Musik

03.12. | Musikinterview der Woche

Chilly Gonzales • A Very Chilly Christmas

Gentle Threat / Indigo · 13. November

03.12. | Musikinterview der Woche - Chilly Gonzales • A Very Chilly Christmas

Foto: ANKA

Wüsten-Weihnachtslieder

Seit inzwischen über 20 Jahren begeistert Chilly Gonzales als musikalischer Bademantel-Rebell Massen an musikbegeisterten Hörern. Mit „A Very Chilly Christmas“ hat er kürzlich sein erstes Weihnachtsalbum veröffentlicht. Wir sprachen mit dem kanadischstämmigen Wahl-Kölner über die Rolle von Weihnachtsmusik, Weihnachtsfeierkulturen und über eine Special Edition seines modischen Markenzeichens.

Chilly Gonzales, dank Ihres neuen Albums wissen wir jetzt, wie sich Weihnachten für Sie anhört. Aber wie sieht Weihnachten bei Ihnen aus?
Genau, jetzt wisst ihr, wie Weihnachten für mich klingt. Das Album spiegelt aber auch wider, wie ich mich an Weihnachten fühle, was bei mir immer mit sehr gemischten Gefühlen verbunden ist. Ich glaube, manchmal fühlen wir diesen Druck, glücklich sein zu müssen – aber manchmal ist man es einfach nicht. Genau deshalb brauchen wir Weihnachtsmusik, die all unsere Gefühle widerspiegelt – nicht nur die glücklichen. Was die Deko betrifft – da habe ich einen Weihnachtsbaum. Was soll ich sagen? Ihr habt mich erwischt! Außerdem sorge ich natürlich immer dafür, dass es zu Weihnachten ein Klavier gibt. Und selbstverständlich bin ich derjenige, der die Lieder dann anstimmt. Der einzige Ort, an den ich an Weihnachten wirklich gehöre, ist das Klavier. Deshalb glaube ich, dass es bei mir an Weihnachten im Großen und Ganzen sehr ähnlich aussieht wie bei anderen Leuten: Baum, Klavier, Geschenke, vielleicht ein bisschen Weihnachtsbeleuchtung. Ich denke, das ist bei allen ziemlich gleich.

Und wie sehen Sie an Weihnachten aus? Gibt es da einen Weihnachts-Bademantel?
Ja, es gibt einen Weihnachts-Bademantel. Ihr habt ihn vielleicht schon auf meinen letzten Fotos gesehen. Er hat einen schönen grünen Samtkragen und ein sehr festliches Paisleymuster, und wie alle meine Bademäntel ist auch dieser von „Herr von Eden“. Ich trage meistens Hausschuhe, also ist für mich ganzjährig der „Pantoffel-Modus“ angesagt. Es ist letztlich nicht die größte Veränderung zu den samtroten Hausschuhen, die ich sonst trage. Aber selbstverständlich trage ich auch Weihnachtssocken. Tatsächlich haben wir sogar Chilly-Gonzales-Weihnachtssocken, die man auf unserer Website bestellen kann. Das wäre wahrscheinlich das Wichtigste, was ihr über meine Gaderobe wissen müsst.

Wie sehen Ihre Pläne für die diesjährigen Feierlichkeiten aus?
Dieses Jahr werde ich Weihnachten mit meiner Familie verbringen. Dabei werde ich Klavier spielen und natürlich mein neues Album hören, denn endlich habe ich ein Album, nach dem ich all die Jahre gesucht hatte. Ich habe dieses Album gemacht, weil ich einfach die Musik nicht finden konnte, die ich an Weihnachten hören wollte. Es war nie der richtige Soundtrack, also musste ich das selber in die Hand nehmen.

Welche Rolle spielt Musik an Weihnachten für Sie?
Musik spielt eine entscheidende soziale Rolle an Weihnachten. Weihnachtsmusik ist volkstümliche, traditionelle Musik. Das heißt, es gibt keinen wirklichen Komponisten. Es ist einfach Musik, die schon immer da war. Sie lebt in unserem kollektiven Unterbewusstsein und dafür liebe ich sie einfach! Es ist eine der wenigen Arten an Musik, mit der wir in Kontakt kommen, die aus einer Zeit stammt, als es die ganze Musikindustrie noch nicht gab. Es war eine Zeit, bevor es die Kultur des Individuums gab, die letztendlich die Musik wirklich verändert hat. In Weihnachtsliedern kommt zum Beispiel das Wort „Ich“ nicht vor. Gut, vielleicht in einigen der modernen Lieder, wie bei Mariah Carey und George Michael. Aber in den alten Liedern kommt das Wort „Ich“ nicht vor. Ich denke, das zeigt wirklich, dass dies keine egoistischen Lieder sind. Es sind keine Lieder über die Sichtweisen einer einzigen Person. Es sind Lieder, die eine soziale Funktion haben – nämlich Menschen zusammenzubringen.

Wie unterscheiden sich eigentlich Kanada, Deutschland und Frankreich an Weihnachten?
Schwer zu sagen. Ich glaube, es ist eigentlich recht ähnlich. Ich würde sagen, dass in Kanada viel gesungen wird, und das ist vielleicht das einzige Mal im Jahr, an dem die Kanadier das wirklich tun. Kanada ist im Wesentlichen eine britische Kultur, was bedeutet, dass wir die meiste Zeit des Jahres ziemlich verklemmt sind, aber an Weihnachten lassen wir alles raus. Es ist vielleicht ein bisschen wie die Leute hier in Köln beim Karneval. Die Franzosen, nun ja, da ist es ein bisschen anders, denn die singen ständig und lassen sich dabei immer irgendwie gehen. Aber insgesamt denke ich natürlich, dass die Rolle von Weihnachten die gleiche ist. Es ist eine westliche Tradition, die meines Erachtens in Europa begann und ihre kapitalistische Perfektion dann in Nordamerika gefunden hat. Aber ich denke, Weihnachten wird in allen diesen Ländern mehr oder weniger gleich gefeiert.

Wie haben Sie die Stücke ausgewählt, die Sie für „A Very Chilly Christmas“ neu interpretiert haben?
Ich habe die Stücke nach meinen eigenen Erfahrungen als Singalong-Pianist ausgewählt. Das heißt: Ich bin jedes Weihnachten derjenige am Klavier, und ich beobachte genau, welcher Song bei meiner Familie und meinen Freunden die beste Reaktion hervorruft. So habe ich auch zwei der neueren Pop-Songs ausgewählt: „Last Christmas“ und „All I Want For Christmas Is You“. Bei diesen beiden Liedern drehen die Leute komplett durch, und deswegen habe ich sie mit auf das Album genommen. Es soll schließlich nicht nur alte Weihnachtsklassiker enthalten, sondern auch moderne Klassiker. Für den „special touch“ haben Jarvis [Cocker, d. Red.] und Feist sogar noch einen eigenen Song geschrieben, außerdem mit „The Snow Is Falling In Manhattan“ von Purple Mountain einen wesentlich moderneren Song gecovert.

Wie sind Sie an die neuen Arrangements für die einzelnen Stücke herangegangen?
Ich verfolgte die Philosophie: Wenn ein Stück sehr bekannt ist, habe ich mir viele Freiheiten genommen. Das heißt, ich konnte es etwas mehr in Moll oder etwas jazziger spielen und mit den Akkorden herumspielen. So konnte ich dem Ganzen meinen ganz eigenen Stempel aufdrücken. Das liegt daran, dass diese alten Songs so bekannt sind, dass sie sehr „reif“ für eine Umgestaltung sind. Wenn ein Lied nicht so bekannt ist, ist das anders, besonders über mehrere Kulturen hinweg. Ein Beispiel ist das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“, das keiner außerhalb Deutschlands und Österreichs kennt. Daher wollte ich diesen Song meinem französischen, englischen und kanadischen Publikum vorstellen. Dafür spiele ich es originalgetreu und respektvoll, mit wenigen Veränderungen. Praktisch den gegensätzlichen Ansatz zu den bekannten Klassikern.

Was macht die Molltonart mit Weihnachten?
Die Molltonart ist nichts Neues in der Weihnachtsmusik. Lieder wie „God Rest Ye Merry Gentlemen“ oder „We Three Kings“ sind bereits in Moll. Interessant an diesen Stücken ist, dass sie beide über die drei Weisen handeln, das heißt: Wir befinden uns in der Wüste – und nicht im Winterwunderland des Weihnachtsmanns. Aber es geht dabei wirklich um Jesu Geburt im Mittleren Osten, und deswegen sind sie auch in Moll geschrieben. Es sind Wüsten-Weihnachtslieder, keine Winter-Weihnachtslieder. Die Winter-Weihnachtslieder sind tendenziell in Dur und natürlich mag ich Moll sehr gerne, wie jeder weiß, der meine Musik hört. Deswegen habe ich einige dieser Lieder etwas melancholischer gemacht. Ein bisschen mehr „chilly“, wenn man so will.

Das Album beginnt mit dem Klassiker „Stille Nacht“. Ist Stille in diesen Zeiten überhaupt erstrebenswert?
„Stille Nacht“ war erstaunlicherweise ein Lied, das von einem österreichischen Orgelspieler in Windeseile geschrieben wurde, als seine Orgel kaputtging. Er hatte seine zum Weihnachtsgottesdienst versammelte Gemeinde als Publikum und musste plötzlich ein Lied für die Gitarre schreiben. Alle mussten dann natürlich sehr still sein, weil man eine Gitarre in einer Kirche sonst kaum hören würde. Ich liebe diese Geschichte dafür, wie viel Genie und Improvisationstalent in dieser Komposition steckt. Wenn diese Orgel im 19. Jahrhundert nicht ihren Geist aufgegeben hätte, hätten wir „Stille Nacht“ heute nicht. Ich weiß nicht, ob Stille unbedingt erstrebenswert ist, aber ich weiß, dass Weihnachten dieses Jahr einen besseren Soundtrack braucht. Das liegt daran, dass Weihnachten dieses Jahr anders ist, komme was wolle. Wir haben keine andere Wahl, als es dieses Jahr anders zu feiern als sonst. Genau deswegen habe ich dieses Album gemacht, in der Hoffnung, etwas zu diesem ganz anderen Weihnachten beizutragen.

enter image description here Sie sind seit über 20 Jahren in der Branche tätig. Warum war es gerade jetzt Zeit für Ihr erstes Weihnachtsalbum?
Ja genau, ich bin seit 20 Jahren im Business, eigentlich sogar länger, wenn man meine ersten Jobs als Pianist in Hotelbars und Lingerie-Geschäften dazuzählt. Aber ja, ich mache seit 20 Jahren Musik unter dem Namen Chilly Gonzales, das stimmt. Ich denke, dass es einfach Zeit für dieses Album war, weil wir das Jahr 2020 haben. Es ist ein verdammt merkwürdiges und beschissenes Jahr! Offensichtlich brauchen wir eine andere Einstellung zu Weihnachtsmusik. Die immer gleichen Songs würden einfach nicht funktionieren. Als im Frühling die ganzen Beschränkungen kamen, dachte ich mir: „Mein Gott, wir müssen es dieses Jahr einfach anders machen!“ Ich habe angefangen aufzunehmen, und es hat sich richtig angefühlt. Ich beginne zwar häufig Projekte, die ich nicht immer zu Ende bringe, aber ich bin wirklich froh, dass dieses fertig wurde.

Mit der einzigen neuen Komposition auf dem Album, „The Banister Bough“, einer Zusammenarbeit mit Feist, möchten Sie dazu anregen, Weihnachtstraditionen in zukünftigen Generationen neu zu überdenken. Was sollte sich zum Beispiel ändern?
Ich denke, wir brauchen neue Traditionen, da wir dieses Jahr nicht mit so vielen Leuten feiern können. Musik spielt eine wichtige Rolle dabei, Gemeinschaft zu erzeugen und ich denke, dass viele Leute das auch erkannt haben. Musik ist nämlich etwas, das man nicht nur passiv genießt, sondern womit man Verbindungen mit anderen Menschen knüpft. Dass Leute das erkannt haben, ist wunderschön und vielleicht eine der positivsten Feststellungen dieses Jahres.

Wie stellen Sie sich einen perfekten Heiligabend in 20 Jahren vor?
Oh, an die Zukunft kann ich gerade gar nicht denken. Vielleicht nehme ich dann ja mein "Solo Piano XXIV"-Album auf. Es hilft alles nichts: Wir müssen wohl einfach abwarten, wie der perfekte Heiligabend in 20 Jahren aussehen wird.