Nils Melzer

Nils Melzer

„Niemand kann foltern und dabei die Menschlichkeit des Gegenübers respektieren.“

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  • Philip Frowein
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Zur Person

12. Juni 2020, Kanton Bern. Seit Nils Melzer den USA, Großbritannien, Schweden und Ecuador düstere Machenschaften gegen den WikiLeaks-Gründer Julian Assange vorwarf, ist der UN-Sonderberichterstatter für Folter ein gefragter Mann. Das zweistündige Gespräch findet nicht von Angesicht zu Angesicht statt, sondern – coronabedingt – per Skype zwischen seinem Wohnsitz im schweizerischen Kanton Bern und Berlin. Gleichwohl entsteht eine intensive Gesprächsatmosphäre, weil Nils Melzer den Eindruck vermittelt, in den Fragen auch Antworten für sich selbst zu finden. Der Jurist spricht präzise und ausführlich, abwägend und dezidiert.

Herr Melzer, das Wort Folter klingt abstoßend, bei Ihnen steht es auf der Visitenkarte: „UN-Sonderberichterstatter für Folter“. Was reizte Sie an dieser Funktion?

Ursprünglich wollte ich ein anderes Mandat: „Berichterstatter für außergerichtliche Hinrichtungen“. Das klingt auch nicht schöner. Ich habe mich mein ganzes Berufsleben lang mit solchen Themen beschäftigt, in meiner Dissertation zum Beispiel ging es um gezielte Tötungen im Internationalen Recht nach 9/11. Ich war zwölf Jahre für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Kriegs- und Krisengebieten tätig, unter anderem im Kosovo, im Nahen Osten, in Afghanistan. Ich habe Kriegs- und politische Gefangene sowie Zivilisten besucht, von denen viele misshandelt wurden.

Ihr Berufsleben ist also von viel Schrecklichem geprägt, auch von persönlicher Gefahr?

Es war nicht so, dass mir ständig die Kugeln um die Ohren geflogen sind. Trotzdem gab es heikle Situationen, zum Beispiel Checkpoints mit betrunkenen Rebellen oder Soldaten, die mir Warnschüsse vor die Füße verpassten. Oder 2009 in Kabul, wo ich bei meiner Ankunft erfahren musste, dass eine halbe Stunde zuvor mehrere UNO-Kollegen in ihren Betten erschossen worden waren, wenige 100 Meter von unserer Unterkunft entfernt. Meine Frau war damals zum ersten Mal schwanger, und ich spürte, dass ich diese Risiken nicht mehr eingehen wollte und etwas anderes machen musste. Ich wurde dann juristischer Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, habe es dort aber nur zwei Jahre ausgehalten.

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