31.07. | Album der Woche: The Waterboys • Atlantic Rain

Chrysalis / H'Art

31.07. | Album der Woche - The Waterboys • Atlantic Rain
Foto: Colm Henry

„Trump bedient autoritäre Fantasien“

Seit 45 Jahren führt Mike Scott seine Band The Waterboys in immer neue Themenfelder. Nach einem Tribut-Album für Dennis Hopper gibt es jetzt einen unmissverständlichen Anti-Trump-Song. Scott hat aber auch Zeit fürs Zurückschauen: Die CD-Box „Atlantic Rain“ versammelt Raritäten aus den Sessions von „Fisherman’s Blues“, einem der beliebtesten Waterboys-Alben.

Mike Scott, Sie sind gleichermaßen Bewunderer und kritischer Beobachter der amerikanischen Kultur. Wie bewerten Sie das, was aktuell in den USA geschieht?

Es ist keine aktuelle, sondern eine langfristige Entwicklung. Wenn man einen Startpunkt setzen möchte, dann der Moment, als Reagan Vorsitzender der Republikanischen Partei wurde. In der Republikanischen Partei entwickelte sich eine autoritäre Tendenz – oder eher: eine autoritäre Fantasie. Und Trump bedient sie. Gleichzeitig fällt mir auf, dass die Überzeugungskraft des Geldes dafür gesorgt hat, dass die zweite Partei, die Demokraten, weniger effektiv und ethisch handelt. Diese beiden Entwicklungen konnten nicht gestoppt werden, sodass alles, was geschehen ist, unvermeidlich war.

Sehen Sie denn eine Chance, dass diese beiden Entwicklungen gestoppt werden könnten?

Natürlich, das kann passieren. Aber sehen Sie dafür Anzeichen?

Trump hat seine zweite Amtszeit, ist 80 Jahre alt.

Aber seine Wähler bleiben. Die MAGA-Bewegung bleibt. Und vergessen Sie die Probleme der Demokraten nicht: Es ist ihnen gelungen 2020 die Macht von Trump zu brechen, sie hatten ihre Präsidentschaft. Aber sie haben kaum etwas auf die Reihe bekommen. Und vor allem haben sie Trump nicht wegen Anstiftung zum Aufstand strafrechtlich verfolgt.

Haben Sie eine Antwort, warum eine Nation mit diesem reichen kulturellen und musikalischen Erbe politisch so sehr ins Straucheln geraten konnte?

Ich glaube, es ist ein Missverständnis, dass Kultur dann entstehen kann, wenn ein Land besonders politisch kultiviert zu sein scheint. Das Gegenteil ist der Fall. Die Sklaverei, ein Verbrechen an der Menschheit, war der Motor für die Entwicklung, dass aus Gospels Bluesmusik entstand, dass viele Schwarze Menschen vom Süden in den Norden der USA gegangen sind und dass sich der Blues dort elektrifizierte. Oder nehmen Sie die Folk-Bewegung in den 60er-Jahren: Die Songs waren eine Reaktion auf die autoritären Tendenzen in der amerikanischen Regierung. Es ist wohl so, dass im imposanten Körper der Vereinigten Staaten ein schwarzes Herz schlägt.

Schon immer?

Ja. Viele glauben, die Gründerväter der Vereinigten Staaten seien aufgeklärte Männer gewesen, aber auch sie hielten Sklaven.

Sie haben mit den Waterboys die Single „Don’t Even Have To Say His Name“ geschrieben, ein Anti-Trump-Song. Welches Motiv steckt dahinter?

Motiv? Das klingt, als würde ich daran glauben, ein Rocksong könnte die Welter verändern.

Kann er nicht?

Vielleicht war das in den 50er- und 60er-Jahren möglich. Heute aber nicht mehr. Die Zeit, in der ein Album oder ein Song eine riesige kulturelle Kraft war, die die Meinung von Millionen ändern konnte, ist vorbei. Zumindest vorerst. Es ist eher so, dass meine Wut über die Dinge, die ich sehe, ihren Weg in diesen Song gefunden hat.

Dass plötzlich ein Lied Millionen erreicht, funktioniert aber auch heute noch. Zum Beispiel über die Sozialen Medien. Dort ist ein alter Waterboys-Song neu entdeckt worden: „We Will Not Be Lovers“, vom Album „Fisherman’s Blues“. Eine Version des Stücks findet sich auf der Box „Atlantic Rain“, die verloren geglaubte Aufnahmen aus dieser Zeit versammelt.

Das Stück wird in der Netflix-Serie „Something Very Bad Is Going To Happen“ gespielt, ich glaube, das hat ihm zu dieser neuen Karriere geholfen.

Was macht ihn so stark, dass die junge Generation darauf anspringt?

Der Song ist spontan entstanden. Wir haben damals mit den Waterboys live im Studio aufgenommen, unsere Arbeitsweise bestand 1986 darin, ins Studio zu gehen, uns im Kreis aufzustellen, sodass wir untereinander Augenkontakt hatten und die Instrumente der anderen sehen konnten. Und in dieser Runde spielten wir alles live ein, einschließlich des Gesangs. Für „We Will Not Be Lovers“ brauchten wir nur einen einzigen Versuch. Es fühlte sich wie ein Wunder an und ich glaube, die Leute spüren immer wieder neu, dass dieses Lied etwas Besonderes ist.


Waterboys - Atlantic Rain Cover

THE WATERBOYS
Atlantic Rain
Chrysalis / H'Art, 17. Juli

Die Besetzung der Waterboys in den Jahren 1986 bis 1988 zeichnete sich durch Fleiß und Kreativität aus. Bei der Arbeit am Erfolgsalbum „Fisherman’s Blues“, das 1988 erschien, entstanden Dutzende weitere Tracks. Bereits 2013 erschien eine CD-Box, mit vermeintlich allen Songs dieser Phase. Dann fand Mike Scott im Archiv noch viele weitere Aufnahmen, die jetzt auf den drei CDs oder LPs der Box „Atlantic Rain“ versammelt werden. Darunter Coverversionen von „When Doves Cry“ von Prince oder „Sgt. Pepper’s“ von den Beatles sowie eine Live-Version des auf TikTok von einer neuen Generation entdeckten Klassikers „We Will Not Be Lovers“. Erstaunlich ist, dass fast alle diese Raritäten zwischen Folk, Rock, Soul und Blues einen Platz auf „Fisherman’s Blues“ verdient gehabt hätten.

André Boße


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