollen die ganzen Menschen denn hin? Werden dadurch womöglich neue Bürgerkriege entstehen? Werden die Menschen bis aufs Blut kämpfen, um einen Platz zum Leben zu ergattern? Schauen Sie: Meiner Familie und mir geht es trotz der Evakuierung gut, wir haben genug Geld und können in ein Hotel ziehen. Viele andere verlieren alles, dabei hatten sie schon vor dem Feuer nicht gerade viel. Sie wurden zu Obdachlosen. Wo sollen sie hin? Was sollen sie machen? Wird ihre Verzweiflung sie zu extremen Maßnahmen greifen lassen? Betrachten Sie dazu auch die weiteren möglichen Folgen: Der Einzelhandel, die gesamte Wirtschaft und die Industrie in unserer Region sind zerstört. Wo es keine Wirtschaft gibt, gibt es auch keine Arbeitsplätze mehr. Keine Ahnung, wie viele Zehntausende von Jobs das Feuer dieser Region genommen hat. Wovon sollen diese Arbeitnehmer nun leben?

„Trump ist der symptomatische Fall für einen Politiker, der die Realitäten leugnet, um der Wirtschaft Tür und Tor zu öffnen.“

Wie ist es dann möglich, dass Ihr Präsident die globale Erwärmung weiterhin leugnet und Naturschutz für Blödsinn hält? Er schaut doch den ganzen Tag Fernsehen und sieht, was in seinem Land passiert.

Ich glaube nicht, dass er es ignoriert, sondern dass er es schlicht aus ökonomischen Gründen verneint. So wie es George Bush Jr. vor ihm ebenfalls getan hat. Umweltschutz ist einfach schlecht fürs Öl-Business und all die anderen Geschäfte, die Trump beschützt. Er interessiert sich einen Scheiß für Amerika oder die Welt, ihm geht es nur um die Unterstützung seiner Geschäftspartner und Gönner. Um immer größeren Profit für jene, die ohnehin schon den größten Gewinn an unserer verzerrten Welt verdienen. Trump ist der symptomatische Fall für einen Politiker, der die Realitäten leugnet, um der Wirtschaft Tür und Tor zu öffnen. Sein Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen ist nicht nur idiotisch, sondern gemeingefährlich. Und er belegt die Konsequenz, mit der er die tatsächlichen Vorgänge auf diesem Planeten zugunsten seiner reichen Kumpels leugnet. Kumpels, die ja demnächst viele Regionen in den USA ausbeuten dürfen, die bis vor Kurzem noch Naturschutzgebiete und Nationalparks waren. Ich will kein Pessimist sein, aber diese Vorgänge werden uns töten. Nicht nur uns Amerikaner, sondern viele Menschen auf der Welt – durch direkte oder indirekte Folgen seines Handelns.

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