Amir Kassaei

Amir Kassaei

„Das Leitmotiv muss lauten: Ich will besser sein als ihr!“

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  • Dominik Butzmann
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Zur Person

Amir Kassaei ist einer der weltweit erfolgreichsten Kreativchefs, es gibt kaum einen relevanten Werbe-Award, den er nicht gewonnen hat. Anfang 2020 kam nach mehr als 30 Jahren in der Branche der Rückzug: Kassaei verließ die Werbeagentur DDB, um eigene Unternehmungen in den Bereichen Architektur und Fashion zu starten und über den Kapitalismus nachzudenken. Seine Forderung: Ein Neustart des Systems, nicht mehr nach Maßgaben der Quantität, sondern der Qualität. Mit einer für ihn typischen Mischung aus Analyse und Provokation erklärt er, was Migration mit Bringschuld zu tun hat, auf welche Weise Muhammad Ali zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung wurde und warum ausgerechnet die freie Marktwirtschaft für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit steht. Für das Gespräch im Rahmen einer Interviewreihe des Bundesprogramms „Integration durch Sport“ erreichen wir Amir Kassaei auf Ibiza.

Amir Kassaei, Sie haben lange in den USA gelebt und gearbeitet. Hat Sie nach der Ermordung von George Floyd die Vehemenz der Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus überrascht?

Überrascht nicht, da kamen mehrere Dinge zusammen: die Pandemie, unter der die afroamerikanische Community noch viel extremer leidet als die Weißen, dann der ewig schwelende Alltagsrassismus, der durch die Regierung Trumps noch angeheizt wird, schließlich kam der Mord an George Floyd als konkreter Auslöser hinzu. Nun gibt die afroamerikanische Community das Tempo vor, sie macht sehr deutlich: „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!“ Aber machen wir uns nichts vor, der Prozess, an dessen Ende es zu einer Gleichheit ohne Denken in Rasse und Hautfarbe kommen kann, wird lange andauern. Wir reden hier nicht über Jahre, sondern über Generationen, denn dieses Denken ist tief im amerikanischen Bewusstsein verankert. Aber die amerikanische Gesellschaft muss das jetzt angehen, ganz klar.

Und die deutsche Gesellschaft?

Na ja, wer bin ich denn? Ein im Iran Geborener mit österreichischem Pass – das ist im Sinne von Diktaturhintergründen eine schlimme Kombination, ich sollte daher mit Urteilen über Deutschland vorsichtig sein. (lacht) Ich habe in Österreich Fremdenfeindlichkeit erfahren, ja, in Deutschland viel seltener. Dort war zu spüren, dass dieses Land aus seiner Geschichte gelernt hat und – zumindest in Teilen – versucht, Diversität zu leben. Was natürlich nicht heißt, dass es keine Probleme gebe. Die Frage ist, welche Schritte eine Gesellschaft geht, um Strukturen zu schaffen, die Lösungen vereinfachen. Und hier ist Deutschland, wie ich glaube, schon etwas weiter als zum Beispiel Frankreich mit seinen Vorstädten, die sich immer weiter separieren. Für mich gilt: Integration ist eine Bringschuld, keine Holschuld. Das heißt, wenn ich in einem Land lebe und von diesem Land und seinen Möglichkeiten profitiere – unabhängig davon, ob ich dort geboren oder zugewandert bin –, dann habe ich mich diesem Land anzupassen. Angenommen, Sie laden mich heute Abend zum Essen ein. Ich klingele bei Ihnen, Sie lassen mich in Ihre Wohnung, und dann ist es doch selbstverständlich, dass ich mich Ihren Hausregeln anpasse und nicht damit beginne, Ihr Wohnzimmer umzuräumen. Wenn ich in einem Land zu Gast bin und dort die Chance erhalte, mein Leben neu aufzubauen, dann muss ich mich mit den Umständen, die dort herrschen, auseinandersetzen. Ich darf dabei nicht nach Ausreden suchen, sondern muss versuchen, diese Chance zu nutzen.

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