8.5. | Album der Woche: Douwe Bob • Outcast Town
V2 Records
Foto: Richard Stark
Douwe Bob lehnt sich über das Balkongeländer und blickt hinunter auf die East Side Gallery. Er zeigt auf den berühmten »Bruderkuss«, das Wandbild von Breschnew und Honecker. Hinter uns dröhnen bereits Gitarren: Nur wenige Meter weiter läuft gerade das Country-Festival »C2C«, das Berlin für ein paar Tage in eine kleine Nashville-Enklave verwandelt.
Douwe Bob, der Begriff des Außenseiters ist im Country und Folk ja ein zentrales Motiv. Was bedeutet er für Sie?
Der Outcast, von dem in der Countrymusik früher die Rede war, ist ein anderer als der von heute. Heute fühlt es sich eher so an, als wären wir alle Außenseiter. Wenn man sich die Welt anschaut – Politik, Medien, große Machtstrukturen – bekommt man das Gefühl: Es gibt einen großen Club, und wir gehören nicht dazu. Wir werden nicht gehört, nicht von den Parteien, nicht von den Regierungen. Wir sollten unsere eigene Outcast Town gründen.
Aber wie sollte ein derartiges Gesellschaftsmodell funktionieren?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man dieses Problem einfach lösen kann. Dinge wiederholen sich ständig, es ist ein Kreislauf. Wenn man genügend Menschen zusammenbringt, passiert irgendwann wieder dasselbe: Wir fangen an, uns gegenseitig auszunutzen oder gegeneinander zu arbeiten. Das scheint einfach Teil der menschlichen Natur zu sein. Deshalb ist die Idee von »Outcast Town« für mich auch eher ein Gedankenexperiment. Stell dir vor, du gründest einfach deine eigene kleine Gemeinschaft – vielleicht mit zwanzig Leuten, vielleicht in irgendeinem verlassenen Dorf in Italien. Aber im Kern geht es gar nicht wirklich um einen Ort. Es geht darum, den Fernseher auszuschalten, das Radio auszumachen und irgendwann zu sagen: Ich mache da nicht mehr mit. Ich steige aus diesem ganzen Lärm aus und beginne einfach mein eigenes Leben!
Denken Sie, dass Country wieder stärker politisch sein sollte?
Ich glaube nicht, dass das verschwunden ist. Ich denke, sowas ist sogar wieder mehr in den Charts vertreten. Country war immer Musik für den working man. Ich weiß auch gar nicht, ob das, was ich mache, wirklich Country ist – wahrscheinlich eher Folk. Wobei ich früher viel folkiger war, heute bin ich deutlich poppiger. Seitdem läuft es auch deutlich besser.
Ihre neue Platte ist tatsächlich sehr poppig.
Und wie! Ich liebe gute Popalben. Und ich finde, es spricht überhaupt nichts dagegen, klassisches Songwriting in einen modernen Sound zu setzen. Das Spannende an Pop ist ja auch die Produktion. Der Bass trifft heute einfach anders, Songs haben mehr Druck und Dynamik. Wenn ich heute Musik aus den frühen 2000er-Jahren höre, denke ich manchmal: Da müsste jetzt eigentlich ein Bassdrop kommen oder irgendetwas nach dem ersten Refrain passieren. Viele dieser alten Produktionen klingen mittlerweile einfach nicht mehr so groß oder so fett wie moderne Aufnahmen.
Countrymusik erfreut sich heute international größerer Beliebtheit denn je.
Wenn man sich anschaut, wer heute die erfolgreichsten Country-Künstler sind – Post Malone oder Morgan Wallen – dann fragt man sich manchmal schon: Ist das eigentlich noch Country? Das klingt teilweise fast wie Hip-Hop, nur mit einem Country-Twang in der Stimme.
Aber gleichzeitig öffnet das natürlich Türen?
Absolut. Das größte Ereignis war, dass Beyoncé den Grammy für das beste Country- Album gewonnen hat. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das wirklich ein Sieg für Country war oder nicht – vielleicht beides. Offensichtlich war es kein klassisches Country-Album, das weiß eigentlich jeder. Aber gleichzeitig hat es die Tür für ein viel größeres Publikum geöffnet. Viele Menschen, die vorher dachten, Country sei nichts für sie, hören plötzlich genauer hin. Am Ende ist das dann vielleicht doch etwas Gutes für das Genre.
Sie haben vor ein paar Jahren aufgehört zu trinken. Hat das Ihr Leben und Ihre Arbeit verändert?
Ja, sehr sogar. Ich war wirklich ein waschechter Alkoholiker. Alkohol hat mich manchmal kreativer fühlen lassen, aber er hat auch viel zerstört. Mein Vater war ebenfalls ein Alkoholiker, und er hat sich ins Grab getrunken. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich diese Kette durchbrechen muss, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder denselben Vater erleben, den ich erlebt habe.
Markus Brandstetter