4.3. | Buch der Woche: Hans-Gerd Raeth • Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden?

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4.3. | Buch der Woche - Hans-Gerd Raeth • Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden?

Henri ist 55. Er steckt mitten in den Wechseljahren und ja, die gibt es auch bei Männern. Die Ehe ist gescheitert, eine Affäre hat nicht geklappt, und bei einem Date wird ihm dann auch noch mitgeteilt, dass er in der Realität älter aussieht als auf seinem aktuell geknipsten Foto. Dazu kommt noch das ein oder andere Zipperlein: Willkommen in der Midlife Crisis. Zum Glück gibt es da den besten Freund Felix, der ihn immer wieder rettet. Wir haben Autor Hans-Gerd Raeth einige Fragen zu seinem Buch gestellt.

Herr Raeth, wenn man sich Ihre Hauptfigur Henri Albers anschaut: Mitte 50, frisch geschieden und in diversen Krisen steckend … ist das im Kulturbetrieb der männliche Archetyp unserer Zeit?

Ehrlich gesagt denke ich nicht so kompliziert, wenn ich nach Charakteren suche. Ich weiß zwar, wie man sie konzipiert, zumal ich ja auch Drehbücher schreibe, wo man meist viel weniger Zeit hat, um Figuren ein- und auszubauen, aber wenn ich mit dem Personal eines Romans Zeit verbringen will, dann brauche ich vor allem Charaktere, die mich persönlich interessieren. Dass das Leben, die Welt und unsere Beziehungen kompliziert geworden sind, finde ich dabei nur mäßig originell. Ich meine, das betrifft ja nun fast jede und jeden von uns.

Die Mischung aus äußerer Erwartungshaltung bei gewissen Themen, die Henri in seinem Umfeld gespiegelt wird, versus seinen inneren Trotz bzw. seiner Ahnungslosigkeit: Warum fällt es Ihrem Protagonisten und auch vielen Männern insgesamt so schwer, sich mit Themen wie Gesundheit, Selbstfürsorge und sozialer Interaktion zu beschäftigen und diese auch als „ihre“ anzunehmen?

Ich glaube, dass Männer, die in den 80er- und frühen 90er-Jahren sozialisiert wurden, ein anderes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben als beispielsweise heutige Männer. Die meisten von uns alternden Männer sind ja Kinder von Babyboomern, die als Nachkriegsgeneration auf Sicherheit und persönliche Leistung setzten und denen Konsum und Status enorm wichtig waren. Das haben wir übernommen und nun spiegeln uns unsere eigenen Kinder, dass wir damit nicht unbedingt richtig liegen. Erst jetzt entdecken viele Freitagsmänner, dass es überhaupt so etwas wie Selbstfürsorge gibt - ich fürchte, für einige von uns kommt diese mentale Hilfe trotzdem zu spät.

Das Narrativ des midlife-kriselnden Mannes ist wie eingangs angedeutet definitiv nicht unterbesetzt. In welche Fallen wollten Sie mit Ihrem Buch erzählerisch nicht tappen? Welche Stereotype in der Konstellation „alternder weißer Mann vs. Hier-und-Jetzt“ bewusst ausklammern?

Ich habe keine Angst vor Stereotypen, falls Sie das meinen. Zumal sie existieren – und wenn auch nur in den Köpfen der meisten Menschen. Wie bei Klischees finde ich es sogar ganz reizvoll, damit zu spielen. Was ich in „Wir Freitagsmänner“ ausklammern wollte, war, den alten weißen Mann wahlweise als ewig gestrigen Holzkopf oder als Opfer der Moderne zu erzählen. Beides gibt es sicherlich, aber mit solchen Figuren landet man schnell in der erzählerischen Sackgasse. Auch würde mir dann die Entwicklung fehlen.

Können Sie all jenen Lesern, die sich möglicherweise in einer ähnlichen Situation wie Henri befinden eine Aufmunterung mit auf den Weg geben?

Für Henri wie auch für künftige Freitagsmänner deutet sich an, dass es sich immer lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Aufbruch mit zunehmendem Alter immer schwerer fällt, aber auch immer wichtiger wird, weil man die Bequemlichkeit und Sicherheit zu sehr zu schätzen weiß, die einem Gewohnheiten bieten. Doch letztlich bedeutet Älterwerden auch, sich ständig mehr anstrengen zu müssen, um halbwegs den Status quo zu bewahren.

Hans-Gerd Raeth
Wir Freitagsmänner - Wer wird denn gleich alt werden?
dtv / 288 Seiten / 23 €
auch digital und als Hörbuch erhältlich!

Fazit: Sind wir nicht alle ein bisschen Henri Albers? Hans-Gerd Raeths liebe- und humorvoller Blick auf seine Hauptfigur mitsamt Komparsen bringt alles zur Sprache, womit sich der moderne Mann spätestens ab Mitte 40 herumschlagen "darf": den Perspektiven im Beruf und in der Beziehung, ob das Haupthaar plötzlich lichter und Sex nicht total überbewertet wird. Und am Ende klopft die Frage nach dem Sinn des Lebens an, auch keine leichte Sache. Raeth versteht es, Henris Odyssee und all ihren Irrungen und Wirrungen mit Humor und Tiefgang abseits oberflächlich bekannter Comedy-Inszenierungen zu verknüpfen, sodass man seine stets lebensnah gezeichneten, aber mit einem Augenzwinkern bedachten Charaktere direkt ins Herz schließt. Damit ist "Wir Freitagsmänner" für Leser in der passenden Zielgruppe vielleicht genau das bisschen Therapie und Seelenbalsam, was man sich insgeheim wünschen würde.

Nicht verpassen:
Hans-Gerd Raeth liest aus "Wir Freitagsmänner":

08.03. - 19:00 Uhr: Marienhöhe Norderney (Dinner mit Lesung)
20.03. - 20:00 Uhr Frauenzimmertheater Leipzig (Eine Veranstaltung im Rahmen von "Leipzig liest")
15.04. - 20:15 Uhr: Thalia, Düsseldorf
23.04. - 20:00 Uhr: Buchhandlung Frank, Grünstadt
27.08. - 19:30 Uhr: Leuenhagen & Paris, Hannover
09.10. - 19:00 Uhr: Stadtbücherei Nettetal, Nettetal

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