Kae Tempest

Kae Tempest

„Wir Menschen sind nicht zufällig an diesen Punkt geraten.“

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Zur Person

8. März 2022, London. Kae Tempest sitzt im eigenen Haus im Süden der Stadt und blinzelt zufrieden in das diffuse Tageslicht, das von der Seite ins Arbeitszimmer fällt. Kae hat sich im Bürostuhl locker zurückgelehnt. Im Hintergrund des Videoausschnitts sieht man einen Wäscheständer, einen Boxsack und ein Regal voller Papiere. Die Unordnung im Hintergrund spiegelt sich vorne nicht wider: Man sieht eine hoch konzentrierte, kluge Persönlichkeit, die mit warmer und freundlicher Stimme über tiefsinnige Themen spricht. Der Lauf des Lebens, die Zeit, Liebe, Gender-Identität und die Verbundenheit mit anderen Menschen ¬– das sind die Themen, die Kae Tempest umtreiben.

Kae, erinnern Sie sich noch an den Moment, als für Sie die Arbeit an Ihrem neuen Album angefangen hat?

Ja, ich war auf Tour, und zwischen zwei Terminen haben mein Produzent Dan Carey und ich uns irgendwie Zeit im Studio freigeschaufelt. Mit meiner Musik aufzutreten, ist unglaublich toll. Aber eine lange Tour ist auch absoluter Irrsinn. Ich habe mich daher sehr nach dieser anderen Art des kreativen Arbeitens gesehnt. Ich weiß noch, dass sich Dan am Tag zuvor einen neuen Synthesizer gekauft hatte, einen Moog One. Er war ganz aufgeregt und strahlte übers ganze Gesicht. Als er dann zu spielen anfing, flossen die Worte nur so aus mir heraus. Wir haben am selben Tag noch zwei andere Songs geschrieben. Wann genau das alles passiert ist, weiß ich gar nicht mehr. (überlegt) Die Zeit ist etwas Sonderbares. Gerade im Moment, oder? Alles ging routiniert seinen Gang – und dann waren da plötzlich diese zwei bizarren vergangenen Jahre. Man teilt heute vieles in ein Davor und ein Danach ein.

Wie haben Sie diese zwei Jahre verbracht?

Ich war viel draußen in der Natur, zusammen mit meinem Hund. Vor allem habe ich an meinem Haus gearbeitet. Ich hatte es kurz vor dem ersten Lockdown gekauft, in Südlondon, nicht weit entfernt von der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Das war eine große Sache für mich. Es ist ein absolutes Privileg, sich so etwas in London leisten zu können. Ich hatte lange Geldprobleme. Und plötzlich besaß ich dieses Haus. Aber es musste eine Menge Arbeit reingesteckt werden. Die Treppe war nicht richtig an den Wänden befestigt, das Dach kurz vor dem Einsturz. Und weil man während des Lockdowns keine Handwerker zu sich bestellen durfte, musste ich lernen, alles allein zu machen.

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