Musik

10.01. | Album der Woche

Kinga Glyk • Feelings

Warner

10.01. | Album der Woche - Kinga Glyk • Feelings

Für Kinga Glyk fing alles mit einem Song von Eric Clapton an. Drei Jahre später hat sich die erst 22-jährige Polin vom YouTube-Phänomen zu einer festen Jazz-Größe entwickelt. Auch auf ihrem neuen Album „Feelings“ dreht sich bei ihr natürlich alles um den Bass. Kurz vor Start ihrer nächs-ten Tour mit neu besetzter Band haben wir sie zum Interview getroffen.

GlykKinga Glyk, der Tourplan für die kommenden Wochen hat kaum Lücken. Wie halten Sie sich unterwegs fit?
Ich gehe direkt nach dem Konzert ins Bett. Ohne genug Schlaf kannst du keine vernünftigen Kon-zerte spielen. 21 Shows in einem Monat, das gab es bei mir vorher noch nie. Ich freue mich natür-lich riesig darauf, aber es ist auch eine große Herausforderung. Wir haben zum ersten Mal einen Roadie, das ist sehr viel wert. Es gibt mir noch mehr Zeit für Erholung, wenn sich jemand um meinen Bass kümmert. Und mehr Gelegenheiten zum Üben.

Üben? Sie spielen doch ohnehin fast jeden Abend.
Ich möchte das einfach. Üben, mein Spiel verbessern. Das macht mir Spaß. Dennoch - genug Schlaf ist unterwegs ganz sicher das Wichtigste. (lacht)

Benötigen Ihre Finger aufgrund dieser konstanten Beanspruchung eine besondere Behandlung?
Nein, da habe ich wirklich Glück, die sind eigentlich immer bereit. Gerade wenn ich so viel spiele wie auf Tour.
Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Auftritt? Oh ja. Das war zu Hause in Polen, mit unserer Familien-Band. Mein Vater spielte Vibraphon, mein Bruder saß am Schlagzeug, der war gerade mal neun Jahre alt. Das war ein Riesenspaß, auch wenn ich nicht so recht wusste, was ich tat. Ich habe einfach improvisiert. Eine sehr prägende Erfahrung für mich.

Hätten Sie sich damals vorstellen können, einmal dort zu stehen, wo Sie jetzt sind?
Niemals. Ich hätte mir ja nicht einmal vorstellen können, jemals auch nur aus Polen wegzugehen. Alles änderte sich mit meinem Video zu „Tears In Heaven“.

Sie posteten Ihre Version des Clapton-Klassikers auf YouTube, irgendwann standen über 22 Millionen Views zu Buche.
Das ging damals alles sehr schnell, es passierte innerhalb von zwei, drei Tagen. Mein Bruder half mir bei dem Video, hatte aber nur wenig Zeit. Eine Stunde, sagte er, dann muss das fertig sein. Wir haben das also superschnell durchgezogen. Als der Clip dann plötzlich so viele Zuschauer hatte, ärgerte er sich, dass er sich nicht mehr Zeit genommen hatte. Wir mussten am Ende beide sehr darüber lachen.

Hat Eric Clapton sich danach eigentlich mal gemeldet? Nicht persönlich, aber einer meiner Musiker hat mit Clapton zusammengearbeitet und meinte, ihm hätte meine Version sehr gefallen.

Für das neue Album haben Sie die meisten Songs selbst geschrieben, die Band ist neu zusammengestellt. Ist das der nächste Karriereschritt?
Ich denke schon. Es ist frisch und neu, das gefällt mir und fühlt sich richtig an.

Konzert oder Studio: Wo liegt für Sie der größte Unterschied? In der Energie. Bei Studioaufnahmen ist man völlig auf die Noten fokussiert und darauf, keine Fehler zu machen. Auf der Bühne geht es mehr um das Erlebnis, um Emotionen. Ich mag das lie-ber, weil es hier mehr um Wahrhaftigkeit geht, um meine Seele. Gleichzeitig ist es natürlich auch härter, weil du nur diesen einen Versuch hast. Da gibt es nichts zu korrigieren.

Es gibt Musiker, die gucken sich nach einem Konzert den Mitschnitt an, um herauszufinden, wo sie gepatzt haben. Ticken Sie ähnlich?
Ja, absolut. Ich schaue immer, was ich verbessern muss. Ich bin mir selbst gegenüber sehr kritisch und selten wirklich zufrieden. Vielleicht ist das nicht unbedingt ideal, aber ich arbeite daran. Mein Bruder als Ton-Ingenieur bekommt natürlich jeden Fehler mit, aber meine Familie liebt mich und spornt mich an. Und wenn mein Vater sagt, dass er stolz auf mich ist, dann ist das sowieso das Beste. Ich brauche Zuspruch, auch den der Fans.

Legen Sie den Bass auch mal beiseite?
Ja, ab und zu muss das sein. Mit Freunden etwas unternehmen, Urlaub machen, meinem Kopf eine Denkpause gönnen. Umso schöner ist es, wenn ich das Instrument dann wieder in die Hand nehme. Aber länger als ein paar Tage geht das nicht, sonst hätte ich das Gefühl, alles verlernt zu haben.

Letzte Frage: Kennen Sie einen guten Bassisten-Witz?
Oh, ich kenne einen, aber dafür reicht mein Englisch noch nicht ganz. Ich lerne weiter und wenn wir uns das nächste Mal sehen, dann erzähle ich ihn. Versprochen!

Albumfazit
„Mir gefallen die geschlossenen Augen, die Stärke und Ruhe, die das Cover ausstrahlen“, erzählt Kinga Glyk. „gerade, weil ich in Wirklichkeit eher schüchtern bin“. Auf dem neuen Album „Fee-lings“ ist von Schüchternheit nichts zu spüren, im Gegenteil. „Feelings“, mit neuer Band aufge-nommen, zeugt von gewachsenem Selbstbewusstsein - ein abwechslungsreicher Bogen von Heavy Funk über Sphärisches bis hin zur Bass-Ballade.

Ingo Scheel