Kino

03.09. | Kinotipp der Woche

CORPUS CHRISTI

Arsenal

03.09. | Kinotipp der Woche - CORPUS CHRISTI

CORPUS CHRISTI
Arsenal, 03. September

Lämmer wie Schafe

Wenn ein Mensch 100 Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, ließe er nicht 99 auf den Bergen und ginge hin und suchte das eine?

So verschieden sie auch scheinen, die jungen Wilden, die Knastis auf der einen und die Dorfbewohner auf der anderen Seite – im Kern sind sie doch gleich. Jeder einzelne ein Sünder, ein verlorenes Schaf, das den Gottesdienst mehr aus Gewohnheit und Kalkül statt aus Überzeugung begeht. Durch Daniel kollidieren ihre Milieus, nicht krachend, eher durch die Hintertür. Ein charismatischer Gefängnispfarrer führte ihn zum Glauben. Doch die Kurie wird keinen Priesteranwärter aufnehmen mit solch fragwürdigem CV – wie auf dem Arbeitsmarkt, so auch vor Gott. Also heuert Daniel anderweitig an, beim Sägewerk. Noch rechtzeitig klingen die Glocken, genau wie einst bei Faust. Das Osterfest als seine Auferstehung: Die rufende Gemeinde sucht einen Pfarrer. Und Daniel greift die Frucht, die schon Adam quer im Magen lag. Spontan und aus der Not geboren, mit Smartphone bewaffnet, erteilt er im Beichtstuhl Absolution: Besonders starke Zigaretten soll die Mutter kaufen, um ihrem rebellischen Knaben das Rauchen abzugewöhnen – bewährte Praxis sei das. Intuitiv schlüpft Daniel in die Rolle, erreicht die Menschen, weil er ihre Qual, ihre Trauer aus dem Tabu ins Licht befördert. Gemeinsam lacht man, feiert man, schreit den Zorn auf Gott hinaus. Das befreit den Geist, der Betrüger wird zum Retter, unbemerkt. So lädt auch er die Schuld auf sich, nicht zum ersten Mal, ganz sicher nicht, doch darauf kommt es gar nicht an. Vergebung kann so viel – sie zeigt sich dem verhassten Nachbarn, der kürzlich junge Leben schicksalhaft entriss. Aber auch vor Gott, der schließlich tatenlos danebenstand. Die Bühne vor polnischem Hinterland, sie ist nicht imposant, stattdessen monochrom und trist. Zu fesseln weiß keine Spannungskurve, schon eher das Vermögen der Akteure um Regisseur Komasa, Personen und Beweggründe in Lichtgeschwindigkeit bekannt zu machen. Brennende Empathie – wie ein Stromschlag auf Distanz. Keine Erklärung notwendig, kein Chichi, nur dieser Ausdruck. Das geballte Leid der Leute, ihre Befreiung durch den unverhofften Gast, übertragen sich in nur einem Augenblick. Auch das, wie die unwahrscheinlichste Ergänzung einer depressionsgetränkten Szenerie durch feine Nuancen von Humor, sind Beweggründe für die Oscar- Nominierung. Bei allem Humor explodieren Komasas Sprengsätze, offenbaren Fragilität in gerade erst Erkanntem. Sein Selfmade-Gottesdiener, er sucht und findet. Und wenn es geschieht, das Finden, ich sage euch: Er freut sich mehr über dieses als über 99 nicht verirrte.

FAZIT:
Jan Komasa versteht es virtuos, selbst kleinste Feinheiten in Beziehungsdynamiken und zwischenmenschlichen Abgründen auf die Leinwand zu bringen. »Corpus Christi« ist überwiegend leise erzählt – und umso lauter in seiner Wirkung. Die schauspielerischen Leistungen sind zudem ebenso hervorragend wie die Kulisse. Ein starkes, ein relevantes Stück Kino!

Foto: Arsenal

Christian Lamping