Literatur

30.09. | Buch der Woche

Slavoj Žižek • Hegel im verdrahteten Gehirn

S.Fischer

30.09. | Buch der Woche - Slavoj Žižek • Hegel im verdrahteten Gehirn

SLAVOJ ŽIŽEK
Hegel im verdrahteten Gehirn

S. Fischer • 288 Seiten

Fort ist der Geist!

Zum 250. Geburtstag schon ganz aus der Mode? Slavoj Žižek denkt über die Frage nach, wie Hegel unsere Freiheit in Zeiten der Künstlichen Intelligenz schützen würde.

Hegel – ein Name, ein Monument, Mitbegründer des deutschen Idealismus – größer geht es nicht. Nur sagt uns der Klassiker heute noch etwas? Vielleicht nicht unmittelbar. Was er aber über die heutige Zeit denken würde, meint der prominente, 1949 geborene Philosoph Slavoj Žižek zu wissen, der mit seinem neuen Buch weniger eine Studie über den Denker des 19. Jahrhunderts, als vielmehr aus dessen vermeintlicher Perspektive einen Blick auf das Hier und Jetzt vorlegt. Im Fokus steht die Zukunftsvision des Silicon Valleys: der mit der Maschine verbundene Mensch, der Cyborg. Während wir in der Gegenwart noch Befehle per Finger via Touchscreen geben, könnten mit uns verbundene Geräte morgen schon unsere Gedanken lesen. Wir werden göttergleich, aber wie frei sind wir dann noch? Selbst wenn Hegels »Grundhaltung der Versöhnung« nicht allzu sehr dazu taugt, kritisch auf den technischen Fortschritt zu reagieren, hilft uns die Art seines Denken umso mehr. »Die Grundprämisse der Hegel’schen Dialektik lautet, dass der Weg zur Wahrheit selbst ein Moment der Wahrheit ist. Die Wahrheit ist letztlich nichts anderes als systematische Artikulation der Aufeinanderfolge von Fehlern.« Und diese zeichnen sich für Žižek bereits in der nahen Zukunft ab. Sobald unsere Gehirne mit sämtlichen Bereichen der KI vernetzt seien, drohe ein permanenter Austausch der Daten mit Sicherheitsbehörden. Schon vor der Ausführung eines Verbrechens könnte es die Polizei mittels automatisiert erstellter Täterprofile vorhersehen. Der hiermit entstehende Überwachungsstaat erwiese sich dann zugleich als Präventivstaat, wozu die Instagram- Gesellschaft einen beträchtlichen Beitrag leistet. Denn »wir entblößen uns, wir machen […] unsere Gewohnheiten transparent für den digitalen großen Anderen. Das Paradoxe ist dabei natürlich, dass wir diesen ungleichen Tausch, diese Aktivität, die uns effektiv versklavt, als größtmögliche Freiheitsausübung empfinden«. Doch damit nicht genug. Indem unsere Gedanken, angeschlossen an Big Data, direkte Handlungen hervorrufen, sind wir dazu in der Lage, virtuelle Universen als subjektive Realität herzustellen. Pornos im Kopf könnten sich wie echter Sex anfühlen. Dabei geht die Trennung zwischen Bewusstsein und der faktischen Umgebung verloren. Was würde Hegel also wohl zu gefühlsechten Sexfilmchen im Kopf oder zum Polizeistaat sagen? Er würde wohl für die wahre Freiheit eintreten, ohne für eine Protestwelle zu werben. Zumal ihm die negativen Folgen der französischen Revolution immer vor Augen waren. Genau in dieser etwas unklaren, visionslosen Logik tritt auch das unbefriedigende Moment nach der Lektüre von Žižeks Text zutage. Einerseits vermisst man den utopischen Gegenentwurf zur Technisierung von Welt und Wahrnehmung, andererseits sind die Argumente keineswegs neu. Denker wie Roberto Simanowski oder Byung-Chul Han haben die Dilemmata der digitalen Ära weitaus früher beschrieben. Nichtsdestotrotz empfiehlt sich die Studie – als ein dichter Problemaufriss und ein nachhaltiger Versuch, den autonomen Geist doch noch zu retten.

Björn Hayer