30.9. | Buch der Woche: Ruth-Maria Thomas • Die zweitgrößte Liebe
dtv • 304 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro
Foto: Jonas Holthaus
Ungleiche Liebe
Ruth-Maria Thomas widmet sich erneut den Machtverhältnissen in einer Liebesbeziehung. Diesmal fragt sie, wie Geld und soziale Herkunft die Dynamik zwischen zwei Menschen verändern.
Es sind kleine Details, in denen sich zeigt, dass Michelle und Henry aus unterschiedlichen Welten kommen: Wenn Michelle mit offenem Mund lacht und Henry beim Anblick ihrer Kauleiste darüber nachdenkt, ihr neue Zahnfüllungen zu bezahlen. Oder wenn Henry und seine Freunde beim Dinner über gestiegene Grundsteuern klagen und Michelle sich genervt ausklinkt. Es gibt Differenzen zwischen ihnen, sicherlich. Aber die gibt es doch bei allen Paaren. Und solange die beiden sich lieben, ist doch alles gut. Oder?
Nach ihrem Erfolgsdebüt »Die schönste Version« (2024) stellt Ruth-Maria Thomas, Sozialarbeiterin und Schriftstellerin aus Leipzig, in ihrem neuen Roman die Frage, was Geld mit einer Liebesbeziehung macht – und welche Machtgefälle entstehen, wenn einer geben kann und die andere nehmen muss. Statt klare Antworten zu liefern, zeichnet sie zwei Hauptfiguren, die sich eindeutigen moralischen Urteilen entziehen.
Michelle ist Anfang dreißig, in Ostdeutschland bei ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter aufgewachsen und steht nach der Pleite ihres Schmuckladens vor dem Nichts. Um ihre Bankschulden abzubezahlen, beginnt sie einen Job in einem Hotel in einer namenlos bleibenden westdeutschen Großstadt. Dort trifft sie eines Nachts auf Henry. Er hat glatte Haut, einen guten Haarschnitt und lebt in einer Eigentumswohnung, die ihm seine Eltern als vorgezogenes Erbe überschrieben haben. Dass es zwischen ihnen funkt, ist von der ersten Begegnung an klar. Dass ihre unterschiedliche soziale Herkunft die Beziehung irgendwann einholen wird, lässt sich allerdings schon früh erahnen.
Besonders beeindruckend ist, wie präzise Ruth-Maria Thomas die feinen Verschiebungen innerhalb dieser Beziehung beobachtet. Fast durchgehend folgt sie Michelles Perspektive und zeigt, wie sich Henrys Großzügigkeit nach und nach wie ein Samtband um die Beziehung legt – und sich mit der Zeit immer enger zieht.
Durch kurze Einschübe, in denen sie zu Henry wechselt, erscheint dieser nicht als Manipulator, der seine Partnerin besitzen will, sondern als junger Mann, der seine Großzügigkeit als Ausdruck von Liebe versteht und die Macht seines Geldes kaum wahrnimmt. In den Dialogen zeigt sich das sehr eindrücklich. Die Kluft zwischen Michelle und Henry entsteht nicht dadurch, dass er sie häufiger einlädt oder später bei sich wohnen lässt. Sie verläuft viel tiefer: Beide sind mit völlig unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten aufgewachsen und können sich deshalb nicht einmal vorstellen, was den anderen umtreibt. »Wie fühlt es sich an, so abgesichert zu sein?«, fragt Michelle Henry in einer schlaflosen Nacht. Henry, dem seine Privilegien in diesem Moment unangenehm bewusst werden, reagiert mit Abwehr. Er müsse schließlich auch arbeiten und fühle sich keineswegs wie jemand, der für immer ausgesorgt habe.
Dass Henry sich für seine Privilegien schämt und Michelle insgeheim für ihre Unabhängigkeit bewundert, ändert nichts am Machtgefälle ihrer Beziehung. Er verfügt über die finanziellen Möglichkeiten, Michelles Leben grundlegend zu verändern: Sie könnte ihren Hoteljob aufgeben und wieder Schmuck herstellen. Während Michelle langsam aufatmet, die Augen- ringe heller werden und die Nächte ruhiger, baut Thomas geschickt eine Fallhöhe auf. Am Ende steht die Frage: Welchen Preis hat es, sich auf einen anderen Menschen zu verlassen?

Ruth-Maria Thomas
Die zweitgrößte Liebe
dtv, 30. Juli • 304 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro
Anna Chiara Doil