Elisabeth Pähtz
„Ein Remis ist nichts anderes als Frieden.“
17. Oktober 2022, Hamburg. Elisabeth Pähtz kommt als Siegerin zum Termin ins Atlantic Hotel. Am Tag zuvor konnte sie mit der OSG Baden-Baden die Frauen des Hamburger SK mit 5,5 zu 0,5 bezwingen. Und doch ist sie ein wenig lädiert, denn im Anschluss an die Partien gab es noch das ein oder andere Getränk auf St. Pauli. Obwohl sie Deutschlands beste Schachspielerin ist, besteht für Pähtz keine Gefahr, im Nachtleben oder tags drauf in einer Hotellobby erkannt zu werden. Dafür steht Schach einfach zu sehr im Schatten. Auch wenn sich das nach und nach ändert. Filme und Serien, Corona, der Ukraine-Krieg und Betrugsvorwürfe haben dem Denksport zuletzt Auftrieb und Aufmerksamkeit verschafft. Doch das reicht Elisabeth Pähtz nicht. Vor allem von dem abwägenden Denken ihrer Disziplin wünscht sie sich mehr Momente in der Politik.
Elisabeth Pähtz, in der Fußballbundesliga bekommt ein einziges Spiel mehr mediale Aufmerksamkeit als der globale Schachsport während eines ganzen Jahres. In den vergangenen Monaten war das jedoch anders. Schach war plötzlich Thema in vielen Schlagzeilen.
Das stimmt. Leider hatte das aber so gut wie nie sportliche Gründe. Schach braucht anscheinend immer einen außergewöhnlichen Anlass, um sichtbar zu werden. Das können interessante Kulturproduktionen wie die Neuverfilmung der „Schachnovelle“ oder der Erfolg der Streamingreihe „Damengambit“ sein – oder eben, wenn Skandale die Runde machen.
Wie der Betrugsvorwurf von Weltmeister Magnus Carlsen an den jungen US-Schachgroßmeister Hans Niemann, der in der bizarren Frage gipfelte, ob man mit im Darm verstecktem Sexspielzeug eine Schachpartie gewinnen kann.
Die Aufmerksamkeit ergab sich noch nicht einmal wegen des Vorwurfs an sich, sondern vor allem aufgrund der nachfolgenden Diskussion, die zum großen Teil auf Twitter stattfand. Der kanadische Großmeister Eric Hansen mischte sich ein und merkte an, wie leicht es sei, mit ferngesteuertem Sexspielzeug zu betrügen. So kamen dann knackige Überschriften zustande wie „Schach ist für den Arsch“.
Bevor wir auf den Betrugsvorwurf eingehen – halten Sie das mit dem Sexspielzeug für realistisch?
Das ist sogar sehr clever. Wir werden vor jeder Schachpartie mit Geräten gescannt, die man auch von der Sicherheitskontrolle am Flughafen kennt. Ich meine diese knüppelförmigen Handscanner, mit denen man erkennen kann, ob sich unter der Kleidung etwas versteckt. Beim Sexspielzeug ist es aber so, dass es im Körper verborgen ist. Die Scanner beim Schach sind nicht so leistungsfähig, dass sie bei so etwas anschlagen. Sexspielzeug eignet sich daher wunderbar. Wenn ich vorhätte zu betrügen, würde ich das Experiment erst einmal am Flughafen machen. Man kann sich irgendwas in seinen Körper reinschieben und es bei den Kontrollen darauf ankommen lassen. Als Frau Vaginalperlen in sich zu tragen, ist ja nicht verboten. Und wenn es am Flughafen nicht auffällt, dann erst recht nicht beim Schach.
Die Vaginal- oder eben Analkugeln müssen ferngesteuert sein, um ein Match manipulieren zu können.
Geräte für Partner, die weit voneinander entfernt leben, gibt es längst. Sie können diese Kugeln über eine Smartphone-App steuern und sich trotz der Distanz gegenseitig stimulieren. Alles, was Betrüger beim Schach also brauchen, ist neben der Hardware die Absprache mit einer anderen Person darüber, welche Vibration welche Figur darstellt.
Eine Art Morse-Code.
Genau. Jede Figur hat eine Wertigkeit. Bei der Dame ist das blöd, das wären nämlich neun Vibrationen. Beim Bauer wäre es nur eine. Beim Springer zum Beispiel zwei kurze, beim Läufer zwei lange. Du brauchst als guter Schachspieler eigentlich nur die Figur zu erkennen, damit klar wird, auf welches Feld du sie ziehen musst. Und natürlich kann man vereinbaren, dass nur dann vibriert wird, wenn es sich um einen ganz wichtigen, entscheidenden taktischen Moment handelt. Auf hohem Niveau ist so ein Tipp Gold wert.
„Wer den vorletzten Fehler macht, gewinnt“
Wer ein klassisches Schachbuch erwartet hat, sieht sich schnell getäuscht. Eine reine Biografie? Auch das nicht. Die Welt aus der Sicht einer Schachspielerin? Jein. Elisabeth Pähtz legt in ihrem Erstling einen Hybrid aus allen drei Komponenten vor. Sie führt durch ihr Leben, lässt Blicke in ihre schachverrückte Familie zu, beschreibt, wie sie es nach oben in die Haute-Volée geschafft hat. Dann schwenkt sie plötzlich um und wendet das strategische und in die Zukunft gerichtete Denken des Schachs auf die Politik an. Kampf gegen Corona, Krieg gegen die Ukraine: Was wäre besser gelaufen, hätten Schachspieler etwas zu sagen? Schließlich bietet Pähtz den Schach-Maniacs unter den Lesern eine Taktikschule an, indem sie durch einige ihrer legendären Partien führt. Der Titel des Buchs sei selbsterklärend, sagt sie. Darauf gekommen sei sie durch Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der diesen Satz bei einem gemeinsamen Termin von sich gab.
Westend Verlag, 208 Seiten, 20 Euro
Und die Kommandos gibt dann idealerweise der Trainer?
Das kann sogar der Freund oder die Freundin sein, die keine Ahnung vom Schach haben. Die sitzen dann zu Hause, verfolgen die Partie im Internet und lassen sie nebenbei von einer Engine nachspielen. Schon weiß man, welche Züge sich anbieten. Aber idealerweise sollte es schon jemand sein, der sich auskennt.
Das klingt alles sehr nachvollziehbar. Gab es denn in Ihrer Sportart immer schon den Verdacht, dass so getrickst wird, oder kam das erst durch das Duell Carlsen gegen Niemann aufs Tapet?
Durch Corona wurden sehr viele Turniere in den digitalen Raum verlagert. Die Vorsichtsmaßnahme war, dass man zwei Kameras auf sich richten musste – eine frontal, eine von der Seite. Vibrationen innerhalb des Körpers bleiben aber auch da unentdeckt. Es ist wirklich einfach, bei Online-Partien zu betrügen, dafür braucht es nicht mal Sexspielzeug. Da kann auch irgendetwas im Schuh vibrieren.
Sprechen wir über andere Hohlräume, die zum Betrügen einladen. Wie sieht es im Schach mit dem berühmten Mann im Ohr aus?
Die Technik wird immer kleiner. Aber es gibt jetzt neue Geräte beim Schach, mit denen sie einem recht tief ins Ohr gucken können. Diese wurden stichprobenartig bei der Olympiade in Indien eingeführt. Einige Schachspieler waren davon alles andere als begeistert. Das einzig Positive an den Betrugsvorwürfen ist, dass das Thema nun ernster genommen und hoffentlich vor allem bei den Online-Turnieren genauer hingeschaut wird. Dort werden bei den Männern inzwischen stattliche Gewinnsummen ausgelobt, bei denen selbst der Letzte sagenhafte 10.000 Euro erhält.
„Es ist wirklich einfach, bei Online-Partien zu betrügen, dafür braucht es nicht mal Sexspielzeug.”
Kann man davon ausgehen, dass wie beim Doping im Radsport oder in der Leichtathletik auch beim Schach der Betrug weitverbreitet ist?
Ich gehe davon aus, dass bei jedem hochdotierten Online-Turnier sich sicher nicht alle, aber doch einige mindestens ein oder zwei Mal während der Partie eine Hilfestellung holen. Face to face direkt am Brett ist das nicht möglich, in erster Linie, weil der Weltschachverband FIDE die Partien zeitversetzt ins Internet stellt. Damit ist der Betrug von außerhalb mit einer Remote Control nahezu ausgeschlossen. Dadurch schwindet auch die Paranoia.
Eine letzte Frage zu diesem Komplex. Magnus Carlsen hatte sein Spiel gegen Hans Niemann beim Sinquefield Cup in Saint Louis verloren und zog sich daraufhin vom Turnier zurück. Alle wunderten sich, und dann twitterte Carlsen das legendäre Statement des Fußballtrainers José Mourinho: „Ich bevorzuge es, nicht zu reden. Würde ich es tun, käme ich in große Schwierigkeiten.“ Was meinte Carlsen?
Jeder wusste, was gemeint ist. Zumal Hans Niemann bereits in der Vergangenheit auf der größten amerikanischen Schachplattform chess.com neben 500 anderen Spielern wegen Betrugs gesperrt wurde. Sie haben überperformt. Nach Carlsens Rückzug teilte sich die Branche in zwei Lager. Es gab diejenigen, die meinten, Carlsen habe absolut richtig gehandelt. Und diejenigen, die ihm vorwarfen, er habe daraus ein Kindergartendrama gemacht, das er in seiner Position nicht hätte anzetteln dürfen. Zu diesem zweiten Lager gehöre ich. Ich bin der Meinung, dass Carlsen das Turnier hätte zu Ende spielen können, ohne dem Organisator zu schaden. Danach hätte er sein Problem thematisieren können. Oder er hätte sich während des Turniers an den Schiedsrichter wenden und darum bitten können, die Spiele mit einer 15-minütigen Verspätung ins Netz zu schalten. Dazu hätte er als Weltmeister sicher die Macht gehabt.
Nur wenige Tage später hat Carlsen bei einem Online-Turnier ähnlich gehandelt.
Er brach gegen Niemann nach einem Zug ab und twitterte das gleiche Mourinho-Zitat. Musste er wirklich zwei Turniere kaputtmachen? Die Organisatoren und die Sponsoren haben ja eine gewisse Erwartungshaltung an den Weltmeister. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Hälfte der Schachspieler ihn für diese brutale Art feiert. Er hatte keine stichhaltigen Beweise, dass Niemann am Brett betrogen hat. Online war das wohl in der Vergangenheit der Fall gewesen, das hat Niemann selbst eingeräumt. Aber nun hat der Schachsport erst mal einen Imageschaden, der zumindest aus Marketingsicht von Wert ist. Und man sollte dabei auch den menschlichen Aspekt bedenken, denn es folgte im Netz eine Hexenjagd auf Niemann. So etwas kann Menschen bekanntlich in den Selbstmord treiben. Niemann ist erst 19, und es ist erstaunlich, wie er nach dieser Kritik weiterhin auf so einem hohen Niveau spielen kann. Ich selbst wäre wahrscheinlich daran zerbrochen. Der Druck und der Hass sind unglaublich. Carlsen hätte eigentlich verwarnt werden müssen.
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