7.5. | Kinostart der Woche: Nürnberg
Foto: Scott Garfield / Courtesy of Sony Pictures Classics
James Vanderbilt (»Zodiac«, »The Amazing Spider-Man«) widmet sich in seiner zweiten Regiearbeit »Nürnberg« dem ersten Strafverfahren gegen Nazi-Verbrecher.
Er hat in seiner Karriere schon so manches Sachbuch adaptiert, doch nie hat sich James Vanderbilt so schnell auf ein Projekt eingelassen wie im Fall von »Nürnberg«. »Vor 13 Jahren las ich noch vor Erscheinen das Konzept zu Jack El-Hais Buch ›The Nazi and the Psychiatrist‹. Das waren nur fünf oder sechs Seiten, aber schneller habe ich bei Filmrechten noch nie zugeschlagen«, berichtet der US-Filmemacher bei einer virtuellen Pressekonferenz zu seinem neuen Film, dessen Vorlage er mit eigenem Geld optionierte.
»Ich dachte, dass ich gut bewandert sei, was den Zweiten Weltkrieg und die Gräueltaten der Nazis angeht. Aber von Dr. Douglas Kelley, der 1945 als Psychiater nach Europa geholt wurde, um im Rahmen der Nürnberger Prozesse Göring und andere Verbrecher des Dritten Reichs zu begutachten, hatte ich noch nie gehört.«
Wo sich El-Hais Werk ganz auf die Begegnung von Kelley und Göring konzentriert, realisierte Vanderbilt im Zuge seiner Recherche bald, dass sein Film nicht nur in einer einzigen Gefängniszelle spielen würde. »Ich erfuhr mehr über Robert Jackson, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, der nicht nur zum Hauptanklagevertreter wurde, sondern derjenige war, der am meisten darauf drängte, dass es überhaupt einen Prozess geben musste«, erklärt er. »Und ich stieß auf Howie Triest, den jungen, damals für Kelley übersetzenden Sergeant. Die Geschichten dieser Männer faszinierten mich, ich musste sie einfach erzählen. Auch wenn es eine echte Herausforderung war, sie mit der ohnehin schon umfangreichen Buchvorlage zu kombinieren und eine stimmige Struktur zu finden.«
In zweieinhalb Stunden erzählt »Nürnberg« nun von Kelley (Rami Malek) und seiner wachsenden Faszination für die Intelligenz des jedes Wissen um die Konzentrationslager leugnenden Göring (Russell Crowe), aber eben auch von den Bemühungen Jacksons (Michael Shannon) um einen fairen, wenn gleich im Sinne der Alliierten erfolgreichen Prozess sowie dem Ringen Triests (Leo Woodall) mit der eigenen, traumatischen Familiengeschichte als Sohn deutsch-jüdischer Eltern .
Dass es mit »Urteil von Nürnberg« bereits einen Oscar-prämierten Film aus dem Jahr 1961 über die Nürnberger Prozesse gibt, konnte Vanderbilt dabei nicht schrecken. »Stanley Kramers Werk ist ein Meisterwerk, aber er erzählt vom dritten Prozess, der ein paar Jahre nach dem stattfand, um den es bei uns geht«, fasst der Regisseur zusammen. »Aber eines ist in ›Nürnberg‹ nun gleich: Auch mir ging es vor allem darum, dass dieses einschneidende Ereignis unserer Geschichte nicht vergessen wird.«
Keine Frage: Es ist ein faszinierendes, zeitlos relevantes Kapitel der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, das in »Nürnberg« erzählt wird, und James Vanderbilt rückt dabei ein hochspannendes Panoptikum an Figuren in den Fokus. Dass ihm die Dialoge allzu gedrechselt und die Inszenierung des Films als prestige-heischendes Historiendrama einigermaßen altbacken gerät, ist entsprechend verzeihlich. Umso bedauerlicher, dass im hochprominenten Ensemble ausgerechnet Rami Malek als Fehlbesetzung aus dem Rahmen fällt.
Patrick Heidmann