Musik

Album der Woche

Federico Albanese • By The Deep Sea

Neue Meister • 23. Februar

Album der Woche - Federico Albanese • By The Deep Sea

Photo: Benjamin Barrese

Federico Albanese By the deep Sea

Halboffene Türen

Wenn man Federico Albanese fragt, dann ist er kein Pianist, sondern nur ein Typ, der instrumentelle Musik macht und dabei zufällig meist an den Tasten sitzt. Die Herangehensweise des in Berlin lebenden Italieners ist die der Punkbands geblieben, in denen er seine Jugend verbracht hat, nur dass seine Songs heute viel zarter klingen. Er will schließlich das Baby nicht aufwecken, das auf dem Klavier schläft.

Zählen Sie immer Ihre Schritte?

Nein, nie. Als ich das Stück 682 Steps schrieb, das das Album eröffnet, musste ich meine Mutter anrufen und fragen, wie viele Schritte es denn nun sind. Ich bin den Weg von ihrem Haus in Legurien zum großen Felsen am Meer schon so viele Male gelaufen, und es hängen viele Erinnerungen daran, die ihren Weg aufs Album gefunden haben, deshalb fand ich, es wäre ein passender Einstieg. Meine Mutter musste nicht einmal nachdenken, als ich sie gefragt habe: 682 Schritte. Jeder dort weiß das einfach.

Sie haben Ihr Album „By The Deep Sea“ genannt. Was passiert nach den 682 Schritten zum Meer, springen Sie hinein?

Der Titel ist eher eine Metapher, als dass er sich auf das Meer beim Haus meiner Mutter bezieht. Aber das Interessante ist tatsächlich, dass man in diesem Bild nicht ins Wasser eintaucht, sondern sich einfach in seiner Nähe aufhält. Es geht darum, etwas Tiefem und Unergründlichem nah zu sein und sich vielleicht gerade durch diese Distanz einiger Dinge klar zu werden.

Ihre letzten Alben spielten noch weiter vom Ufer entfernt.

Musik hat immer mit einem Bedürfnis nach etwas zu tun. Man möchte etwas Bestimmtes kommunizieren, das man vielleicht nicht mit Worten sagen kann. Meine letzten Alben gingen immer von einem Konzept aus und haben sich damit selbst Grenzen auferlegt. Es war wie bei einem Film, der sich an seine Storyline hält. Diesmal gibt es diese Grenzen nicht und es ist mehr Raum für persönlichere Geschichten.

Musik mit Text läuft oft Gefahr, in Klischees und Phrasen zu verfallen. Kann einem das auch passieren, wenn man ohne Worte kommuniziert? Gibt es ein instrumentelles „Hey Baby“?

Es gibt jede Menge musikalische Stereotype, und vielleicht verfällt man sogar noch leichter darin. Es kann schnell passieren, dass man sich eine Melodie ausdenkt, die es schon gibt, oder etwas spielt, das schon andere gespielt haben. Letztendlich hat es alles schon einmal gegeben. Deshalb ist es viel wichtiger, welche Geschichte man damit erzählen will. Wenn ich es schaffe, eine bestimmte Emotion musikalisch auszudrücken, dann bin ich zufrieden.

Wie viele Klaviere packen sie ein, um diese Emotionen unterwegs einzufangen?

Ich reise ohne Klavier, aber mit mobilem Aufnahmegerät. Man weiß nie, was man unterwegs findet, vielleicht steht irgendwo ein besonders spannender Flügel, mit dem man direkt etwas aufnehmen möchte. Es fasziniert mich, wie unterschiedlich Klaviere klingen können. Ich habe schon extrem teure Steinways gespielt, die mich völlig kalt gelassen haben, und schrottige Holzhaufen, die wunderbar klangen. Das Album ist mit ganz vielen unterschiedlichen Instrumenten entstanden. Für mich funktioniert es nicht, zwei Wochen ins Studio zu gehen und alles auf einmal einzuspielen. Ich möchte Momente einfangen, und das geht nur, wenn man flexibel ist. Das bedeutet Freiheit für mich.

In den Titeln Ihrer Stücke finden sich neben den Stufen zum Meer noch andere Orte wie „Boardwalk“ und „Mauer Blues“. Welche Geschichten stecken dahinter?

Alle Titel beziehen sich auf bestimmte Erlebnisse, beschreiben aber gleichzeitig auch metaphorisch die Gedanken dahinter. Mit der Mauer ist natürlich die in Berlin gemeint. Ich wollte schon seit Jahren ein Stück darüber schreiben, und es hat nie geklappt, bis jetzt. Es gibt aber auch Stücke wie „Untold“, das meinem Vater gewidmet ist, und „The Cradle“, das ich für meinen anderthalb Jahre alten Sohn geschrieben habe. Ich habe ein Pianette, ein kleines Klavier, in das genau ein Kissen mit einem Baby darauf passt, und als er ganz klein war, war das eines der besten Mittel, um ihn zum Einschlafen zu bringen. In dem Alter ist das Gehör noch nicht besonders gut, aber er hat die Vibrationen gespürt und ist dadurch eingeschlafen.

Kommt Ihnen heute Kindermusik ins Haus?

Bloß nicht. Er hat eine Spieluhr, aber ansonsten spielen wir ihm Pink Floyd und Alt-J vor. Sie selbst kommen aus dem Punk, spielen Ihr Klavier aber nicht aggressiv, sondern eher zurückhaltend. Ich mag es lieber, nicht alles zu geben. Ich möchte Raum lassen für andere Erklärungen oder Darstellungen. Mir gefallen Spannung und Kontraste in der Musik und auch generell in der Kunst. Die erreicht man am besten, wenn man nicht alles auswalzt und sich nicht allzu zugänglich gibt. Meine Musik ist schon zugänglich, aber man muss sich ein bisschen Mühe geben. Sie ist eine halboffene Tür, keine ganz geöffnete.

Auf seinem dritten Album scheint Federico Albanese mehr denn je bei sich selbst. Die zwölf Stücke erzählen in sanften Arrangements aus Klavier, dem gelegentlichen Rhodes-Piano, Streichern und leisen Synthesizern von Orten und Menschen seines Lebens, richten sich dabei aber umso mehr nach innen. An einen Auftritt in der Elbphilharmonie ist das fast verschwendet, wenn man es stattdessen unter der Bettdecke hören könnte.

Interview: Britta Helm