31.12. | Buch der Woche: Margaret Atwood • Book of Lives

Berlin Verlag

31.12. | Buch der Woche - Margaret Atwood • Book of Lives

Make Atwood Fiction Again

Autorin, Feministin, Kanadierin – zum 85. Geburtstag gönnt Margaret Atwood sich und ihren Fans mit »Book of Lives« endlich »so etwas wie Memoiren« in angemessener epischer Breite.

Auf Margaret Atwoods »Book of Lives – So etwas wie Memoiren« sollte man sich vorbereiten wie auf den Besuch der vor einem halben Jahrhundert ausgewanderten Großtante, die sich zum Kaffee angesagt hat. Aus einem Plausch wird ein Nachmittag, dann zwei, drei Tage. Und ehe man sich versieht, bekommt man ein umfassendes Update und Hintergründe über eine außergewöhnliche Frau, die immer gerne Anlass zur Munkelei gab. Und das, wie man erfreut feststellt, zu Recht.

»Erinnerungen können lebhaft, aber unzuverlässig sein; Tagebücher trügen. Und dennoch hat jedes Leben seine eigenen Aromen und Texturen – ich werde versuchen, die meinen einzufangen.« Atwood tut das auf knapp 770 Seiten weitestgehend chronologisch, setzt einige Jahre vor ihrer Geburt an und hört kurz nach der Covid-Pandemie auf. Dazwischen liegt ein Leben in einer Welt, die sich rasend schnell verändert, technisch ebenso wie ideologisch, und das insbesondere für Frauen: »Hier die Frau, die Frauentätigkeiten verrichtet; dort die ernsthafte Autorin mit dem Messer im Ärmel.«

Bei all den illustren Vignetten über kanadische Wälder, elektrischen Schreibmaschinen mit deutschen Tastaturen, Lesereisen in verqualmten Greyhound-Bussen und gelegentlichen Seitenhieben auf eine egoistische Verlegerin – die nicht zufällig die Ex-Ehefrau von Atwoods Lebenspartner Graeme Gibson ist – könnte man glatt übersehen, dass »Book of Lives« vor allem ein Book of Writing ist.

Mit großer Offenheit und mannigfachen Beispielen beschreibt Atwood, wo eine Idee herkommt, was sie verändert, und wie sie sich in eine Geschichte einbauen lässt. Bei einem Roman alle zwei bis drei Jahre seit 1969, dazwischen Kurzgeschichten- und Gedichtsammlungen, Graphic Novels (einige Zeichnungen finden sich auch hier) und sogar einem Opernlibretto braucht es eine Menge Ideen.

Atwood bezieht viel aus dem eigenen Leben, verändert oft nur die Färbung. Die heimelige Küche der Großmutter in Nova Scotia wird zum Arbeitsplatz der vermeintlichen Mörderin Grace Marks in »Alias Grace«. Die heiligen Hallen ihrer Alma Mater Harvard werden zu den Umerziehungsstätten in Gilead. Die schwindende Sehkraft der Mutter zum Motiv in »Der blinde Mörder«.

Und auch die Mutmaßung, ob die Schulmobbingerfahrung in »Katzenauge« womöglich autobiografische Züge trägt, wird in Kapitel 5 eindeutig beantwortet: Quälgeist Cordelia hieß in Wirklichkeit Sandra und wurde Jahrzehnte später eine gute Freundin der Autorin, ohne je zu ahnen, dass sie als Cordelia verewigt wurde. Das alles erzählt Atwood in lebhaftem Plauderton, hin und wieder unterbrochen von anekdotischen Merksätzen to go, darunter: »Jede Demütigung lässt sich überstehen, solange man nicht kotzt oder stirbt.«

Das gilt nicht nur für Klein-Margaret, der mit zwölf Jahren vor laufender TV-Kamera ein Flughörnchen in die Bluse krabbelt. Das gilt für alle. Fürs ganze Leben.

»Make Margaret Atwood fiction again« stand 2017 auf Plakaten bei Demonstrationen für Frauenrechte. In diesem Jahr fielen Trumps erste Wahl zum US- Präsidenten, die neuerlichen Diskussionen um Abtreibungsverbote und der Start der Serie »The Handmaid’s Tale« zusammen. Genau diesen Gefallen hat Atwood ihrer Anhängerschaft mit »Book of Lives« getan.

Sie hat sich in »So etwas wie Memoiren« zu einer Figur in einem Buch mit sehr hohem Realitätsanteil gemacht. Auf die ihr übliche Weise: ausgesprochen unterhaltsam und kämpferisch, plastisch und drastisch im Detail, aber diesmal um einen verschmitzt selbstironischen Tick heller im Ton.

Edda Bauer


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