Gratis-Interview Manuela Müller

Manuela Müller

„Spielzeug stellt die große Welt im Kleinen dar.“

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2. November 2021, Sonneberg. Wer durch den unscheinbaren Ort in Südthüringen streift, dem begegnen an diesem Herbstmontag ein blauer Himmel, gelb-braun gefärbtes Laub – aber nur wenige Menschen. Kaum etwas deutet darauf hin, dass Sonneberg, damals Welthauptstadt des Spielzeugs, den Handel rund um den Globus dominierte und bahnbrechende Innovationen entwickelte. So unaufgeregt die Gemeinde mit ihrer Spielzeughistorie umgeht, so unaufgeregt erklärt auch Manuela Müller, wie Sonneberg zu seinem Ruhm gelangte. Zweieinhalb Stunden nimmt sich die Kunsthistorikerin Zeit, um detailliert durch die Sammlung des Deutschen Spielzeugmuseums zu führen, das sie leitet. Für das Interview finden wir uns in einem Nebenraum der Hauptausstellung ein, Platz nehmen wir auf hölzernen Kinderhockern.

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Manuela Müller, mit welchem Spielzeug sind Sie groß geworden?

Ich hatte Lego und einige Barbies in meinem Kinderzimmer. Aber ich spielte auch viel mit Sachen, die noch vor der Wende vom VEB Sonni kamen, früher dem größten Spielzeugbetrieb der DDR. Puppen, Plüschtiere, Aufstellfiguren aus Mengersgereuth-Hämmern, alles aus den 80er-Jahren. Einen Großteil meiner Zeit verbrachte ich draußen in der Natur. Ich bin Fahrrad gefahren, habe im Sandkasten gespielt. Auch um unsere Hühner habe ich mich gekümmert.

Sonneberg ist seit Jahrhunderten so eng mit der Spielzeugproduktion verknüpft wie kaum ein anderer Ort. Vor etwa 100 Jahren kamen über 30 Prozent des weltweit hergestellten Spielzeugs aus der Region. Woher stammt diese Tradition?

Die frühen Spielsachen waren meist aus Holz, und rund um Sonneberg gibt es zahlreiche Wälder. Ausreichend Material war also vorhanden. Viele Familien hatten in den Wintermonaten wenig zu tun, weil keine Felder bewirtschaftet wurden. Um sich dennoch zu beschäftigen, fingen die Leute an, kleine und einfache Dinge zu schnitzen. Die wiederum verkauften sie an Handelsreisende, die auf ihrem Weg zwischen Leipzig und Nürnberg in Sonneberg Rast machten. Nürnberg war mit dem Spielzeug wesentlich eher dran als Sonneberg, dort produzierte man schon im Mittelalter sehr viel, vor allem für Kinder aus gut situierten Haushalten. Davon ließen sich die Leute in Sonneberg sicherlich inspirieren.

Warum wurde dann Sonneberg und nicht Nürnberg zur Welthauptstadt des Spielzeugs?

Weil man sich dachte: Warum sollen wir den Nürnbergern ihre Pferdchen, Boote und Spielfiguren abkaufen, wenn wir sie auch selbst herstellen können? Die weltweite wirtschaftliche Dominanz fußte schließlich vor allem auf dem sogenannten Verlagssystem. Das hat nichts mit den heutigen publizistischen Verlagen zu tun, sondern meint eine elitäre Gruppe von Kaufleuten, die von unzähligen billigen und spezialisierten Heimarbeitern sehr schnell sehr viel sehr gute Ware produzieren ließ. Dieses System war damals weltweit einzigartig. 1899 gab es rund um Sonneberg 2395 selbstständige Spielzeugbetriebe, die rund 30.000 Leute beschäftigten. Es gab für jeden Arbeitsschritt eigene Gewerke: Puppenarme oder -beine herstellen, Perücken anfertigen, die Kleidung nähen, Gesichter bemalen, Stofftiere mit Holzwolle stopfen und so weiter. Durch die schnelle Produktion konnte man auf jeden Trend aus dem Ausland reagieren, man war am Puls der Zeit. Je nachdem, ob der jüngste Nachwuchs im britischen Königshaus ein Mädchen oder ein Junge war, wurde die Kleidung der Puppen augenblicklich in Rosa oder Blau produziert.

Im Grunde war das eine vorindustrielle Massenproduktion.

So ähnlich. Diese Entwicklung geschah parallel zur industriellen Revolution und zog sich bis zum Ersten Weltkrieg. Vergleichbar waren auch die Arbeitsbedingungen. Der Profit ging fast komplett an die Kaufleute und Verleger. Grundlage dafür war das „Große Sonneberger Handelsprivileg“, das Herzog Georg I. von Sachsen-Meiningen 1789 den Sonneberger Kaufleuten erteilt hatte. Es besagte, kein Kaufmann dürfe selbst produzieren, kein Fabrikant selbst verkaufen. Die Verkäufer liefen also nie Gefahr, ihre Monopolstellung im Handel zu verlieren. Die Familien allerdings, die das Spielzeug herstellten, rackerten sich für ein Leben am Existenzminimum ab. Zumal es ihnen an einer wirtschaftlichen Alternative fehlte. Der normalen Bevölkerung mangelte es zu einem Großteil an solider Schulbildung, sie musste die Arbeit machen, die sie bekommen konnte. Oft unterbot man sich gegenseitig, fast immer mussten schon vier oder fünf Jahre alte Kinder helfen. Die Arbeit stand über der Schule. So verloren die Kinder früh eine Perspektive auf ein besseres Leben mit weniger Abhängigkeiten.

Wurde diese Kinderarbeit damals gesellschaftlich kritisiert?

Diese Missstände blieben nicht unbemerkt. Kinder waren billige Arbeitskräfte, die aus diesem Grund oftmals in der Schule krankgemeldet wurden. Wie sollte man auf diese Weise etwas lernen? Das Kinderschutzgesetz, eingeführt Anfang des 20. Jahrhunderts, sollte Abhilfe schaffen, aber es gab weiterhin Mittel und Wege, sich den Vorgaben zu entziehen. Aufsätze von Ökonomen wie Emanuel Sax und Oskar Stillich kritisierten das, spöttische Gedichte legten die niedrigen Arbeitslöhne, hygienischen Missstände und die Kinderarbeit offen. Diese kritischen Stimmen gefielen natürlich den Verlegern nicht, denn für sie war dieses umstrittene System gewinnbringend.

Wie muss ich mir die Lebensumstände einer solchen Heimarbeiterfamilie aus dem späten 19. Jahrhundert vorstellen?

Sehr beengt. Eltern, mehrere Kinder sowie die Großeltern lebten in einem, maximal zwei Zimmern. Dort wurde geschlafen, gekocht, gegessen und gearbeitet – und wenig gelüftet, damit die Materialien nicht beschädigt wurden. An Hygiene mangelte es, Lungenkrankheiten waren stark verbreitet, die Sterblichkeit war hoch. Außerdem mussten die Familien nicht nur die Miete für ihren Wohnraum zahlen, sondern auch die Werkzeuge, die sie für die Produktion der Spielzeugteile brauchten.

„1899 gab es rund um Sonneberg 2395 selbstständige Spielzeugbetriebe, die rund 30.000 Leute beschäftigten.“

Sonneberg war aber nicht nur ein Ort der Massenproduktion, sondern auch für den Fortschritt in der Spielzeugindustrie.

Die erste größere Innovation war Mitte des 18. Jahrhunderts die Erfindung des sogenannten Brotteigs. Dadurch war es erstmals möglich, einfache Holzspielzeuge naturnah zu modellieren. Dabei ist der Begriff Teig etwas irreführend, das hatte mit Nahrung nichts zu tun. Es handelte sich um eine Mischung aus Leimwasser und Schwarzmehl, war also nicht für den Verzehr geeignet. Zumindest nicht für den menschlichen, denn Nagetiere fanden den Brotteig durchaus appetitlich. Noch wichtiger war für Sonneberg 1805 die Erfindung des Pappmachés – dies ist ein Mix aus Papier, Leim und Wasser. Dieses Material war günstig, leicht und schnell zu produzieren, ließ sich gut verarbeiten und war extrem lange haltbar.

Warum ist von den knapp 2400 Sonneberger Manufakturen heute nur noch knapp ein Dutzend übrig?

Vor allem der Zweite Weltkrieg war eine riesige Zäsur. Viele Betriebe erholten sich davon nicht. Sonneberg liegt genau an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Nach und nach wurden daher immer mehr Betriebe zwangsweise verstaatlicht und beispielsweise zum VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg zusammengeschlossen. Viele, die in dritter oder vierter Generation ein Familienunternehmen führten, wollten diese Entscheidung nicht mittragen und haben über Nacht das Firmengelände in Richtung Westdeutschland verlassen. Zwar wurden in der DDR wieder extrem große Mengen produziert, aber wirtschaftlich profitierten die Arbeitenden davon nicht. Mit der Wende brach dann der Absatzmarkt komplett ein. Von den wenigen Betrieben, die nach 1990 einen Neustart wagten, hielten die wenigsten länger als drei, vier Jahre durch. Die Startschwierigkeiten waren enorm. Manche mussten sich nicht nur Materialien und Maschinen teuer von der Treuhand zurückkaufen, sondern auch die Entwürfe, die sie einst selbst entwickelt hatten.

Welche Rolle spielte die Globalisierung? Immer mehr Spielzeug wird heute aus Fernost geliefert.

Das begann schon in den 80er-Jahren und trug entscheidend dazu bei, dass es hier mit der Spielzeugbranche bergab ging. Mit diesen niedrigen Preisen konnte Sonneberg zu keiner Zeit konkurrieren. Besonders nach der Wiedervereinigung, als auch in den neuen Bundesländern halbwegs gleiche Arbeitsbedingungen wie in der alten BRD eingeführt wurden. Die Produkte wurden zu teuer, und so war Sonneberg für große etablierte Kaufhausketten nicht mehr lukrativ. Interessant ist dabei, dass der Raum Sonneberg zu DDR-Zeiten selbst eine Art „Spielzeug-China“ gewesen ist: Hier wurde massenhaft Ware produziert, die dann für wenig Geld nach Westdeutschland exportiert und von dort weiterverkauft wurde.

Wie haben es denn die wenigen Betriebe geschafft, die heute noch in Sonneberg produzieren?

Sie setzen vor allem auf Qualität statt Quantität – und verkaufen an Leute, die bereit sind, für „Made in Germany“ zu zahlen. Zwar steigt das Bewusstsein für ein gesünderes Material im Kinderzimmer, immer mehr Eltern geben den Kindern lieber Holz statt PVC in die Hände, zumal wenn es sich um Spielzeug handelt, das weder Stecker noch Internetverbindung hat. Aber diese Zielgruppe wird dennoch immer kleiner. Und älter: Zinnfiguren oder Modelleisenbahnen werden immer gefragter bei Erwachsenen, auch moderne Künstlerpuppen werden meist für eine erwachsene Käuferschicht hergestellt. Bei der Konzeption und Herstellung wird kaum an Kinder gedacht. Und zu bestimmten Jubiläen werden limitierte Sammlerbären zum Verkauf angeboten. Etwa, als Joseph Ratzinger 2005 Papst wurde. Das sind dann keine Spielzeuge im eigentlichen Sinne mehr, sondern Sammelobjekte, die man sich in eine Vitrine stellt. Mit der Folge, dass es auch Merchandise-Produkte rund um Schauspieler oder Musiker gibt. Man kann Freddie Mercury oder Elvis Presley als groteske Vinylfiguren kaufen oder die „Yellow Submarine“ der Beatles als Minifahrzeug. Je teurer die Spielsachen sind, desto weniger werden sie bespielt. Und desto begehrter sind sie: Vor drei Jahren wurde uns hier im Museum ein brandneues Modell einer PIKO-Eisenbahn gestohlen.

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