Helge Schneider

Januar 2018 / Seite 2 von 4

Sie sind gern der Underdog?

Nee, das ist nicht das richtige Wort. Weil ich in meiner Gang schon auch Chef bin. Nee, ich sehe mich als Arbeiter, das ist ganz wichtig.

Haben Sie sich jemals richtig unfrei gefühlt?

Ja, frequenzmäßig.

Heißt?

Wenn man etwa als Barpianist irgendwo arbeitet, dann ist man dermaßen unfrei, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Man oktroyiert sich bei solchen Gelegenheiten schon selbst irgendwelche Bürden auf, die einen unfrei machen.

Beispiel?

Ach, ich habe mir für solche Gelegenheiten irgendwelche Lackschuhe gekauft und angezogen, und dann hatte ich kein Geld für ein Taxi, es regnete stark, und die Lackschuhe waren total kaputt, als ich in der Bar ankam, die Füße klitschnass. Das sind so Sachen, wo ich mich total unfrei fühle. Vor allem, wenn dann noch Leute kommen, die Musik eigentlich gar nicht leiden können, sich dann da hinsetzen, ein Lied von ABBA wünschen und dann beleidigt sind, wenn ich das nicht spiele – dabei habe ich es längst gespielt, sie haben es nur nicht erkannt, weil ich eben nicht ABBA bin.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe mich befreit, indem ich dann irgendwas anderes gespielt habe, das mich erfreut. Das haben die Leute dann nicht verstanden und waren sauer.

Was müsste passieren, damit Sie sich an diesem wunderschönen Ort hier plötzlich unfrei fühlen?

Wenn einer mit Handschellen käme. (lacht) Aber darum geht’s ja nicht. Ehrlich gesagt, leben wir alle ja heute keineswegs in Freiheit. Wir sind alle überwacht, wir überwachen uns selbst, wir stehen ständig parat und haben kaum noch Möglichkeiten zu entfliehen. Und selbst, wenn man das Handy mal ausmacht und sich bewusst gegen diese ständige Kommunikation entscheidet, hat man gleich wieder eine Klammer, jetzt gerade bewusst nicht erreichbar zu sein. Diese ganzen Phänomene der modernen Zeit machen uns unfrei. Das ist eine andere Unfreiheit als vielleicht in den 60er-Jahren, als vieles reglementiert war, was heute frei ist. Aber dafür haben wir neue Unfreiheiten.

Sind Sie, solche Vorgänge betreffend, ein romantisierender Nostalgiker?

Ich bin öfters romantisch in den Erinnerungen, aber es ist nicht so, dass ich darin schwelge. Ich habe diese Erinnerungen vielmehr vor Augen und bin einfach froh, dass ich gewisse Sachen noch erleben durfte. Vielleicht auch negative Sachen, die man heute nicht mehr erleben kann.

Zum Beispiel?

Na ja, eine Motorradtour durch die Alpen ohne Helm, und dann in Italien einfach irgendwo ein Zelt aufbauen, im Maisfeld morgens geweckt werden von zwei Carabinieri und die dann ganz unbedarft anlächeln und fragen: „Was wollen Sie?“ Sowas könnte mir heute nicht mehr passieren. Das sind schöne Erinnerungen, die man immer bei sich trägt. Was mir dabei auffällt, und auch das ist eine Form von Unfreiheit: dieses ständige Fotografieren. Man macht dauernd Fotos, ich ja auch von meinen Kindern, und am Ende bleibt aber immer doch nur ein Foto übrig, das bei einem bleibt. Und dieses Foto ist im Kopf und nicht an der Wand oder im Bilderrahmen. Daher: Das, was man intensiv und bewusst erlebt hat, ist viel wichtiger und nachhaltiger als jedes Erinnerungsfoto. Und wenn man in all diesen Situationen immer nur das Handy oder den Fotoapparat rausholt, statt sie bewusst zu erleben, dann erlebt man eben nicht mehr, sondern befasst sich nur noch mit der Technik. Auch von meinen Kindern sind die Erinnerungen die stärksten, von denen es keine Fotos oder sonstige Aufzeichnungen gibt. Und das ist genau richtig so.

„Viele hören gar keine andere Meinung mehr als die eigene, weil sie da in ihrer Blase sitzen und in ihrem komischen Weltbild immer nur bestätigt werden.“

Was machen Sie, wenn jemand bei einem Ihrer Auftritte die ganze Zeit das Handy hochhält?

Ich versuche, nonchalant darüber hinwegzugehen. Ganz am Anfang habe ich, wenn da einer nur Fotos gemacht hat, die Saalordner zu dem geschickt und ihm das Handy wegnehmen lassen. Aber irgendwann hat das dann überhandgenommen, und ich bin ja kein Diktator, der den Leuten vorschreiben will, wie sie ihren Abend verbringen. Aber das ist schon ’ne schlimme Pest. Inzwischen sehe ich aber, dass das dazugehört. Als ich mal bei Udo Lindenberg auf der Bühne war, habe ich bei einer Ballade gesehen, wie sie alle wie auf Kommando ihre Handys zückten und das Licht anmachten, wie früher mit den Feuerzeugen. Woher wussten die das? War wahrscheinlich im Programmheft vorgeschrieben. (lacht)

Sie sprachen vorhin schon das Thema Anerkennung an. Wäre das nicht doch ein Ziel für Sie, so wie Mario Barth mal ganze Fußballstadien zu füllen?

Nee. Ich habe aus Spaß neulich in der Berliner Waldbühne gespielt. Das war natürlich nicht voll, das habe ich auch vorher gewusst. Daher hat es mir gar nichts ausgemacht, dass es nur zu einem Drittel voll war. Aber das hat mir trotzdem unheimlich viel Spaß gemacht. Ich habe dann gleich für 2020 einen weiteren Termin ausgemacht. Mal gucken, wie viele dann kommen. (lacht) Vielleicht bin ich bis dahin ja auch ganz in Ungnade gefallen in Deutschland.

Die Gefahr sehen Sie aber nicht, oder?

Nee, eigentlich nicht. Aber man kann es ja nie wissen. Aber wenn man so einen Weg einschlägt wie ich, dann gehen eben manche Sachen einfach nicht mehr.

Was meinen Sie damit?

Was meinen Sie, wie oft ich schon überlegt habe, in die Politik zu gehen?

Ernsthaft?

Ja.

Warum das denn?

Weil mir manchmal so spontane Ideenmuster kommen, von denen ich glaube, dass sie einer Gesellschaft guttäten. Wie ich eben zum Beispiel die Sache mit den Handys und den ganzen Fotos beschrieben habe, da kommt mir dann so ein Blitzgedanke wie: Würde man es nicht weltweit vielleicht begrüßen, wenn von heute auf morgen alle Computer wieder verboten würden? Das denke ich dann so.

Und dann?

Schreiben alle wieder mit Bleistift und Papier.

Wäre die Welt dann eine bessere?

Auf jeden Fall eine echtere.

Mittlerweile wird es dunkel und frisch, wir gehen zurück zum Auto und fahren zu Schneiders Haus, keine zehn Minuten entfernt. Von außen wirkt das Haus zunächst klein, erst im Inneren bemerkt man, dass durch zahlreiche spätere Anbauten ein verwinkeltes, aber geräumiges Anwesen entstanden ist, mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, Platz für viele Instrumente und ein Studio. Schneider zeigt – nicht ohne Stolz – seinen großen Garten, in dem er gerade viel arbeitet. Arbeiten muss, denn in seinem Garten, wie in der ganzen Region, sind die jahrzehntealten mächtigen Kakteen eingegangen. Sie mussten ausgegraben und entsorgt werden, nun steht die Neubepflanzung an. Als er den Grund für dieses mysteriöse Massensterben erzählt, klingt es wie eine typische Helge-Schneider-Geschichte, nur ohne lustige Pointe: „Es gibt in Nordspanien eine Kosmetikfirma, die aus einer bestimmten Laus ein rotes Serum gewinnt, woraus die dann das Rot von Lippenstiften machen. Leider ist denen diese Laus entwischt, und sie kann fliegen. Die sind dann hierher geflogen und haben die Kakteen befallen. Und nun sind sie alle kaputt.“ Nur Kakteen in seinem Garten konnten gerettet werden – es sind so ziemlich die letzten Überlebenden der gesamten Gegend. Gerettet hat sie Schneiders Nachbar, der die Pflanzen in seiner Abwesenheit regelmäßig gewaschen hat.

Kommen wir noch mal auf Ihre Politikambitionen und diese Blitzgedanken...

Ja, davon habe ich regelmäßig welche. Gerade noch dachte ich an Nord- und Südkorea und daran, dass ich da jetzt am liebsten sofort hinfahren und denen sagen würde: „Unterhaltet euch mal miteinander. Ihr tut gut daran, das jetzt zu tun, weil die ganze Welt auf euch schaut. Und wie gut die Welt das finden würde und sich vielleicht ein Beispiel daran nähme.“ (Anm.: Nicht einmal eine Woche später geschieht genau das: Nord- und Südkorea nehmen Gespräche auf und entscheiden, unter gemeinsamer Flagge mit einem Team bei den Olympischen Winterspielen einzuziehen). Ich verstehe echt nicht, warum da keiner mal interveniert und denen sagt, dass sie von Gesprächen viel mehr haben, als wenn sie sich ständig gegenseitig zum Buhmann machen. Aber das ist ja alles auch eine Politik, die völlig diffus und ganz unten angesiedelt ist. Erst recht, seitdem Trump an der Macht ist, wird Politik immer rudimentärer.

Und was genau könnten Sie da als Politiker ausrichten?

Ich habe eben diese Qualität, und die finde ich auch nicht verwerflich, dass ich mich extrem gut in den anderen reinversetzen kann. Das habe ich vorhin ja schon erwähnt bei der Musik. Genauso ist das mit den Menschen, die global zu Hassobjekten aufgebaut werden, seien es Nordkoreaner, Chinesen oder wer auch immer. Wenn man sich in diese Leute reinversetzen kann, dann kommt man denen viel näher, als wenn man ihnen immer nur von außen begegnet.

Woran ist Ihr Weg in die aktive Politik denn gescheitert? Haben Sie keine passende Partei gefunden?

Ja genau. Man müsste parteilos sein – und trotzdem agieren können. Aber mein Weg in die Politik war von Anbeginn versperrt, schon weil ich Musiker und Komiker bin. Das zu sein, ist eben meine Form von Politik, und darin steckt ja auch ein Beitrag zur Gesellschaft. Das ist mindestens so viel wert wie eine Reise des Außenministers nach China.

Hätten Sie Lust, eine Rede im Bundestag zu halten?

In der Theorie vielleicht, aber ich weiß nicht, ob ich der richtige Typ dafür bin. Ich verfalle doch leicht in Polemik, und gerade an diesem Ort wäre die Gefahr groß. (lacht) Eine sehr bekannte Fake-Partei hat mich mal so aus Scherz angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, als Außenminister für seine Partei zu kandidieren. Da hab ich ihm gesagt: „Pass mal auf, mein lieber Freund, wenn ich das echt mache, kriegt ihr hinterher zehn Prozent, und dann guckt ihr doof aus der Wäsche.“ Der hat mir natürlich nicht geglaubt. Aber ich bin fest davon überzeugt: Wenn ich so richtig an der Werbetrommel drehen würde, dann würde ich es schon auf Trump-Niveau schaffen. Ist ja klar. (lacht)

Sie haben vor einer Weile auf Facebook ein Video gepostet, auf dem Sie Mandarinen schälen und währenddessen sehr dezidierte und klare Meinungen zu aktuellen politischen Vorgängen äußern. War das einer dieser Blitzgedanken?

Ja, das war komplett ungeplant und spontan. Das war reines Gefühl. Ich fand es interessant, was die Leute dann da alles reininterpretiert haben, aber vom Gefühl war es doch genau richtig, zu dem Zeitpunkt sowas zu machen. Und es hat auch etwas bewirkt, möchte ich behaupten. Es hat dann einer aus Side, das ist diese Stadt an der Grenze zu Syrien in der Türkei, sein eigenes Ding daraus gemacht und statt Mandarinenschalen wegzuwerfen, Figuren von internationalen Führern weggekickt. Das fand ich dann scheiße und hab dem das auch verbieten lassen, weil ich das so gar nicht meinte. Ich wollte keine einzelnen Personen rauskicken, sondern eine ganze Idee, die ich falsch finde. Dieser Türke hat sich dann total aufgeregt und mir geschrieben, ich sei ein Feigling. Aber es ging mir darum, etwas ganz Grundsätzliches zu thematisieren.

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