Helge Schneider

Januar 2018 / Seite 4 von 4

Juan, der Kakteenretter aus der Nachbarschaft, bringt frisch geerntete Tomaten und selbst gepresstes Olivenöl vorbei. Ein gelassener Spanier im Freizeitsakko, fast so alt wie Schneider. Helge parliert mit ihm auf Spanisch. Es ist offenbar eine herzliche Nachbarschaft, die die beiden hegen. Wohl auch, weil Schneider Rücksicht auf die vorhin besprochenen nachbarschaftlichen Grenzen beweist. Denn Juan, erzählt er, besitzt zwei Hunde, die in ihrem ganzen Leben noch nicht von ihrer Kette gelassen wurden, dazu lebende Tauben, die als Schmuckstück in winzig kleinen Boxen bei Juan im Wohnzimmer an der Wand hängen. „Natürlich finde ich das scheiße“, sagt Schneider. „Aber es ist nicht an mir als zugezogenem Deutschen, dem Spanier zu erklären, dass man das nicht macht. Schon weil alle Spanier das so machen. Die haben es eben nicht so mit Tierschutz.“

Was zeichnet Ihren Humor aus?

Dass ich zum Beispiel nie irgendwohin gehe und dann jemanden oder etwas fertigmache. Ich mache immer nur mich selbst fertig. (lacht) Das finde ich wesentlich lustiger, und das lässt die Leute auch öfter mal mit offenem Mund dastehen. Viele Leute haben auch Angst vor mir, obwohl ich doch eigentlich ein sehr verträglicher Typ bin. Große Showmaster zum Beispiel haben immer irgendwie Angst vor mir.

Können Sie das verstehen?

Natürlich kann ich das verstehen. Die haben da ihre Karteikarten, die wollen sie abarbeiten, alles soll möglichst zahm sein. Ich bin ja nicht aufsässig, ich bin nur ein bisschen bekloppt. Ich bin eigen und dabei nicht dumm. Damit kann ich einen Frager im Handumdrehen auf seine eigene Frage zurückwerfen und ihn auf diese Weise bloßstellen. Was aber gar nicht meine Absicht ist, ich will ja nur Quatsch machen. Aber dem ist das dann unangenehm, und darum hat er vielleicht ein bisschen Angst vor mir. Dabei soll doch einfach jeder das machen, was er am besten kann und ihm Spaß macht.

Wäre das eine Lösung für diese Gesellschaft?

Ja! Ich finde zum Beispiel, Sigmar Gabriel sollte unbedingt Außenminister bleiben, egal wie das jetzt mit der Regierung weitergeht. Denn ich habe den Eindruck, dass der zum ersten Mal, seit er in der Politik ist, einen Job macht, der ihm Spaß bereitet und den er auch gut kann. Soll er doch aus der SPD austreten und parteilos den Außenminister machen. Der kann das gut. Er hat jetzt endlich mal einen Beruf, der zu ihm passt – optisch, von der ganzen Agitation und Sprache her, aber auch, weil er eben ein menschlicher Typ ist und damit überall auf der Welt sympathisch rüberkommt. Ich finde, das ist ein gutes Gefühl für ein Land, einen Außenminister zu haben, der solche Qualitäten mitbringt. (hält inne) Wollen wir noch in die „Pita Flamenca“, ein Mineralwasser trinken gehen?

Die „Pita Flamenca“ erweist sich als nette kleine Bar, geführt von einem französischen Hippie-Pärchen mit Dreadlocks. Statt Mineralwasser gibt es französischen Anisschnaps, selbst als Fremder wird man dazu angehalten, mit der gesamten Besatzung der Bar anzustoßen. Jene besteht ausschließlich aus nicht-spanischen Aussteigern, einige von ihnen ziemlich abgerissen. Schneider nennt diesen Ort seinen „Lost Place“. Man kennt ihn gut dort, alle nehmen ihn in den Arm. Noch vor Mitternacht fahren wir zurück zum Haus. Als ich am nächsten Morgen aufwache, steht der Gastgeber schon in der Küche und macht Frühstück. Dabei unterhalten wir uns über Mafia-Clans, organisierte Kriminalität im Allgemeinen sowie „die Mode-Mafia“: „Das wird alles noch viel schlimmer werden, dass uns die Medien diktieren, was gerade Mode ist und was wir alles mitmachen sollen, damit wir im Zeitgeist sind.“ Nach dem Frühstück setzt er sich ans Klavier und sagt, es werde schwieriger mit dem Spielen: „Ich bin ja jetzt 62, vielleicht kriege ich langsam Arthrose oder sowas. Auf jeden Fall spiele ich anders als früher. Gerade der rechte Daumen tut mir öfter weh beim Klavierspielen, er wirkt irgendwie steif. Das kann aber auch von der Gitarre und dem Saxofon kommen, da wird der rechte Daumen stark belastet.“ Für die letzte Gesprächsrunde setzen wir uns in den Garten. In unserem Rücken steht ein großes, neu angeschafftes Wohnmobil, mit dem Schneider auch auf Tournee geht. Die großen Bandbusse mag er nicht so, er fährt die Strecken lieber selber mit seinem Mobil. Das bedeute für ihn nicht nur Freiheit – sondern auch Entspannung.

Nun gehen Sie bald wieder auf Tournee. Gestern sagten Sie schon, dass Sie gern der Chef der Gang sind. Ist das Unterwegssein mit der Band so eine Art Kegelclub mit kreativeren Mitteln?

Könnte man so sagen, ja. Es ist aber auch wie bei den Pfadfindern. Oder auf Wanderschaft. Andere Städte sehen. Wir gehen in den Städten auch immer gucken. Das ist ganz wichtig. Ich bin immer richtig sauer, wenn wir ein Hotel außerhalb haben.

Die deutschen Städte dürften Sie mittlerweile aber doch alle kennen.

Ja, und das finde ich auch gut so.

Ein Städte-Geheimtipp, den niemand so richtig auf dem Zettel hat?

Rottweil. Würzburg. Regensburg. Pahlen in Schleswig-Holstein. Das sind alles schöne Orte.

Sie erleben da auf Tour sicher auch viel, was wenig Freude macht – endlose Fahrten, schlechtes Essen, ungemütliche Hotelbetten, betrunkene Fans vor dem Fenster... Trotzdem lieben Sie es. Entschädigen diese zwei Stunden auf der Bühne für alles?

Ja, genau. Das ist das alte Spiel, so als wäre ich ein U-Boot-Kapitän: Man hat immer ein Ziel, man muss seine Aufgaben meistern. Man will eben gern etwas zu Ende bringen, man will seine Arbeit gut machen und hat dabei immer dieses Ziel vor Augen. Dafür nimmt man dann diese Sachen gern in Kauf. Wie ein Bergsteiger, auch der braucht eine Menge Geduld, um sein Ziel zu erreichen. Auch mein Beruf hat mit Geduld zu tun. Und mit Weitsicht. Die sich schon in den weiten Fahrten immer wieder bestätigt. Diese Bewegung, die dann auch auf die Bühne gebracht wird, geht mir jetzt schon in Fleisch und Blut über. In Sachen Hotelzimmer habe ich echt schon viel erlebt. Manche Zimmer sagen einem ja gar nicht zu, da ist irgendwie alles verkehrt herum und man kriegt kein Auge zu.

Sie meinten gestern, dass die meisten Menschen Sie nur unter „Katzenklo“ kennen, dabei sind Sie ein profilierter Jazzmusiker. Stört Sie das?

Nee, das finde ich sogar gut. Das ist wie eine Tarnung. Ich freu mich darüber, wenn Leute überrascht sind, dass ich eine richtig gute Jazzplatte gemacht habe. Ich würde mich aber auch darüber freuen, wenn die Leute gar nicht wüssten, dass ich gute Jazzplatten mache. (lacht) Diese Tarnung zu haben finde ich gut. Ich hätte auch gar keine Lust, eine reine Musiktournee zu machen, wo ich jeden Abend nur Jazz spiele. Auf jeden Fall nicht auf so großen Bühnen. Diese Art der Musik gehört in kleine, schwitzige Clubs. Je größer die Bühne, desto schwerer ist es, bei der Musik zu bleiben.

Ich weiß, dass Sie nicht öffentlich über Ihr Privatleben sprechen, aber da wir gerade beim Jazz sind: Ist auch Kindererziehung Jazz?

Auf der Ebene des Vertrauens: ja. Beides braucht viel Vertrauen. Das lernt man ja auch mit der Zeit. Das ist bei meinen Kindern ähnlich. Vertrauen schafft Vertrauen. Generell ist es aber so, wenn du Kinder hast, die im schulpflichtigen Alter sind, und du selbst warst in der Schule keine große Nummer, dann ist es sowieso schwer, denen beizubringen, dass die immer aufpassen sollen. Ich muss gestehen, dass ich vieles, was die da lernen, gar nicht mehr beherrsche. So Bruchrechnung, Pythagoras und so Sachen, das kann ich alles gar nicht mehr. Da kann ich meinen Kindern nicht helfen.

Darf man Sie als einen mutigen Menschen bezeichnen?

Ja, darf man. Den Beruf zu machen, den ich mache, das erfordert schon Mut. Mut, gepaart mit einer Vorahnung, dass das alles schon in Ordnung gehen wird. Trotz der Existenzangst, über die wir ja gestern schon sprachen. Die aber auch erst aufkam, als ich schon drei Kinder hatte. (lacht) Da musste ich funktionieren – und habe das dann auch alles forciert. Zum Glück hat dann alles auch geklappt. Dabei lief das am Anfang gar nicht so gut.

Was lief nicht so gut?

Meine ersten Auftritte im Fernsehen oder als Schauspieler, die wurden alle rausgeschnitten, weil ich zu sehr übertrieben habe. Erst mit der Hilfe meines damaligen Nachbarn Werner Nekes, der Filme gemacht hat, hat das dann langsam geklappt. Wir haben zusammen „Johnny Flash“ gedreht, ich habe dafür einige Schlager geschrieben, die ich ja zum Teil bis heute spiele.

Sie haben auch mit Christoph Schlingensief gedreht.

Ja, den hatte ich damals auch kennengelernt, wir alle wurden Freunde und es ging peu à peu los. Aber Schauspiel war dann auch nicht so meins, das braucht alles so lange Vorbereitung, auch Selbstaufgabe. Während ich da auf die Bühne gehe und alles eins zu eins ist, bis hin zum Applaus. Der Schlingensief hat mir das auch immer gesagt, dass er mich um dieses Eins-zu-eins-Gefühl beneidet.

Was genau meinen Sie damit?

Ich stelle mich da einfach großkotzig hin und mache irgendwas, und das ist dann auch noch mein unmittelbarer Erfolg. Genau deshalb gibt es so viele Leute, die bei mir unverständig den Kopf schütteln, die sagen mir dann anerkennend ins Gesicht: „Du verdienst mit Scheiße Geld!“ Das finde ich völlig fehl am Platz. Denn was ich da mache, ist keine Scheiße. Ich gebe mir immer viel Mühe. Und um das Geld geht es sowieso nicht.

Echt nicht?

Die Leute denken immer, ich hätte so viel Geld. Stimmt aber gar nicht – ich gebe immer alles aus, für Musikinstrumente und Essen und so. Ich besitze auch keine Aktien und auch kein Geld, das sich irgendwie von selbst vermehrt. Ich bin meine eigene Aktie. Ich kenne auch Leute, die haben jetzt Bitcoins. Ich weiß nicht mal, was das ist. Da bin ich eben der Handwerker. Das bringt uns zurück ganz zum Anfang: Anscheinend muss ich eben tatsächlich immer weitermachen.

Gegen Mittag machen wir uns auf, zurück in die Stadt zum Bahnhof. Auf der Fahrt reden wir noch über die vielen Gewächshäuser: „Monsanto hat sich hier echt breitgemacht.“ Er zeigt mir eines der vielen Erntehelfer-Camps, in denen Nordafrikaner in Zelten und improvisierten Hütten leben. Kurz unterhalten wir uns noch über unsere Schwächen. Schneiders größte: „Autos und Motorräder. Alles, was ich an Geld übrighatte, habe ich immer in Oldtimer gesteckt. Sie glauben ja nicht, wie viele alte Peugeots und Citroëns ich schon hatte. Das ist so eine Schwäche, die braucht man wirklich nicht.“ Dann erzählt er von seinem Aston Martin DB4, den er mal besaß und unter Gelddruck weit unter Wert verkaufen musste. „Inzwischen wird das Modell mit bis zu einer Million Euro bewertet.“ Nein, ein guter Geschäftsmann ist Helge Schneider nicht.

Zur Person

Helge Schneider wurde am 30.08.1955 in Mülheim an der Ruhr geboren und fing schon als Kind an, Klavier und Cello zu spielen. Mit 16 brach er das Gymnasium ab, begann eine Bauzeichnerlehre, bestand aber ein Jahr später die Sonderbegabtenprüfung am Duisburger Musikkonservatorium. 1977 gründete er seine erste Band, mit seinem ersten Album startete 1989 sein Siegeszug als ‚singende Herrentorte'; Tourneen in wechselnden Besetzungen manifestierten seinen Erfolg. Inzwischen hat sich Schneider sein eigenes künstlerisches Universum als Musiker, Komponist, Entertainer, Autor, Schauspieler, Regisseur und Grafiker geschaffen; zuletzt erschien mit „Heart Attack No. 1“ eine reine Jazz- Platte, eingespielt mit einem guten Freund, dem Schlagzeuger Pete York. Schneider lebt wechselnd weiterhin in Mülheim sowie an der spanischen Costa del Sol.

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