7.2. | Album der Woche: Carl Carlton & Melanie Wiegmann • Miles of Time
Timezone
Foto: Martin Huch
Eigentlich, so erzählt Melanie Wiegmann, hätten Carl Carlton und sie ja bereits für die Aufnahmen für ihr Debütalbum nach Woodstock reisen wollen. Damals hatte das nicht geklappt, da ihre Mutter erkrankt war – diesmal aber sollte es so weit sein. Für Carlton, der nicht nur mit Peter Maffay und Udo Lindenberg, sondern auch mit internationalen Größen wie Robert Palmer, Joe Cocker oder Eric Burdon gearbeitet hat, ist Woodstock ohnehin ein zentraler Ort seiner musikalischen Sozialisation. »Ich gehöre dort fest zur Community. Seit Levon Helm mich vor 30 Jahren dorthin brachte, ist es eine Art emotionale Heimat. Levon war wie ein Stiefvater für mich«, erklärt der Musiker.
Dass der Großteil der Trackliste in den 1960er und 1970er Jahren verortet ist, sei eher dem Zufall geschuldet, meint Carlton: »Wir haben die Songs nicht nach Jahrzehnten ausgesucht. Melanie hat sich an Stücke erinnert, die in ihrem Leben wichtig waren – etwa ›Both Sides Now‹ von Joni Mitchell.« Doch wie nähert man sich einem solchen Song an? »Ich habe mich zuerst geweigert. Der Song ist so monumental, da traut man sich kaum ran«, gesteht er. Der Durchbruch kam über das Handwerk: Mitchell habe zu jener Zeit mit Open Tunings experimentiert – für Carlton ein Kern ihres Genies. »Man kennt da die Sprache der Saiten noch nicht genau und sucht. Es entstehen die wunderbarsten Akkorde.«
Über diese Suche fand er einen eigenen Zugang und ein neues Riff: »Am Ende war ich froh, dass Melanie mich gedrängt hat, dranzubleiben.« Obwohl sie stimmlich wunderbar harmonieren, kommen Carlton und Wiegmann aus unterschiedlichen Sphären: sie aus dem Musical, er aus Rock’n’Roll, Americana & Co. »Carl hat mir unglaublich viel Offenheit geschenkt«, erläutert Wiegmann. Im Musical erfülle man meist eine Rolle mit festen Anforderungen. »Carl aber sagte immer: ›Du musst nichts erfüllen. Interpretiere den Song und sei du selbst.‹ Das war extrem befreiend.«
Für Carlton stand die Authentizität im Vordergrund: »Ich habe mit vielen Sängerinnen gearbeitet, von Jane Birkin bis Marianne Faithfull, die völlig originelle Stimmen hatten. Mir war klar: Wenn Melanie bei sich bleibt und nicht versucht, jemanden zu imitieren, dann passt das perfekt zu meiner komischen Monsterstimme.« Das Ergebnis überzeugt sogar andere Legenden: »Van Dyke Parks, der für uns so etwas wie ein Onkel geworden ist, hat uns oft mit den frühen Everlys verglichen«.

Carl Carlton & Melanie Wiegmann
Miles of Time
Timezone • 23. Januar
Dass Carl Carlton Americana im Blut liegt, ist nicht nur musikalisch, sondern auch biografisch hinreichend belegt. »Miles of Time« bewegt sich entsprechend selbstverständlich zwischen Blues, Country und Rock’n’Roll. Gemeinsam mit seiner Partnerin Melanie Wiegmann kuratiert Carlton eine Sammlung von Songs, die zwischen unbekannten Perlen und festem Kanon pendelt. Unterstützt wird das Duo dabei von hochkarätigen Gästen wie Blues-Legende Keb’ Mo und Foo-Fighters-Keyboarder Rami Jaffee.
Markus Brandstätter