Berlinale 2019

Die Berlinale der Frauen

Die Berlinale der Frauen

Schon das Motto der diesjährigen Berlinale, „Das Private ist politisch“, hat zutiefst weibliche Wurzeln. Entstanden zur zweiten Welle der Frauenbewegung in den 70er Jahren war der Slogan mehr als Forderung, denn Feststellung gemeint. Es galt, die Realität des einzelnen Menschen, insbesondere der Frau ins Zentrum der Beobachtung zu rücken und daraus ein Politikum zu machen.

Die Kamera wurde dafür zum perfekten Mittel zum Zweck. Filmemacherinnen in der DDR machten den Anfang mit Spielfilmen, in denen sie frisch ausgebildete Bauingenieurinnen auf Großbaustellen mit der rauen Männerwelt konfrontierten. Iris Gusners „Die Taube auf dem Dach“ (1973) und „Kennen Sie Urban?“ (1971) von Ingrid Reschke erzählen von Sexismus, Alkoholismus und Gewalt. In der BRD zogen die Regisseurinnen nach, in dem sie Frauenleben dokumentierten, so wie Elfi Mikesch 1978 die 16jährige Carmen aus Kreuzberg in „Ich denke oft an Hawaii“. Oder mit Spielfilmen wie „Unter dem Pflaster ist der Strand”. Helma Sanders-Brahms resümiert darin 1975 die Erfolge der Frauenbewegung seit `68 – es geht um §218 und alleinerziehende Mütter, Gewalt gegen Frauen und schlicht und ergreifend um Selbstbestimmung. „Selbstbestimmt“ (Mehr Infos hier) heißt dann auch folgerichtig die Retrospektive mit 26 Filmen von Frauen aus Ost- und West-Deutschland. Die weibliche Perspektive im Film und auf die Welt zwischen 1968 und 1999 war immer da. Gesehen wurde sie allerdings nur selten. Umso überraschender, wie aktuell, ja sogar akut der Blickwinkel ist, der das Private zum Politikum macht. In den bisherigen vier Wettbewerbsfilmen weiblicher Regisseure drehen sich die Geschichten nur noch marginal um Frauen auf der Suche nach ihrer Identität. Zu finden gilt es vielmehr das Gewissen in der Gesellschaft. So ist es etwa völlig unerheblich, ob es sich in “Der Boden unter den Füßen” der Österreicherin Marie Kreutzer um zwei Schwestern oder zwei Brüder handelt. In Zentrum steht die Verantwortung der perfekt organisierten und streng selbstkontrollierten Businessfrau Lola (Valeri Pachner) gegenüber ihrer älteren Schwester Conny (Pia Hierzegger), die wegen ihrer Selbstmordversuche immer wieder in der Psychiatrie landet. Weit ab von charakterlicher Schwarz/Weiß-Zeichnung setzt Kreutzer den Zuschauer berechtigen Zweifeln an Realität und Wahn, Normalität und Wahnsinn aus. Genau das hat auch Nora Fingscheidt in ihrem Spielfilmdebüt “Systemsprenger” im Sinn. Schon in den ersten fünf Minuten ihres Dramas stellt sich die neuneindreivierteljährige Benni (faszinierend: Helena Zengel) unmissverständlich als jemand vor, mit dem es in den folgenden 113 Minuten nicht leicht werden wird. Sie schreit, flucht, tritt, rennt und wirft mit Dingen um sich. Mit solcher Wut, Wucht und Kraft, dass weder ihre Mutter, noch je ein Betreuter dagegen an kommen. An keinem Ort ist sie lange genug, um Struktur in ihr Leben zu bekommen. Benni ist ein Kind, das nicht in unser Gesellschaftssystem passt. Ein Kind das mit jeder Faser seines Daseins jede Norm und jeden Wert sprengt, und dazu zwingt, genau diese Normen und Werte in frage zu stellen.
Die Frage, ob es noch Werte in der reichen westelchen Gesellschft gibt, fragt auch Lone Scherfig im Eröffnungsfilm dieser Berlinale. “The Kindness of Strangers” hat sich mit einer großen Besetzung (Zoe Kazan, Andrea Riseborough, Tahir Rahim, Bill Nighy) einem Haufen Probleme (Obdachlosigkeit, häusliche Gewalt, Schuldkomplexe) in einer großen Stadt (New York) vorgenommen. Herausgekommen ist etwas, das ziemlich unerwartet das Erbe der kürzlich verstorbenen Rosmunde Pilcher antritt. Umso stärker und klassisch frauenbewegt ist dafür das Balkandrama “God Exists, Her Name is Petrunya” der Mazedonierin Teona Strugar Mitevska. Besagte Petrunya (Zorica Nusheva) - 32, ledig, arbeitslos - nimmt es mit sämtlichen Männern ihrer Kleinstadt auf, als sie bei einer österlichen Tradition um ein Holzkreuz wetteifert, was bisher nur den Herren der Schöpfung vorbehalten war. Das Problem: Petrunya gewinnt. Nur die Polizeistation kann sie jetzt noch vor dem Männer Mob retten. Wobei natürlich auch die Polizisten Männer sind. Aber nicht alle Frauenhasser. Immerhin. Einer, der zwischen Mann und Misogynist keinen Unterschied macht, ist erstaunlicherweise Fatih Akin. Die Alk- und Ekel-Orgie “Der Goldene Handschuh” als Männerlektion via Frauenleichen verkaufen? Netter Versuch!

Edda Bauer