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Freunde fürs Leben

„Wir wollen, dass die Menschen frei über seelische Gesundheit sprechen.“

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18. Januar 2018, Berlin. Über seelische Gesundheit spricht man oft erst, wenn es zu spät ist. Der Verein “Freunde fürs Leben“ will das ändern. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Gerald Schömbs hat die PR-Beraterin, Journalistin und Dozentin Diana Doko den Verein ins Leben gerufen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Thema Suizid ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Ihre Forderung: Seelische Gesundheit muss so selbstverständlich werden wie körperliche – und das Thema gehört endlich auf die politische Agenda.

Frau Doko, Sie sagen, Sie werden nach Interviews regelmäßig von Politikern eingeladen. Was wollen die von Ihnen?

Wenn wir als Verein in den Medien auftauchen, erinnern sich die Politiker mal wieder daran, dass wir ja eigentlich doch ganz interessante Arbeit leisten – und dann wollen sie mit uns darüber sprechen. Jedoch ist bisher darüber hinaus noch nichts passiert: Seelische Gesundheit ist bis heute kein Thema auf der gesundheitspolitischen Agenda, dabei wäre es so wichtig, die Bevölkerung darüber aufzuklären. Das Thema in die Öffentlichkeit zu bekommen, ist daher unser Hauptziel. Jährlich sterben rund 10.000 Menschen durch Suizid. Wenn diese Zahlen regelmäßig veröffentlicht würden, dann wäre das Thema viel präsenter. Aber das ist nicht der Fall. Es gibt auch keine Werbekampagne, die kurz erklärt, was man machen und an wen man sich wenden kann, wenn es jemandem im Freundeskreis offensichtlich schlecht geht. Ich merke das ja immer wieder in meinem eigenen Umfeld, da sprechen die Leute dann vom Freund eines Freundes und fragen, ob ich ihnen nicht einen Therapeuten empfehlen könne.

Ist das nicht der richtige Weg?

Nein, ich erkläre dann jedes Mal, dass es so eben nicht funktioniert, sondern dass man erst zum Allgemeinarzt gehen, sich dort eine Überweisung holen sollte und entweder hat der Allgemeinarzt einen Tipp oder man sucht über die Website http://www.psych-info.de einen Therapeuten in seiner Nähe und sieht dann auch gleich, ob dieser über Kasse oder privat abrechnet. Und die ruft man dann an. Es heißt zwar immer, dass man keine Therapeuten findet, aber wenn man diese Schritte kennt, dann findet man meist eben doch einen. Das größte Problem ist also nicht der Versorgungsnotstand, sondern die fehlende Aufklärung? Genau. Alleine in Berlin hat jeder Bezirk einen kostenlosen Krisendienst, der 24 Stunden geöffnet ist und echt gute Therapeuten hat. Da kann man einfach hingehen und reden, und das hilft ja manchmal schon weiter. Auf dem Land mag das anders aussehen, aber mit dem Wissen, dass es eine Website gibt, in die man seine Postleitzahl eingibt und angezeigt bekommt, was es in der Nähe an Therapeuten gibt, wäre den Menschen schon sehr geholfen. Hinzu kommt, dass man sich ja auch online beraten lassen kann. Es gibt Apps wie die Arya App, es gibt Online-Therapien wie auf selfapy.de oder für Geflüchtete auf Arabisch, es gibt so viel. Die Leute, die das entwickeln, melden sich dann oft erst bei uns oder wir entdecken sie online – und veröffentlichen diese Hilfsangebote auf unseren Kanälen. Leider berichten die Medien oft nicht wirklich darüber, weil viele Redakteure zu den Themen seelische Gesundheit und Suizid nicht ausreichend geschult sind. Es gibt bei den Themen Depressionen und Suizid eine Hemmschwelle. Und die muss weg.

Warum sagen Sie Suizid statt Selbstmord?

Worte werden niemanden daran hindern, sich das Leben zu nehmen, aber es geht mir um den Respekt den Toten gegenüber. Mord, das weiß jeder Jurist, geschieht aus Hinterhalt und Niedertracht. Man kann Selbsttötung sagen oder dass sich jemand das Leben genommen hat. Ich stoße oft auf Unverständnis, wenn ich so locker über das Thema spreche, weil viele so gehemmt oder gar nicht darüber reden. Dabei hat genau das mit Respekt zu tun: Ich kann niemandem vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat, und wenn jemand todkrank ist und sterben will, dann verstehe ich auch seinen letzten Wunsch, in die Schweiz zu fahren und sich dort helfen zu lassen. Worum es geht, ist, darüber zu sprechen und zu zeigen, dass Suizid nicht die Lösung ist.

Sie wünschen sich zur seelischen Gesundheit ähnliche Aufklärungskampagnen wie zu Alkoholsucht oder Sicherheit im Straßenverkehr. Warum werden diese Themen Ihrer Meinung nach eher gefördert?

Das werde ich oft gefragt. Ich kann es ehrlich nicht sagen. Ich denke, dass Tod an sich ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist. Das merkt man schon bei Beerdigungen, bei denen in anderen Ländern laut geweint und gefeiert wird, der Schmerz über den Verlust einer Person wird eher rausgelassen, während es bei uns oft nach einer Beerdigung zum Leichenschmaus geht und keiner über den Toten oder Gefühle redet. Depressionen sind auch ein Tabuthema. Sie werden immer noch nicht als Krankheit gesehen, die man behandeln kann. Wir müssen darin geschult werden, dass wir bei Anzeichen von Depressionen ganz automatisch zum Therapeuten gehen, so wie wir mit gebrochenem Arm zum Orthopäden gehen und mit Blasenentzündung zum Frauenarzt. In Amerika gehört es schon fast zum guten Ton, einen Therapeuten zu haben. Hierzulande bedeutet es, dass man nicht funktioniert – und das ist wie ein Stigma. Dabei funktionieren irgendwann genau die Menschen nicht, die Depressionen lange unbehandelt mit sich herumschleppen, denn diese brechen irgendwann zusammen. Sich gesundheitlich nicht zu pflegen, hält man auf Dauer nicht durch. Ständig unter seelischen Schmerzen zu leiden, ist wie chronische Kopfschmerzen – und bei denen würde man auch nach Ursachen suchen und sich dann schonen oder Tabletten nehmen.

Kopfschmerzen hat jeder schon mal gehabt…

… aber Depressionen kann ja auch jeder bekommen! Das ist es ja gerade, dafür muss sich keiner schämen. Jeder Mensch erlebt Situationen, die ihn überfordern. Vielleicht stirbt ein Elternteil und man hatte nicht die Gelegenheit, sich zu verabschieden. Oder man sieht etwas, das man nicht verarbeiten kann. Ich weiß noch, wie ich als Jugendliche jedes Wochenende demonstrieren gegangen bin, weil ich dachte, wir gehen alle unter: Tschernobyl, Krebs, wir dürfen gar nichts mehr essen. Ich hatte die Demonstrationen als Ventil, aber Freunde von mir haben in dieser Zeit richtige Angststörungen entwickelt. Einige von ihnen haben diese bis ins Erwachsenenalter mit sich herumgeschleppt und erst dann mit einer Therapie begonnen, andere schleppen immer noch so einiges unverarbeitet mit sich herum.

Die Arbeit von „Freunde fürs Leben“ fokussiert sich auf Jugendliche und junge Erwachsene. Ist das ein Alter, in dem Depressionen besonders häufig vorkommen, oder ein Alter, in dem man leichter an die Menschen herankommt?

Die Inspiration zur Vereinsgründung war damals ein Plakat, das ich in der U-Bahn gesehen habe. Es sollte Jugendliche auf das Thema Depressionen aufmerksam machen, hat das aber auf eine sehr esoterische Art gemacht, die niemals funktionieren konnte. Ich dachte damals direkt: Das ist doch eine MTV-Generation. Welcher junge Mensch reagiert auf solch ein Eso-Plakat? Das geht doch besser. Ich komme aus der PR, kannte diese besagte Generation und wusste, dass man da viel angstfreier kommunizieren muss. Eine nationale Aufklärungskampagne zum Thema seelische Gesundheit wäre daher mein Traum. Wir haben die Plakate schon in der Schublade. Man kann es ja besser machen.

„Man sollte nicht das Gefühl haben, jemanden vor den Kopf zu stoßen, nur weil man auf sich selbst achtet. Viele Menschen in helfenden Berufen haben Schwierigkeiten, hier die Balance zu finden.“

Was wird denn falsch gemacht?

Wenn ich sehe, wie beispielsweise an der Schule meines Sohnes über Alkoholsucht gesprochen wird, finde ich das albern. Da wird davon ausgegangen, dass Jugendliche mit 15 Jahren noch überhaupt keine Ahnung haben. Das animiert eher noch dazu, es zu probieren, weil es aus der Sicht der Jugendlichen so peinlich ist, wie man mit ihnen über Alkohol oder Drogen spricht. Wir zeigen mit Instagram, Facebook und Youtube, wie es anders gehen kann. Man kann mit 15-Jährigen nicht sprechen wie mit Fünfjährigen. Was wir in den sozialen Medien machen, spricht die Jugendlichen an. Und genauso kann man es auch mit Plakaten machen. Nach der Vereinsgründung hatten wir sogar mal eine kleinere Plakatkampagne. Wir haben den Verein, der dieses wenig gelungene Eso-Plakat zum Thema Suizidprävention aufgehängt hatte, angesprochen und eine Kampagne für ihn entwickelt. Wir haben die Zielgruppe analysiert und gesehen, dass Mädchen zwar eher Suizid versuchen, es aber bei Jungs eher klappt. Deshalb haben wir unsere Kampagne speziell auf Jungs zugeschnitten. Damals war gefühlt jeder tätowiert, deshalb war auf unserem Plakat ein tätowierter Oberarm zu sehen mit der Nummer der Telefonseelsorge drauf, nach dem Motto: Tätowieren tut weh, anrufen nicht. Die Plakate hingen eine Woche in der U-Bahn, und viele Jugendliche haben darauf reagiert und sich Hilfe gesucht.

Kampagnen, die über Zigaretten, Alkohol oder zu schnelles Fahren aufklären sollen, setzen oft auf Abschreckung. Man denke nur an die Bilder auf den Zigarettenschachteln oder an Plakate an Autobahnen. Warum machen Sie das anders?

Das Thema ist schon so angstbehaftet, da wollen wir nicht noch mehr Angst schüren. Selbst Journalisten wissen oft nicht, wie sie in Interviews mit mir über das Thema sprechen sollen. Wir wollen, dass die Menschen frei über seelische Gesundheit sprechen können. Deshalb machen wir Projekte wie den „Bar-Talk“ mit Markus Kavka, ein Interviewformat auf frnd.tv, in dem wir mit Prominenten über deren Höhen und Tiefen reden. Es hilft, wenn dann zum Beispiel Clueso sagt, dass er zwar keine Depressionen habe, aber eben auch mal dunkle Momente und erklärt, was er tut, um aus diesem dunklen Loch dann herauszukommen. Wir reden ja über alles Mögliche, gerade Emotionen sind ein Dauerthema, also warum nicht auch über Depressionen? Es muss okay sein, auf die Frage, wie es mir geht, mal nicht einfach nur „gut“ zu sagen, ohne dass sich dann gleich alle wegdrehen, weil es unbequem werden könnte. Wir möchten, dass das Thema angstfrei angegangen wird. Es kann ja nicht immer alles geil sein da draußen, muss es ja auch nicht.

Gibt es ein Beispiel für gelungene Kampagnen zu anderen Themen?

Ja, bei Aids sind wir in der Hinsicht schon ein gutes Stück weitergekommen. Als ich zur Schule ging, wurde nicht über Aids geredet, wir wussten damals kaum etwas über die Krankheit. Meine Mutter hat beispielsweise darauf bestanden, dass ich jedes Jahr einen Aids-Test mache. Nicht weil sie Paranoia hatte, sondern um aufzuklären. Und sie hat darauf bestanden, dass meine Lehrer mit uns darüber reden. Damals dachten wir ja noch, dass wir uns über den Speichel anstecken könnten, wir hatten keine Ahnung. Heute wissen wir viel mehr darüber, auch die Jugendlichen. Ich habe den Eindruck, die reden komplett offen darüber und wissen genau, was zu tun ist. Meine Mutter hat mir erzählt, dass es bei ihr früher beim Thema Krebs ähnlich war, da wurde auch nicht darüber gesprochen. Wenn jemand gestorben ist, dann hat man nicht gesagt, woran. Heute weiß man ziemlich viel über Krebs, und genauso würde ich mir das bei seelischen Erkrankungen wünschen: Es kommt eben auch darauf an, wie man darüber redet. Wir wenden uns zwar an Jugendliche, aber es gibt auch viele Eltern, die unsere Videos gucken und mir dann ganz erstaunt sagen, dass wir das Thema so frei und ohne Angst besprechen. Das stimmt auch, wir haben keine Berührungsängste bei dem Thema.

Ihr Bruder hat sich 1998 das Leben genommen. Konnten Sie damals auch direkt so frei darüber sprechen?

Nach dem Suizid meines Bruders habe ich mir erst mal ein Jahr Auszeit genommen, weil ich trauern musste. Ich wollte für meine Eltern da sein, musste erst mal mit mir selbst klarkommen. Ich hatte mit meinem Bruder zusammengewohnt und wusste, dass er depressiv war. Er hat sich zu einem Zeitpunkt das Leben genommen, als der Therapeut zu uns gesagt hatte, dass alles gut und er über den Berg sei. Mein Bruder meinte damals: „Mir geht es gerade so gut, dass mich allein der Gedanke daran killt, dass es mir wieder schlecht gehen könnte.“ Er hatte große Panik davor, wieder in ein Loch zu fallen. Ich weiß heute, dass er einen Umgang damit gefunden hätte, wenn er die Therapie fortgesetzt hätte.

„Ich glaube, dass man in einer Gesellschaft ohne politische Forderungen nichts verändern kann. Hashtags ohne Konsequenzen bringen nichts.“

Man kann also mit der Krankheit umgehen lernen?

Ja, man kann lernen, was man machen kann, wenn die Schübe kommen. Ich habe inzwischen so viele Gespräche mit Depressiven geführt, dass ich heute weiß, was damals passiert ist. Und ich weiß auch, dass es Lösungen gibt. Wobei das Thema Depression kein Tabu zwischen meinem Bruder, meiner Mutter und mir war. Wir wussten, dass mein Bruder depressiv war und wir haben als Familie Hilfe in Form von Therapien gesucht. Ich konnte und kann immer noch über den Suizid meines Bruders sprechen und meinen Gefühlen nach dem Verlust eines geliebten Menschen Ausdruck geben. Jedoch habe ich damals immer wieder festgestellt, dass andere Menschen nur schwer mit dem Thema Suizid umgehen konnten. Shame one me – ich habe damals sogar ein kleines Experiment gemacht.

Ist das Ziel beim Verdacht einer Depression immer die Therapie?

Nein, das erste Ziel ist immer das Erstgespräch beim Krisendienst oder einer ähnlichen Stelle. Da hat man dann eine Stunde, um gemeinsam zu gucken, was man macht. Wenn die sagen, dass eine Therapie sinnvoll ist, helfen die auch dabei, eine zu bekommen. Unser Ziel ist es immer, die Leute in seelischer Gesundheit zu schulen. Das fängt damit an, dass wir zum Beispiel bei Facebook fragen, was man gegen schlechte Stimmung tun kann. Einige sagen dann vielleicht, dass sie einen Spaziergang machen, andere nehmen diese Idee dann auf, zwei Stunden später fragen sie dann, wie denn der Spaziergang war. Es hilft dann eben nicht die enge Freundin oder der Freund, sondern auch die Stärke der sozialen Medien.

Hier sind diese Medien dann also tatsächlich noch: sozial.

Genau, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ich musste auch erst lernen, wie man beispielsweise über eine Plattform wie Instagram aufklärt. Das haben mir dann unsere Praktikanten erklärt, die eine viel höhere Affinität zu diesen sozialen Kanälen haben als ich. Und ich finde es genial! Meine Eltern haben damals auch gesagt, dass man vom Telefonieren blöd wird, wenn ich als Jugendliche in Berlin stundenlang mit Freunden telefoniert habe. Hat ja damals nüscht gekostet in West-Berlin – ein Telefonat 23 Pfennig, egal wie lang. Heute denkt man so eben über andere Medien. Ich frage meinen Sohn auch, warum er stundenlang auf WhatsApp rumhängt, aber das ist eben seine Art, mit seinen Freunden zu kommunizieren. Eigentlich geht es darum, eine Verbundenheit zu schaffen und jede Generation tut das auf ihre Weise.

Andererseits kann man bei Ihnen ein T-Shirt kaufen, das das Prinzip „Digital Detox“ anpreist, also eine Abstinenz von digitalen Medien. Wie passt das zusammen?

Wir möchten niemandem etwas vorschreiben, wir wollen nicht klingen wie die Eltern. Es geht darum, Anregungen zu geben, auch mal offline etwas zu machen, einen Spaziergang etwa oder sich mit Freunden zu treffen. Uns ist wichtig, dass unsere Inhalte wertvoll sind. Wir haben Inhalte zum Thema Resilienz, Buchtipps, Musiktipps – aber wir würden zum Beispiel nicht einfach nur ein Foto ohne Beschreibung posten, nur um überhaupt etwas zu posten. Das ist mir sehr wichtig. Es geht immer darum, was man vermitteln möchte, welchen Bezug man zu jenem Video oder diesem Song als Verein hat.

Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, ob es sinnvoll ist, Spaziergänge oder Schaumbäder als Mittel gegen Depressionen anzuführen – oder ob diese Anregungen diese Krankheit nicht verharmlosen. Wie sehen Sie das?

Ein Bad hilft natürlich nicht gegen Depressionen, das schreiben wir auch nicht, aber es kann helfen, um sich selbst Gutes zu tun. Ich spreche lieber über seelische Gesundheit als über Depressionen, weil Depressionen nur eine von vielen seelischen Erkrankungen sind. Es gibt Bulimie, es gibt Panikattacken, es gibt Borderline, es gibt so viel. Es geht immer darum, wie man es schafft, seelisch gesund zu bleiben.

„Es gibt bei den Themen Depressionen und Suizid eine Hemmschwelle. Und die muss weg.“

Sollte man diese seelische Gesundheit regelmäßig checken, so wie man zweimal im Jahr zum Zahnarzt geht?

Ja, ich würde mir wünschen, dass Menschen regelmäßig in sich hineinhorchen und sich etwas Gutes tun. Wenn sie merken, dass das Bad, der Spaziergang oder das Gespräch mit der Freundin irgendwann nichts mehr bringen, dann trauen sie sich im besten Fall, professionelle Hilfe zu ersuchen. Das ist ja kein einfacher Schritt, aber wenn der ganze Freundeskreis darin geschult ist, aufeinander zu achten, dann fällt er leichter. Das Leben ist halt sehr stressig, da ist es wichtig, auf sich zu achten.

Wobei Depressionen ja auch nicht zwangsläufig mit äußeren Umständen zusammenhängen.

Das mag sein. Da ich weder Therapeutin noch Wissenschaftlerin bin, kann ich hier nur das weitergeben, was ich im Laufe meiner Vereinsarbeit gelernt habe. Seelische Erkrankungen können nicht von einer auf die andere Generation übertragen werden. Wenn ich jedoch in einer Familie aufwachse, in der seelische Erkrankungen vorhanden sind, dann besteht die Prädisposition für die Entwicklung einer solchen. Es gibt auch nicht die eine Ursache. Risikofaktoren für psychische Probleme, Störungen oder Erkrankungen könnten bei Jugendlichen z.B. die Trennung oder Scheidung der Eltern sein, Alkohol- und Drogenkonsum in der Familie, sexueller Missbrauch, all sowas…

Was gibt es neben familiären Problemen noch für Risikofaktoren für Jugendliche?

Drogen zum Beispiel können bestimmte Zustände verstärken. Es wäre zwar utopisch zu glauben, dass Jugendliche weder Alkohol noch das Kiffen ausprobieren, doch wenn man ihnen in ihrer Sprache erklärt, wie es ihnen schaden kann, solange sie im Wachstum sind und dass man auf Drogen auch hängen bleiben kann, dann verstehen sie es meist auch. Gras ist doch heute so überzüchtet und wird oft mit anderen Substanzen gestreckt, dass man oft gar nicht wissen kann, was man da eigentlich zu sich nimmt. Wenn man dann labil ist und merkt, dass es einem nicht so gut geht, dann ist das eher kein guter Zeitpunkt, mit Drogen herumzuprobieren, das gilt so auch für Alkohol. Auch in diesem Fall sind Lehrer oft geschockt, wenn wir beginnen, über diese Themen zu reden. Wenn sie dann merken, dass es funktioniert, lassen sie uns aber.

Ihr Rezept ist also: nichts verschweigen.

Ich muss Ahnung von dem haben, worüber ich spreche. Ich spreche angstfrei und klar über Themen, die in unserer Gesellschaft vielleicht noch ein Tabu sind, mit denen wir aber alle auf die eine oder andere Art und Weise zu tun haben. Jugendliche und junge Erwachsene merken extrem schnell, ob man authentisch ist oder nicht. Und ich interessiere mich wirklich für ihre Welt. Nur so findet man einen geeigneten Zugang.

Sie haben schon angedeutet, welche große Rolle Popkultur spielen kann, wenn man mit Jugendlichen ins Gespräch kommen will. Zuletzt hat die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ das Thema Suizid auf kontroverse Art behandelt, unter anderem wegen einer Szene, in der sich die Protagonistin sehr dramatisch das Leben nimmt. Die Serie glorifiziere Depressionen, sagen einige Kritiker. Haben Sie Ihren Sohn das anschauen lassen?

Ja, mein Sohn hat die Serie auch gesehen und ich hätte sie gern mit ihm zusammen geschaut, da mir manche Szenen in der Serie zu detailliert und zu krass dargestellt wurden.

Wie ist denn Ihre persönliche Meinung zu der Serie?

Grundsätzlich finde ich es erst einmal gut, wenn es eine öffentliche Auseinandersetzung mit Suizid und Depression gibt. Ich glaube, dass „Tote Mädchen lügen nicht“ eine Strategie der Suizidprävention verfolgt, die sich vordergründig an Freunde und Eltern von Betroffenen richtet. Durch die detaillierte Darstellung von Hannahs traumatischen Erfahrungen sowie ihres Suizids sollen seelisch unbelastete Menschen ihr Leiden und ihre Gefühlswelt besser nachempfinden und verstehen können. So wird dem Zuschauer die Dringlichkeit des Themas und seine eigene Verantwortung im Hinblick auf sein Verhalten gegenüber Mitmenschen und deren Seelenzustand bewusst. Auf der anderen Seite besteht bei dieser Strategie allerdings tatsächlich die Gefahr, dass sich Zuschauer mit Depressionen oder akuten Suizidgedanken mit der Hauptfigur Hannah identifizieren und die scheinbare Ausweglosigkeit ihrer Geschichte auf ihren eigenen Leidensweg projizieren. Ich bin mir dieser Gefahr bewusst und die berechtigten Warnungen von Psychologen weltweit beziehen sich vor allem auf die gefährlichen Folgen für jugendliche Zuschauer mit seelischen Erkrankungen. Es handelt sich dabei um den sogenannten “Werther-Effekt”, der besagt, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Anzahl an Suiziden und der Behandlung des Themas in den Medien gibt. Gleichzeitig lassen sich aus der Serie aber eben auch positive Erkenntnisse für eine erfolgreiche und gefahrlose Suizidprävention ableiten. Dabei gilt es vor allem, eine gegenteilige Wirkung zu entfalten: den sogenannten “Papageno-Effekt”. Demnach sinkt die allgemeine Suizidrate nachweislich, wenn in den Medien über Menschen berichtet wird, die Krisensituationen konstruktiv und ohne vollendeten Suizid bewältigten. Der Schwerpunkt einer effektiven Aufklärungsarbeit muss also darauf liegen, den Betroffenen Hoffnung zu machen und ihnen klar zu zeigen, dass Depressionen behandelbar sind und Suizidgedanken mit professioneller Hilfe überwunden werden können. Es reicht nicht, die Problematik darzustellen – positive Botschaften müssen her!

Wie haben Sie das denn bei Ihrem Sohn erlebt?

In seiner Klasse haben alle diese Serie geguckt, das kann etwas Verbindendes haben. Statt immer nur die Versäumnisse in Bezug auf „Tote Mädchen lügen nicht“ zu beklagen, sollten wir endlich damit beginnen, mit den Jugendlichen über die Serie und das Gesehene zu sprechen. Meinem Sohn habe ich zum Beispiel gesagt, wie krass ich die Suizid-Szene fand und bin darüber mit ihm ins Gespräch gekommen. Es ist wichtig, herauszufinden, wie es Jugendlichen damit geht, damit sie diese Eindrücke nicht alleine mit sich herumtragen. Tabuthemen wie Suizid und Depression ansprechen, die Fakten kennen, zuhören und wissen, was zu tun ist. Wie wunderbar wäre es, wenn mehr Menschen in unserer Gesellschaft das alles beherrschen würden.

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Zur Person

Diana Doko (46) arbeitet seit 1998 als freie PR-Beraterin, Kommunikationsexpertin und Projektleiterin für Agenturen, Unternehmen und Organisationen. Seit 2009 lehrt sie PR und Marketing an zwei Berliner Hochschulen. Zusammen mit Gerald Schömbs gründete sie 2001 den Verein „Freunde fürs Leben“ und erhielt für ihr soziales Engagement bereits diverse Auszeichnungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Freunde fürs Leben

Ziel des Vereins ist es, durch gezielte Informationsvermittlung über Warnsignale, Hilfsangebote und Therapiemöglichkeiten Suizide zu verhindern. Mit kreativen und jugendlichen Projekten und Kampagnen will der Verein mehr Akzeptanz für die Tabu-Themen Depression und Suizid erzeugen. Neben dem Info-Portal frnd.de mit Fakten, Tipps, Adressen und Selbsttests, gibt es den ersten deutschen Youtube-Kanal zum Thema seelische Gesundheit. In dem Interviewformat „bar-TALK“ auf frnd.tv interviewt Markus Kavka andere Prominente wie Prinz Pi, Clueso oder Wana Limar.

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