Tim Raue
„Die Tendenz, den Lebensunterhalt im kriminellen Milieu zu verdienen, war groß.“
Zur Person
Für Tim Raue, geboren 1974 in West-Berlin und aufgewachsen im damals berühmt-berüchtigten Kreuzberger Wrangelkiez, war Kochen das, was für Jugendliche aus Problembezirken und komplizierten Familienverhältnissen oft eher Sport oder Musik darstellen: eine große Chance raus aus dem Getto mit seiner fast zwangsläufigen Bandenkriminalität, hin zu einem komfortablen, bürgerlichen Leben. Anfang der 1990er absolvierte Raue eine Kochausbildung im Restaurant Chalet Suisse im Grunewald. Mit 23 Jahren wurde er erstmals Küchenchef, zunächst im Restaurant Rosenbaum, danach in immer exquisiteren Gastronomien. Fünf Jahre später kürte ihn das Fachblatt „Der Feinschmecker“ zum „Aufsteiger des Jahres“; 2008 folgte der erste Michelin-Stern sowie die Auszeichnung „Koch des Jahres“ für sein Restaurant „Ma Tim Raue“ im Berliner Adlon. Nur zwei Jahre später kam das „Restaurant Tim Raue“ in Kreuzberg hinzu, das schon bald mit zwei Michelin-Sternen und 18 Punkten im Gault Millau geschmückt wurde; seit 2016 gehört es zudem zu der weltweit bedeutsamen Rangliste „The World’s 50 Best Restaurants“. Wenn Raue gerade mal nicht bis zu 18 Stunden am Tag arbeitet, brütet er gern über Plänen für kaum zu realisierende, weil wirtschaftlich selbstmörderische Gastro-Konzepte – wie aktuell die Wiederinbetriebnahme des Restaurants in der Kuppel des Berliner Fernsehturms.
30.11.2013. Tim Raue sitzt in der vor wenigen Monaten eröffneten Cordobar in Berlin-Mitte. Ein intensives Jahr liegt hinter ihm – er hat seinen zweiten Stern behalten, mit seinem neuen Restaurant ‚la soupe populaire’ neues Terrain betreten und für US-Präsident Barack Obama gekocht. Es war ein erfolgreiches Jahr. Vor sich auf dem Tisch steht ein Glas Trockenbeerenauslese aus Österreich, noch ist niemand im Restaurant. Tim Raue kennt die Macher, zu denen auch Jan-Ole Gerster gehört, der Regisseur des Berlin-Filmhits „Oh Boy“. Berlin – immer auch ein Thema im Leben des Tim Raue. Er ist in Kreuzberg aufgewachsen, hat sich früher als Mitglied der 36Boys auf den Straßen geprügelt. Und er hat hier seine einzigartige Karriere gestartet. Ein Gespräch über Ehrgeiz, Popkultur – und warum die deutsche Fußballnationalmannschaft einen Chef braucht.
Herr Raue, Sie haben einmal gesagt, falls Sie einen zweiten Stern bekommen, lassen Sie sich diese tätowieren. Seit 2012 ist das der Fall – haben Sie die Tattoos?
Tim Raue: Noch nicht, aber es ist in Planung. Ich wollte mir nicht einfach nur zwei plumpe Sterne tätowieren lassen, aber die junge Dame aus Berlin, die ich dafür ausgewählt habe, hat 18 Monate Terminfrist. Ich habe mich eine Woche, nachdem der zweite Stern kam, angemeldet, und bin im Mai 2014 an der Reihe.
Sie wählten keinen asiatischen Großmeister der Tattookunst – immerhin stehen Sie für stark asiatisch geprägte Küche...
Besser nicht. Das ist auch ein Thema, über das ich mich prächtig amüsieren kann: Da denkt jemand, er hätte sich das chinesische Zeichen für Liebe oder Glück tätowieren lassen, und dann steht da: Ich hätte gerne zweimal Suppe scharf-sauer.