5.3. | Kinostart der Woche: Marty Supreme

5.3. | Kinostart der Woche - Marty Supreme
Foto: Tobis Film

Nach gemeinsamen Filmen mit Bruder Benny legt Josh Safdie eine Solo-Arbeit vor: Für »Marty Supreme« setzt er voll auf Hauptdarsteller Timothée Chalamet.

Mr. Safdie, »Marty Supreme« erzählt von einem enorm ambitionierten Tischtennisspieler in den frühen 1950er Jahren. Inspirierte Sie die Autobiografie des realen Spielers Marty Reisman zu dieser Geschichte?

Fast bereue ich es, die Figur im Film auch Marty genannt zu haben, denn meinen Marty habe ich vielmehr in mir selbst als in diesem Buch gefunden. Meine Frau schenkte es mir, weil sie wusste, wie sehr ich Tischtennis liebe, und Parallelen zwischen Martys jüdischer Familie und meiner entdeckte. Ich las es, als ich nach zehn Jahren unermüdlicher Arbeit endlich den Film »Schwarzer Diamant – Uncut Gems« fertig hatte, dem ich praktisch eine Dekade lang mein Leben gewidmet hatte. Entsprechend erkannte ich mich vor allem in Martys Obsession wieder. Aber im Grunde war dieser Kerl, der davon träumte, zu einem der besten Spieler der Welt zu werden und Tischtennis auch in den USA als ernstzunehmende Sportart zu etablieren, nur der Anfang für den Film.

Weil es Ihnen um mehr ging?

Ich fing an, mich mit meinem Onkel zu unterhalten, der damals Tischtennis in New York gespielt hatte, und stieß auf immer mehr spannende Geschichten. Von einem Mann namens Lawrence, der eine Tischtennis-Bar betrieb, die der erste von einem Schwarzen betriebene Laden rund um den Times Square war. Von den Japanern, die tatsächlich dank dieser Sportart und einem Spieler namens Hiroji Sat? aus der internationalen Isolation zurück auf die politische Weltbühne fanden. Oder von einem ungarischen Spieler, der den Holocaust auch deswegen überlebt hatte, weil er Tischtennis-Meister war. All diese Elemente spielen nun in »Marty Supreme« eine entscheidende Rolle.

Für Ihren Hauptdarsteller Timothée Chalamet entschieden Sie sich sehr früh. Was machte ihn zum perfekten Marty?

Ich fand ihn schon als jungen Kerl in Nolans »Interstellar« großartig. Doch als ich ihn kennenlernte – lange Jahre bevor wir mit den Dreharbeiten begannen oder das Drehbuch geschrieben hatten – war mir erst einmal gar nicht klar, dass das der gleiche Schauspieler war. Viel mehr erkannte ich da einen jungen Mann, der diese überragende Vision von sich selbst hatte. Da saß Timmy Supreme vor mir. Man spürte die Energie geradezu aus ihm he- rausbersten, und obwohl er im gleichen Raum war wie ich, bestand kein Zweifel daran, dass dies nicht der Ort war, an den er gehörte. Genau so stellte ich mir Marty vor – und staunte obendrein, dass kein anderer Filmemacher diese Seite von Timmy aufzugreifen schien.

Marty Mauser (Timothée Chalamet)­ ist in vieler Hinsicht ein typischer Safdie-Antiheld: getrieben und unter Strom, ich-bezogen und durchaus selbstzerstörerisch. Statt als Schuhverkäufer zu arbeiten, will er lieber als bester Tischtennisspieler der Welt gefeiert werden – und diesem Ziel jagt er mit ebenso viel Selbstbewusstsein wie Dreistigkeit hinterher, im Zweifelsfall auf Kosten anderer. »Marty Supreme« besticht mit nervöser Energie und erstaunlicher Wahrhaftigkeit, aber das größte Ereignis hier sind Chalamet und der Rest des Casts, darunter Gwyneth Paltrow und Shooting Star Odessa A’zion.

Patrick Heidmann


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