Musik

31.05. | Album der Woche

Justin Townes Earle • The Saint of Lost Causes

31.05. | Album der Woche - Justin Townes Earle • The Saint of Lost Causes

Justin Townes EarleJUSTIN TOWNES EARLE

The Saint Of Lost Causes

New West Records • 24. Mai

Im neo-folkloristischen Country von Justin Townes Earle kumulieren musikalische Reminiszenzen vergangener Tage mit den vielfältigen Problemen der USA von heute.

Amerika wird seit jeher als Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten verklärt, wo sich der Mythos vom Tellerwäscher, der sich zum Millionär hocharbeitet, auch dann noch hartnäckig hält, wenn der Weg vom Millionär zum Tellerwäscher fast schon häufiger der Realität entspricht. Justin Townes Earle spiegelt diese Sehnsucht nach freier Entfaltung in jeder seiner Noten. Grundsätzlich sieht er die Dinge aber deutlich pragmatischer. » Wenn du auf Glücksspiel und Huren stehst, gehst du nach Las Vegas. Wenn du ein gutes Album machen willst, gehst du nach Nashville «, so der Sohn des berühmten Country-Musikers Steve Earle. Die Abwesenheit des Vaters prägte seine Kindheit, die Bars von Nashville seine ersten musikalischen Gehversuche. Für » The Saint Of Lost Causes « ist er in seine Heimat zurückgekehrt, um im Sound Emporium aufzunehmen, das schon den Platten von Johnny Cash und Kenny Rogers ihren Charme verlieh. Wer sich hier einmietet, hat eher nicht die Avantgarde im Sinn, sondern viel mehr Tradiertes. Und so kommt Earle zwischen Country, Folk und Boogie-Woogie alles gelegen, das sich mit einer Western-Gitarre gegen das Verblassen des amerikanischen Traums stemmt. Der flotte Roots-Rocker» Ain’t Got No Money « über einenMann mit Geldsorgen schlägt auch inhaltlich in diese Kerbe. Songs wie » Mornings In Memphis « sind schwärmerische Anachronismen aus Pedal-Steel-Gitarren, die das Ursprüngliche an amerikanischer Musik in einen Schrein stellen. Entsprechend spielt Earle auch in seinen Texten mit den Traditionen. Der Auftakt im Titeltrack hat geradezu biblische Züge: » Got your sheep / Got your shepherds / Got your wolves amongst men, throughout time / Between the wolf and the shepherd / Who do you think has killed more sheep? « Doch die Situation, die er hier beschreibt, ist noch immer brandaktuell. Earle klagt an, wie animalisch und bizarr unser Handeln ist, wenn eine der größten Bedrohungen für einen schwarzen Jugendlichen in einer US-Stadt noch immer von der Polizei ausgeht. In » Don’t Drink The Water « geht er dann mit der Umweltverschmutzung ins Gericht, die der Republikaner Don Blankenship zu verantworten hat, als eines seiner Unternehmen giftige Chemikalien in einen Fluss bei Charleston einleitete und die Schäden bis heute nicht behoben sind. Es ist fast immer die Musik im Rücken, mit der Earle beinahe trotzig an der Hoffnung klebt, wenn er häufig die besten Argumente liefert, sie zu verlieren. Daniel Thomas