Musik

21.05. | Album der Woche

Twenty One Pilots • Scaled And Icy

Atlantic/Warner

21.05. | Album der Woche - Twenty One Pilots • Scaled And Icy

Mut zum Ursprung

Es gibt kaum ein Duo, das im Musikgeschäft erfolgreicher ist als die Twenty One Pilots. Während anderen der Ruhm zu Kopf steigt, gibt sich Schlagzeuger Joshua Dun im Gespräch zum neuen Album „Scaled And Icy“ nicht nur bodenständig, sondern lässt durchblicken, dass Erfolg kein Garant für ausbleibende Selbstzweifel ist.

Joshua, Sie und ihr Bandkollege Tyler Joseph sind beide in Columbus, Ohio aufgewachsen. Was bedeutet Heimat für Sie?
In den vergangenen zehn Jahren waren wir viel unterwegs. Dadurch ist dieser Begriff für mich verschwommen. Manchmal fühlte sich ein Bus nach einem Zuhause an, manchmal ein Haus. Wenn ich ein eigenes Bett mit meinem Kissen und einen Großteil meiner Klamotten habe, dann fühlt sich das auch schon wie Heimat an. Aber der Begriff wandelt sich im Laufe eines Lebens.

Inwiefern?
Meine Frau und ich haben die letzten Jahre in Los Angeles gelebt und uns dann entschieden, wieder nach Columbus zurückzuziehen. Man kann eine Weile woanders leben, aber in einer bestimmten Lebensphase realisiert man, wie wichtig es ist, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Gerade bedeutet „zu Hause“ für mich also die Nähe zu meiner Familie. Natürlich hat der Umzug auch Vorteile für die Band. Tyler und ich arbeiten zwar sehr gut über die Distanz, aber es ist ein schönes Gefühl, wieder mehr Zeit zusammen zu verbringen.

Ihr neues Album „Scaled And Icy“ ist mitten in der Pandemie entstanden.
Genau. Wir haben das Album getrennt voneinander jeweils bei uns zu Hause aufgenommen. Tyler hat mir die Songs geschickt und ich habe das Schlagzeug eingespielt. Ich hatte schon immer Spaß daran, mit Sound zu experimentieren, deswegen hatte ich bereits einiges an Equipment. Als dann klar wurde, dass es keinen anderen Weg geben würde, um das Album aufzunehmen, war das der perfekte Grund dafür, meinem Studio den letzten Schliff zu verpassen. Auch wenn der Sound noch nicht perfekt ist, hat mir der Prozess viel Spaß gemacht.

Hatte es darüber hinaus Vorteile zu Hause aufzunehmen?
Für mich hat dieser Umstand einiges an Druck genommen. Wenn man im Studio ist, können viele Leute erst Feierabend machen, wenn ich fertig bin. Zu Hause konnte ich mir so viel Zeit lassen, wie ich wollte.

Fällt es da nicht schwer, Dinge als „fertig“ anzusehen?
In der Tat, das ist für uns beide schwieriger gewesen. Im Studio spiele ich Schlagzeug, und der Typ hinter dem Computer sagt dann irgendwann: „Okay, wir haben es“, und ich erinnere mich gar nicht daran, was genau ich getrommelt habe. Ich habe an mich selbst aber einen höheren Anspruch, als nur den Song von Anfang bis Ende durchzuspielen. Zu Hause habe ich mir die Spuren angehört und angepasst. Diesen Prozess habe ich mehrfach durchlaufen und wenn ich dann das Gefühl hatte, dass ich alle Ideen ausprobiert und die beste herausgefiltert hatte, war der Song für mich fertig.

Die Songs auf „Scaled And Icy“ klingen im Vergleich zu den Vorgängeralben deutlich positiver, die Texte hingegen sind weiterhin düster. Ist diese Ambiguität beabsichtigt?
Was an der Oberfläche fröhlich klingt, muss thematisch nicht den gleichen Weg einschlagen. Uns war es wichtig, in dieser dunklen Zeit etwas Sonne zu verbreiten, aber gleichzeitig wollten wir tiefgründige Themen behandeln. Manche Dinge, die man in jüngeren Jahren durchgemacht hat, verschwinden nie ganz. Sie entwickeln sich höchstens zu etwas, das man mittlerweile besser bewältigen kann. Durch den Kontrast zwischen Sound und Text hört man diesen Prozess auch unserer Musik an.

Wie unterstützen Sie Tyler beim Songwriting?
Tyler neigt manchmal zur Überkompensation. Er fängt mit einer einfachen Idee an und versucht dann, sie komplizierter oder rauer zu machen. Ich ermuntere ihn dazu, auch diese ursprünglichen Ideen zuzulassen und keine Angst davor zu haben.

Wovor haben Sie Angst?
Wenn wir mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen, versuchen wir, uns von externen Einflüssen freizumachen. Aber ich schaffe es nicht, diese gänzlich auszublenden: Auf der einen Seite stehen unser Label und die Erwartungen der Fans. Andererseits möchten wir Musik machen, die wir selbst gerne hören und uns von Album zu Album steigern. Wir versuchen, alle diese Variablen auszubalancieren und es schwingt definitiv die Angst mit, dass uns das nicht gelingt.


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Twenty One Pilots
Scaled And Icy

Atlantic / Warner, 21. Mai

„Tanzbar” ist kein Adjektiv, das man typischerweise mit den Twenty One Pilots assoziiert. Aber außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen und so hält das Duo aus Ohio mit „Scaled And Icy“ triumphierend Einzug auf allen Tanzflächen – wenn diese denn wieder geöffnet sind. Egal ob mit „Good Day“ und dessen Sixties-Vibe oder dem waschechten Indie-Pop von „Shy Away“: Twenty One Pilots zeigen sich auf ihrem sechsten Studioalbum so hoffnungsvoll und positiv wie nie zuvor. Aber wie jede Medaille hat auch „Scaled And Icy“ eine Kehrseite. Wer genauer hinhört, stellt schnell fest, dass die lyrische Tiefgründigkeit dem optimistischen Sound nicht zum Opfer fiel, vielmehr als Komplementärfarbe mitschwingt. Wer Selbstzweifel so selbstverständlich in den nächsten Sommerhit verpackt, darf sich von seinen eigenen getrost verabschieden.


Foto: Ashley Osborn

Katharina Raskob