4.9. | Album der Woche: Paris Paloma • The Fatal Flaw
Nettwerk
Foto: Phoebe Fox
Liebe als Waffe
Der verhängnisvolle Fehler ist das System. Auf »The Fatal Flaw« setzt sich Paris Paloma erneut kritisch mit den großen, gesellschaftlichen Themen auseinander. Verpackt in einnehmende Popsongs mit pointierten Texten ist ihr Lösungsansatz so simpel wie existenziell: Mehr Liebe braucht die Welt!
Paris Paloma, Ihr Album heißt »The Fatal Flaw«. Worauf beziehen Sie sich damit?
Der Titel soll bewusst mehr Fragen aufwerfen, als er beantwortet. Mich interessiert, warum wir lieben, wie wir lieben, warum wir Kunst machen und welche Erfahrungen unser Leben bestimmen. Das Album ist für mich eine Suche nach den eigenen Wurzeln – und gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Kunst. Inspiriert wurde der Titel von Donna Tartts Roman »The Secret History«. Sie wirft darin die Frage auf, ob es sowas wie den fatalen Fehler gibt. Ich dachte, dass das nicht der Fall ist, aber mittlerweile bin ich anderer Meinung. Zumindest für die Frauen ist es das Patriarchat, das sich wie ein Riss, der alles beeinflusst, durch die Karte des Lebens zieht.
Die Liebe ist ein zentrales Thema. Wie sieht Ihre Definition davon aus?
Bell Hooks und ihre Definition haben mich beim Schreiben stark beeinflusst, weil ich mich damit sehr gut identifizieren kann. Liebe bedeutet Wachstum – die Bereitschaft, sich selbst für einen anderen Menschen oder die eigene Entwicklung zu erweitern. Deshalb sollten die Songs groß und überwältigend klingen.
Wo fehlt Liebe heute am meisten?
Ehrlich gesagt überall. Viel Empathie geht dadurch verloren, dass Menschen einen Großteil ihres Lebens online statt mit echten Begegnungen verbringen, Menschlichkeit wird politisiert und vielen fehlt Gemeinschaft. Deshalb versuche ich mit meinen Konzerten, Begegnungsräume zu schaffen. Das gibt mir Hoffnung. Meiner Meinung nach besteht ein großes Kommunikationsproblem. Viele haben verlernt, liebevoll miteinander zu sprechen und sich dabei nicht von ihrem Ego lenken zu lassen. Gesellschaftlicher Fortschritt kann nur aus Liebe entstehen.
In »Good Boy« beleuchten Sie eine eher ungewöhnliche Perspektive und zeigen auf, welche Auswirkungen das Patriarchat auf Männer hat.
Heutzutage ein Junge oder ein Mann zu sein, muss sich unglaublich einsam anfühlen. Uns Frauen wurde wenigstens beigebracht, uns gegen das Patriarchat aufzulehnen und uns dabei zu unterstützen. Jungen lernen oft nicht, verletzlich zu sein oder emotionale Beziehungen aufzubauen. Eine Sache, die mich umtreibt, ist, wenn man deutlich sieht, wo das Problem liegt und den Menschen aber das Werkzeug fehlt, um das zu verstehen. Genau das beobachte ich oft auch bei Kommentaren, die ich von jungen Männern zu meiner Musik bekomme. Es muss endlich klar sein, dass Feminismus sich nicht gegen Männer richtet, sondern gegen das System. Die gesellschaftliche Spaltung diesbezüglich macht mich verrückt. Männer tragen nicht die Schuld dafür, wie sie sozialisiert wurden, aber sie tragen Verantwortung, die Muster zu hinterfragen. Sie müssen bereit sein, einen Schritt zurückzutreten und Frauen nicht mehr dominieren zu wollen.
Trotzdem tun Sie sich mit dem Begriff »Female Rage« schwer. Warum?
Weil er suggeriert, dass Wut etwas Natürliches oder sogar Bewundernswertes an Frauen ist. Dabei ist sie eine Reaktion auf Ungerechtigkeit. Wie oft werden Frauen als »aufgebrachte Feministin« abgestempelt? Es wird so dargestellt, als würde uns Frauen dieser Zorn Spaß machen. Aber ich möchte gar nicht wütend sein müssen. Ja, es gibt viel Wut in meiner Musik, aber nicht, weil ich dieses Gefühl liebe, sondern weil mir die Kunst dabei hilft, sie zu verarbeiten und in etwas Sinnvolles zu verwandeln.
Ihr Song »Labour« ist zu einer feministischen Hymne geworden. Hat das Ihren Blick auf Ihre Rolle als Künstlerin verändert?
Ich bemühe mich, dass genau das nicht passiert. Ich liebe, dass dieser Titel zu einem Protestsong geworden ist, aber ich möchte mich nicht als politische Künstlerin sehen. Nicht, weil ich unpolitisch bin, sondern weil ich finde, dass das universelle Themen sind. Ich möchte nicht die Galionsfigur sein, weil der massive Erfolg vor allem den vielen Frauen zu verdanken ist, die daraufhin ihre eigenen Erlebnisse geteilt und beispielsweise die Kraft gefunden haben, eine toxische Beziehung zu verlassen. Das hat eine Gemeinschaft entstehen lassen und darauf bin ich stolz.

PARIS PALOMA
The Fatal Flaw
Nettwerk, 4. September
Mit »Labour« schrieb Paris Paloma die ultimative Hymne für alle Frauen, die es satthaben, Care-Arbeit und Mental Load allein zu schultern, während sie gleichzeitig die emotionalen Folgen patriarchaler Sozialisation auffangen. Mit »The Fatal Flaw« geht die Britin diesen thematischen Weg konsequent weiter: »And if you call me a ›good girl‹ one mo re time / then my fist will meet your skull«. Diese weibliche Wut, verpackt in tanzbarer Popmusik mit durchdringenden Beats, wirkt befreiend. Und doch geht es auf dem zweiten Album der Britin im Kern um die Liebe, mit all ihren Facetten. Plakativ ist das keinesfalls, vielmehr beweist Paloma ihr Talent als präzise Lyrikerin, der es gelingt, Komplexes in wenigen Zeilen zu verhandeln. Musikalisch klingt das manchmal zurückgelehnt lässig (»Beautiful Birds«), meistens jedoch wuchtig und bereit dafür, Arenen zu füllen.
Katharina Raskob