Rebeca Gyumi

Rebeca Gyumi

„Männer sind Partner, um das Patriarchat zu stürzen.“

Fotos:
  • Astrid Benölken, Tobias Zuttmann, Hannah Lesch, Björn Rohwer
Leserbewertung:

Zur Person

Daressalam. Kurz vor dem Interview ist ein Sturzregen auf die größte Stadt Tansanias niedergegangen. Weil die Straßen mit weitläufigen Schlaglöchern und dunkelgrauen Pfützen gespickt sind, fährt der Taxifahrer nur bis zur Straßenecke. Rebeca Gyumi steckt noch mitten in einer Besprechung, grüßt trotzdem herzlich und winkt durch in ihr Büro. Heller Fliesenboden, der Ventilator summt, hinter dem Schreibtisch stapeln sich Auszeichnungen und Fotos von Preisverleihungen auf einem zu kleinen Beistelltisch – verliehen, weil die junge Anwältin in Tansania fast im Alleingang ein Verbot von Kinderehen erwirkt hat. Gyumi entschuldigt sich für die Verspätung und bietet Tee und Kaffee an. Sie lacht viel, doch als das Gespräch beginnt, wird sie ernst und spricht konzentriert.

Rebeca Gyumi, Sie haben vor dem obersten tansanischen Gerichtshof das Verbot der Kinderehe durchgesetzt. Bevor es dazu kam, durften Mädchen schon mit 14 Jahren verheiratet werden. Wie akut ist das Problem in Tansania?

Wir reden bei 14 Jahre alten Mädchen ja noch über Kinder, über junge Menschen in einer Phase, in der sie ihre eigene Persönlichkeit entdecken. Stellen Sie sich ein Mädchen vor, dem gesagt wird: „Du musst auf die Familie aufpassen, du musst hier die Rolle der Mutter übernehmen.“ Das führt zu psychologischen Traumata. Zumal der Altersunterschied zwischen Mann und Frau in solchen Ehen häufig sehr groß ist. Was wiederum nachweislich zu Gewalt und Missbrauch führt. Das muss nicht immer physische Gewalt sein, manchmal ist sie auch psychischer Natur, wenn der Mann das Mädchen beispielsweise erniedrigend behandelt. Und noch ein Faktor ist von Bedeutung: Junge Mädchen, die verheiratet werden, werden dann häufig auch schwanger. Mit der Folge, dass der Staat es ihnen verbietet, weiter zur Schule zu gehen, sowohl während der Schwangerschaft als auch später als junge Mutter.

Wann haben Sie erkannt, dass Kinderehen ein Problem sind?

Ich war nicht selbst von einer Kinderehe betroffen, meine Familie hat mich nicht zwangsverheiratet. Aber in der Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen bin, habe ich das erlebt. Ich bekam dann früh die Chance, durch den Einblick in andere Organisationen mehr über dieses Thema zu lernen. Ich reiste durch Tansania und begann zu verstehen, warum durch Kinderehen viele Mädchen ihrer Chancen beraubt wurden, ein eigenständiges Leben zu führen, ihr Potenzial voll zu entfalten. Das ist übrigens eine Dimension dieses Themas, die auch der Wirtschaft unseres Landes schadet, denn wir in Tansania benötigen die Ideen und Arbeitskraft der Frauen.

Ab hier lesen nur GALORE-Abonnenten kostenlos weiter! Eines der vielen Abo-Extras.