4.12. | Kinostart der Woche: Sentimental Value
Von Skandinaviern und ihren Gefühlen
Seit Jahrzehnten ist Stellan Skarsgård im skandinavischen Kino, wo er mit den Filmen von Lars von Trier berühmt wurde, eine ebenso feste Größe wie in Hollywood, wo seine Bandbreite von »Mamma Mia!« bis hin zu den »Dune«- Filmen oder der »Star Wars«-Serie »Andor« reicht. Jetzt beeindruckt der Schwede in Joachim Triers Oscar-Anwärter »Sentimental Value«.
Mr. Skarsgård, in »Sentimental Value« spielen Sie einen berühmten Regisseur. Haben Sie sich dafür von einem der Filmemacher inspirieren lassen, mit denen Sie in Ihrer langen Karriere zusammengearbeitet haben?
Nein, das habe ich bewusst vermieden. Denn wenn man sich für eine solche Rolle ein reales Vorbild sucht, neigt man am Ende immer dazu, eine Parodie dieser Person abzuliefern. Und das Letzte, was ich wollte, war, diesen Regisseur in »Sentimental Value« zu einer Parodie werden zu lassen. Er sollte ein wahrhaftiger, dreidimensionaler Mensch sein, deswegen bin ich die Rolle nicht anders angegangen, als wenn ich einen Bäcker oder einen Klempner gespielt hätte.
Dass Sie diese Branche besser kennen als jede andere, spielte keine Rolle?
Doch, in meinem Verständnis für ihn natürlich schon. Dass er ein Regisseur ist, macht ihn schließlich aus – und steht im Kern der Geschichte, denn sein Beruf hat direkte Effekte auf die Beziehung zu seinen Töchtern. Als Regisseur ist man zwangsläufig ein Besessener, zumindest bin ich noch keinem normalen begegnet. Sie sind Wahnsinnige, so wie viele Schauspieler auch Wahnsinnige sind. Da gerät die Familie schnell ins Hintertreffen.
Gilt das auch für Sie selbst?
Ich liebe die Schauspielerei und verbringe mit Begeisterung meine Zeit mit ähnlich Gesinnten am Set. Diese Leidenschaft kommt einer Sucht schon ziemlich nahe, was natürlich einem geregelten Familienleben schnell in die Quere kommt. Aber ich habe acht Kinder und mir war es immer wichtig, möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Deswegen arbeite ich im Durchschnitt selten mehr als vier Monate im Jahr. Und das schon seit Jahrzehnten. Wahrscheinlich bin ich, verglichen mit Gustav im Film, der deutlich modernere Mann. Auch was sein Verständnis von Hierarchien und Respekt in Eltern-Kind-Beziehungen angeht. Solche Dinge habe ich immer als altmodisch empfunden.
Täuscht der Eindruck oder ist Joachim Trier ein eher sanfter Besessener, wenn wir von Regisseuren sprechen?
Er ist der liebevollste Besessene, den man sich vorstellen kann. Natürlich hat er unglaublich präzise Vorstellungen von seinem Film und entsprechende Erwartungen. Aber diese Genauigkeit würde nie seine zwischenmenschlichen Beziehungen zerstören. Besessen zu sein heißt ja nicht, dass man automatisch auch sozial gestört ist. Tatsächlich gehörte das Set von »Sentimental Value« zu den angenehmsten, die ich je erlebt habe. Dass man so viel Vertrauen spürt und so sehr das Gefühl hat, sich für nichts schämen zu müssen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das würde ich für meinen guten Freund und Joachims Namensvetter Lars von Trier übrigens genauso unterschreiben.
Die beiden sind, genau wie Sie, Skandinavier. Ist das der gemeinsame Nenner?
Wahrscheinlich spielt es zumindest mit in ihren Arbeitsstil hinein. Wir haben es in Skandinavien ja nicht so sehr mit Hierarchien und begegnen uns gerne auf Augenhöhe. Und wir können am besten mit Menschen, die genauso ticken.
In »Sentimental Value« geht es ums Filmemachen, aber auch um die Kraft der Kunst, die Erinnerung und das Versöhnen. Würden Sie sagen, dass das Kino diesbezüglich heilende Kräfte haben kann?
Für das Publikum? Eigentlich nicht. Filme können magisch sein, aber nicht zaubern. All die Probleme und Konflikte, um die es in »Sentimental Value« geht, lösen sich dort ja auch nicht in Rauch und Wohlgefallen auf. Gustavs Unvermögen, seinen Töchtern wirklich auf emotionaler Ebene zu begegnen, verschwindet am Ende nicht. Aber die Figuren machen sich diese Realität bewusst und lernen, sie zu akzeptieren und damit umzugehen. Dabei zu helfen, ist genau das, was auch das Kino leisten kann, denke ich.
Sentimental Value
2 Std. 14 Min.
»Zärtlichkeit ist das neue Punk«, sagte Joachim Trier zur Cannes-Premiere seines neuen Films mit Blick auf die vielschichtige, nachdenkliche Sensibilität, mit der er seine Geschichte erzählt. Zur Überraschung der Schauspielerin Nora (Renate Reinsve) und ihrer Schwester taucht zur Beerdigung der Mutter ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgård) wieder auf, ein einst gefeierter Regisseur, der Jahre vorher die Familie verlassen hatte. Das Haus der Familie in Oslo, das fast eine eigene Hauptrolle spielt, gehört immer noch ihm; hier möchte er seinen autobiografisch inspirierten Comeback-Film drehen, mit Nora in der Hauptrolle. Doch als die unversöhnlich ablehnt, engagiert er den Hollywood-Star Rachel (Elle Fanning). Einmal mehr gelingt dem Norweger dabei eine sanfte Mischung aus Drama und Komödie, hier als Familiengeschichte über untrennbare emotionale Bindungen und generationsübergreifenden Schmerz.
Patrick Heidmann