Hörbuchtipp: Jana Hensel • Es war einmal ein Land

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Hörbuchtipp - Jana Hensel • Es war einmal ein Land

Die Autorin und Journalistin Jana Hensel wollte eigentlich nicht mehr über den Osten schreiben. Der besorgniserregende Rechtsruck in ihrer Heimat hat sie jedoch umgestimmt. In »Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet« unternimmt sie jetzt eine politische Landschaftsvermessung, die schmerzhafte Erkenntnisse zutage fördert. Das Hörbuch hat sie selbst eingesprochen. Ein Auszug aus unserem Interview mit ihr in der GALORE 75:

Was war Ihr persönlicher Impuls für dieses neue Buch? Eigentlich wollten Sie ja nicht mehr über den Osten schreiben …

Das war die vergangene Bundestagswahl. Ich bin in Leipzig aufgewachsen, einer Stadt, die zu Recht als progressive ostdeutsche Metropole gilt. Aber auch im Leipziger Norden hat die AfD das Direktmandat gewonnen. Auf der tiefblauen ostdeutschen Wahlkreiskarte blieben nur noch drei rote Flecken übrig: Erfurt, Potsdam und der Leipziger Süden, wo mein Elternhaus steht. Das war für mich der Anlass, noch mal genauer hinzuschauen, wie sich meine eigenen Leute so weit von mir entfernen konnten. Vor allem, weil die öffentliche Debatte darüber von allerlei Verdrängungs- und Vermeidungsdiskursen bestimmt wird.

Sie beschreiben diesen Moment vor der Wahlkarte als Schock. Zugleich verweisen Sie auf Politiker wie Wolfgang Thierse, die schon vor über 20 Jahren vor der gegenwärtigen Entwicklung warnten. Was haben Sie selbst nicht gesehen oder wahrhaben wollen?

Die Frage führt mich zu Angela Merkel, die eine Art heimliche Hauptfigur meines Buches ist und die ich als Journalistin lange beobachtet und auch interviewt habe. Merkel steht für eine gewisse Tragik – in dem Sinne, dass sie ihr Ostdeutschsein lange beschwiegen hat. Das war eine wesentliche Voraussetzung ihres Erfolgs. Erst gegen Ende ihrer Amtszeit und danach begann sie, selbstbewusst aus ostdeutscher Perspektive zu sprechen. Ich kenne diesen Zwiespalt. Wer über Ostdeutschland spricht, läuft Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Auch ich habe ver- sucht, diesem Konflikt aus dem Weg zu gehen.

Eigentlich, schreiben Sie, hatte die DDR gegenüber dem Westen sogar einen Emanzipationsvorsprung.

Stimmt, der Osten war die progressivere Gesellschaft. Ich weiß, dass sich das nach einem Widerspruch anhört, weil die Staatsform ja eine Diktatur war. Aber innerhalb dieser Diktatur mit ihren beschränkten bürgerlichen Freiheitsrechten haben zum Beispiel Frauen in viel höherer Zahl am Arbeitsmarkt partizipiert als im Westen, auch in vermeintlichen Männerberufen. Es gab eine relativ homogene Einkommensstruktur. Keine so starken religiösen Bindungen, die für ein eher tradiertes Familienmodell sorgen. Eine sehr fortschrittliche Abtreibungslösung. Der heutige Paragraf 218 ist aus ostdeutscher Sicht eher ein Rückschritt für Frauen.

Patrick Wildermann


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