Musik

04.05. | Album der Woche

Youn Sun Nah • Immersion

04.05. | Album der Woche - Youn Sun Nah • Immersion

ImmersionYOUN SUN NAH

Immersion

Warner • 08. März

Wer die sanften, jazzigen Songs von Norah Jones mag, wird die Stimme und die teils knifflig-komplexen Arrangements der Südkoreanerin Youn Sun Nah lieben.

Frau Sun Nah, Ihr neues Album heißt » Immersion «. Was passiert mit Ihnen, wenn Sie in ein Lied eintauchen?

Das hängt bei mir davon ab, ob es sich um ein selbstkomponiertes Stück oder um eine Interpretation handelt. Meine Lieder habe ich dieses Mal alle in der Bretagne geschrieben, in aller Ruhe. Ich bin nicht sehr selbstbewusst und denke, dass ich als Komponistin nicht so sehr tauge, deshalb dachte ich, dass ich dieses Mal einfach meine eigene Geschichte erzähle.

Um welches Wunder geht es in » The Wonder «, einem Lied, das weniger akustisch und sanft klingt als von Ihnen gewohnt, sondern experimenteller und ein bisschen nach Björk?

Ich nehme meine Platten sonst immer in zwei Tagen auf, doch mein Produzent Clément Ducol überredet mich dazu, dass wir uns mal richtig Zeit nehmen und im Studio mehr ausprobieren. Schlussendlich waren es drei Wochen. » The Wonder « ist ein Song über das Wunder der sinnlichen Liebe. Es war nicht einfach, so etwas Intimes zu schreiben, ich musste mich echt überwinden.

Ist auch » Here Today « ein Liebeslied?

Ja, aber auf universeller Ebene. Ich vertraue darauf, dass wir Menschen die Welt mit Musik ein Stück weit heilen können, dass wir Gegensätze mit unserer Kunst einanderäherbringen. Ich denke dabei vor allem an mein Heimatland Südkorea. Unser Land ist seit 60 Jahren getrennt, doch wir verlieren nie die Hoffnung. Im Norden und Süden leben dieselben Menschen, viele sind verwandt. Mein Vater stammt aus dem Norden, ich habe Verwandte dort – sofern sie noch leben sollten, denn wir bekommen nichts mit. Ihr Deutschen habt das Wunder der Vereinigung geschafft. Das stimmt uns zuversichtlich.

Waren Sie jemals in Nordkorea?

Nein. Es ist für uns zwar das nächste, aber das unzugänglichste Land. Wir leben fundamental isoliert voneinander. Es ist verrückt. Ich bin 1989 nach Deutschland gereist, um die gefallene Mauer mit eigenen Augen zu sehen. Den Anblick der jubelnden Menschen werde ich nie vergessen.

Sie covern auf » Immersion « berühmte Songs wie » Hallelujah « oder » You Can’t Hurry Love «. Warum wählten Sie diese Songs?

Das was sehr spontan. Bei » Hallelujah « kannte ich die Version von Jeff Buckley, bevor ich überhaupt von Leonard Cohen hörte. Die Leute mögen es, wenn ich das Lied im Konzert singe. Warum es also nicht mal aufnehmen? Und » You Can’t Hurry Love « singe ich dreimal langsamer als Phil Collins oder die Supremes.

Interview: Steffen Rüth

FAZIT: Die südkoreanische Jazzsängerin und Songschreiberin Youn Sun Nah hat sich mit ihrem neuesten Album in bislang wenig erforschtes Terrain vorgewagt. Die Stimme der 49-Jährigen ist immer noch wunderschön sanft, doch die von ihr komponierten Stücke klingen dieses Mal elektronischer, mutiger und moderner. Dazu gesellt Youn Sun Nah eine Handvoll Coverversionen, in denen sie das Tempo aufs Bezauberndste rausnimmt und ihren Gesang noch intensiver wirken lässt.