Interview: Bertolt Meyer • Anders
Ullstein
»Ich habe es satt, mir die Welt von Philosophen erklären zu lassen.«
Bertolt Meyer ist ohne linken Unterarm geboren worden und weiß, was es bedeutet, »anders« als die Mehrheit zu sein. In seinem gleichnamigen Buch nimmt er die Psychologie der Unterschiede in den Blick und erklärt, wieso diese auch im Kampf gegen eine zunehmende politische Polarisierung eine größere Rolle spielen sollte.
Bertolt Meyer, wozu brauchen wir
Stereotype?
Stereotype sind Verallgemeinerungen über Menschengruppen: Deutsche sind pünktlich, Italiener können gut Pasta kochen und Ältere sind schwerhörig. Sie dienen unserem Bewusstsein zur Datenkomprimierung. Anstatt uns über alle Menschen alle Details zu merken, merken wir uns bloß, zu welcher Schublade ein Mensch gehört – und schreiben dem Menschen dann die Eigenschaften der Schublade zu. So können wir uns mit geringem kognitivem Aufwand durch eine komplexe Welt bewegen. Schwierig wird es, wenn diese Schubladen nicht nur beschreiben, sondern vorschreiben, wenn sich aus Zuschreibungen wie »Frauen sind fürsorglich und Männer durchsetzungsstark« Normen entwickeln: Frauen haben fürsorglich zu sein und Männer durchsetzungsstark. So lassen Stereotype Individualität nicht nur außer Acht, sondern können zur Ablehnung von Individualität führen.
Was genau wird dann schwierig?
Anderssein gilt in öffentlichen Debatten heutzutage als Problem. Es geht in Konflikten nicht mehr um Überzeugungsarbeit, sondern darum, vermeintliche Feinde zu bekämpfen, insbesondere im populistischen Umfeld. Aus psychologischer Sicht ist der Mechanismus des Unterscheidens in Ähnlich und Unähnlich relevant, weil viele psychologische Größen wie Vertrauen oder Selbstwert auf der Präferenz aufbauen, sich mit Menschen zu umgeben, die einem selbst ähnlich sind. Die manipulative Befeuerung von Unähnlichkeit in unseren Gesellschaften führt nun dazu, dass soziale Medien an der Maximierung von polarisiertem Engagement verdienen und die politischen Ränder, insbesondere die extreme Rechte, ihre Argumentation rund um die Bedrohung durch Andersartigkeit stärken können.
Wie kann die Psychologie bei dieser
Problemlage helfen?
Sie kann Daten liefern, um Polarisierung zunächst zu erklären. Die Studienlage politischer Psychologie suggeriert zum Beispiel, dass nicht Angst der Treiber für politische Radikalisierung ist, sondern Wut. Beides sind Gefühle als Reaktion auf Bedrohung. Während Angst aber eher dazu führt, dass man sich weiter über die Lage informiert und abwartend zurückzieht oder vielleicht sogar die eigene Rolle reflektiert, führt Wut eher zu zerstörerischem Handeln. Nicht Angst, sondern Wut und Vertrauensverlust führen am Ende zu Wählerstimmen für Populisten. Lösungsansätze sollten aus psychologischer Sicht also genau analysieren, welches Versprechen populistische Parteien an Menschen geben, die wütend sind, Scham empfinden und sich unsichtbar und hilflos fühlen: Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit hohem Status etwa oder das Gefühl, etwas bewegen zu können und gesehen zu werden. Psychologische Grundbedürfnisse nach sozialem Anschluss, Kompetenz und Autonomie werden in Parteiprogrammen der politischen Ränder gezielt bedient. Alternative Angebote aus der politischen Mitte sollten ähnlich emotional verfangen, ohne eine permanente Drohkulisse durch »die Anderen« aufzubauen. Das ist komplex, aber es ist wichtig, den Zusammenhang zunächst zu verstehen und das Bedürfnis der Bevölkerung nach psychologischer Sicherheit ernst zu nehmen. Das Narrativ eines Friedrich Merz, der sagt, die Deutschen seien alle zu faul, spendet hingegen keine Sicherheit, sondern lädt noch mehr Schuld und Scham auf. Die Psychologie sollte viel mehr zu Rate gezogen werden. Ich habe es satt, mir die Welt von Philosophen erklären zu lassen.
Als besonders bedrohlich werden Migranten und
Menschen mit Transidentität wahrgenommen.
Warum?
Populismus braucht ein Bild des Bösen. Im Linkspopulismus ist dieses eher wirtschaftlich konnotiert, der entfesselte Neoliberalismus gegen das
Proletariat zum Beispiel. Im Rechtspopulismus
sind die Grenzen zwischen Gut und Böse ethnisch
und weltanschaulich weniger durchlässig. Der Erfolg der Rechtsextremen heutzutage besteht auch
darin, dass sie diese völkische Identität auf breitere
Füße stellen: Wir, die vermeintlich Normalen, hart
Arbeitenden mit gesundem Menschenverstand.
Wir, die Familien, die nichts geschenkt bekommen,
stehen gegen die diffuse Bedrohung von urbanen
Eliten, aber vor allem auch jenen, die in der sozialen Hierarchie als untergeordnet wahrgenommen
werden. Migranten verdienen es im völkischen
Gesellschaftsbild nicht, aufzusteigen, weil sie nicht
nur anders sind, sondern auch gefährlich. Die
ethnische Kategorie von Ausgrenzung hat auch
deswegen eine lange Historie, weil sie nicht so
leicht zu verändern ist und sich schnell instrumentalisieren lässt. Transidentität ist ein spezielles
Phänomen, weil sie statistisch in keinem Verhältnis
zu dem Grad der Dämonisierung steht, den sie in
der öffentlichen Debatte erfährt. Auch hier ist die
soziale Hierarchie im Zentrum des Rechtspopulismus wichtig. Der Mann steht dort über der Frau
und Transidentität ist somit eine demolierende und
übergriffige Infragestellung einer vermeintlich natürlichen Ordnung, die dazu führt, dass dieses eine
Prozent der Bevölkerung als eklig und geisteskrank,
ja sogar als Gefahr für »normale« Frauen und Kinder stigmatisiert wird.
Menschen mit Behinderungen schienen bisher
einigermaßen geschützt vor Anfeindungen.
Das ändert sich gerade, unter anderem in den
USA. Wie schätzen Sie das ein?
Ich bin entsetzt, weil ich als Mensch mit sichtbarer Behinderung das Gefühl habe, dass die Uhr zurückgedreht wird. Die UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen oder die Schulreformen zur Teilhabe in Deutschland hatten mich zuversichtlich gestimmt. Es ist krass, dass sich Höcke in Thüringen auf den Marktplatz stellt und die Abschaffung von Schulen fordert, die Kinder mit Behinderungen in den Regelbetrieb einbinden. Er nennt das »gesunde« Schulen, aus denen Kranke und Behinderte herausgehalten werden sollen. Donald Trump behauptet, dass der Zusammenstoß eines Passagierflugzeugs mit einem Hubschrauber über Washington durch aufgrund von Gleichstellung eingeschleustes geistig behindertes Personal im Sicherheitstower verschuldet worden sei. Dieses perfide Treten nach sozial schwachen Gruppen ohne große Lobby zeigt mir, wie weit die Polarisierung schon fortgeschritten ist. Bei den Paralympics in London 2012 wäre es noch nicht denkbar gewesen, dass sich ein reichweitenstarker deutscher Comedian über Behinderte lustig macht, wie es letztes Jahr bei den Paralympics geschehen ist. Das bereitet mir große Sorgen.
Sie leben seit Ihrer Geburt mit einer sogenannten Dysmelie, Ihnen fehlt der linke Unterarm.
Wie empfinden Sie den Status von Menschen mit
Behinderungen über die Jahre?
In Deutschland ist der Bildungs- und Arbeitsmarkt seit Langem segregiert zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen. Sonderschulen und Werkstätten separieren Menschen mit Behinderungen und lassen sie oftmals unsichtbar werden. Die wesentliche Voraussetzung für den Abbau von Diskriminierung gegenüber Behinderten und weiteren als andersartig empfundenen Mitmenschen ist gesellschaftlicher Kontakt. In Deutschland wird oft versucht, Vorurteile regulatorisch abzubauen, um dann darauf zu hoffen, dass sich der Kontakt von selber einstellt. Wie man etwa an der Einstellungsquote von Menschen mit Behinderungen sehen kann, funktioniert das aber nicht. Arbeitgeber kaufen sich lieber mit der Ausgleichsabgabe davon frei, vermeintlich nicht voll leistungsfähige Menschen einzustellen, anstatt ihre Fähigkeiten und Besonderheiten auszuprobieren. Schulen und Arbeitsplätze sind hervorragende Kontaktplattformen mit Blick auf Inklusion, unter dem Druck der wirtschaftlichen Beitragsfähigkeit von Menschen lassen sie jedoch wenig Diversität zu. Ein Behindertenausweis in Deutschland weist nicht den Grad der Behinderung aus, sondern die Erwerbsminderung, also zu wie viel Prozent weniger dieser Mensch in der Wirtschaft eingesetzt werden kann. Wer weniger leistet, ist somit weniger wert.
Wie können wir Gleichberechtigung wieder
stärker fördern?
Wir müssen uns klarmachen, dass unser Wahrnehmungsapparat darauf gepolt ist, Unähnlichkeit zunächst als negativ einzustufen. Wir sollten uns motivieren, mehr zu verstehen und weniger zu bewerten und dabei die Macht des direkten Kontakts akzeptieren. Letztlich kann mehr Vielfalt in einer Welt, die immer komplizierter wird, auch zu mehr gesellschaftlichen Ressourcen beitragen. Das ist zwar auch eine wirtschaftliche Argumentation, aber eben eine, die in Deutschland funktionieren könnte.
Miguel Peromingo