3.7. | Album der Woche: Wallis Bird • I Can See Your House From Here

Bród Records / recordJet

3.7. | Album der Woche - Wallis Bird • I Can See Your House From Here
Foto: Rory Grubb

Musik hat für Wallis Bird heilende Kräfte. Auf ihrem neuen Album verarbeitet sie den Tod eines engen Freundes – und zeigt sich trotz allem optimistisch.

Wallis Bird, Sie leben seit dreizehn Jahren in Deutschland. Was vermissen Sie an Ihrer irischen Heimat?

Meine Familie und die Wärme, die die Menschen dort ausstrahlen, die kleinen herzlichen Alltagsbegegnungen und die Bar-Musikszene.

Sie sind vor einigen Jahren in ein altes Bauernhaus im Berliner Umland gezogen, das Sie renovieren. Wie kam es dazu?

Meine Partnerin und ich sehnten uns nach einer Gemeinschaft. Es war ein großes Risiko, da wir die Menschen, mit denen wir dieses Projekt gemeinsam umsetzen, nicht wirklich kannten. Ein befreundetes Pärchen vernetzte uns

Sie sind dort viel handwerklich tätig. Welches Gefühl löst es bei Ihnen aus, wenn Sie eine Wand einreißen?

Das ist ein emotionaler Prozess. Man denkt über die Person nach, die diese Wand, die man nach 150 Jahren nun zerstört, erschaffen hat. Auf Englisch gibt es den Spruch »Wenn diese Wände sprechen könnten«. Man fragt sich, wovon sie Zeuge war. Man nimmt die Materialien wahr und realisiert, dass die Menschen damals mehr im Einklang mit der Natur waren und cleverer gebaut haben, als das heute oft der Fall ist. Das Material konnte atmen, wodurch Schimmel vermieden wurde. Heute ist vieles aus Plastik. Gerade herrscht auf der Welt so viel Krieg und daran denkt man unweigerlich auch, wenn man den ganzen Tag etwas abreißt und mit Staub bedeckt ist. Einerseits war ich also traurig, dieses handwerkliche Meisterwerk abzureißen, andererseits freute ich mich über die neue Offenheit, die daraus resultiert.

Wann haben Sie zuletzt metaphorisch Wände eingerissen?

Das mache ich derzeit ständig. Ich begann kürzlich mit systemischer Therapie und beschäftige mich mit den Auswirkungen, die es auf mich hatte, als Homosexuelle in Irland zu einem Zeitpunkt aufzuwachsen, als das an Illegalität grenzte. Ich erforsche, inwiefern sich die Scham und die Geheimhaltung damals bis heute in meinen Beziehungen niederschlagen.

Was schätzen Sie am meisten an Ihrem Leben auf dem Bauernhof?

Das Miteinander. Es herrscht ein Urvertrauen. Man kann seine Ideen, seine Leidenschaft und sein Leben mit anderen teilen, und das ist eine Bereicherung. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass Egoismus hier keinen Platz hat. Es gibt einen wichtigen Grundsatz: Unsere Stärken zeigen sich zu unterschiedlichen Zeiten. Ich darf niemanden unter Druck setzen, weil ich der Meinung bin, dass er gerade nicht genug leistet. Seine Zeit wird kommen.


Wallis Bird - I Can See Your House From Here Cover

WALLIS BIRD
I Can See Your House From Here
Bród Records / recordJet, 5. Juni

Wallis Bird glaubt an die heilende Kraft der Musik und liefert mit »I Can See Your House From Here« ein Manifest dafür. Viele der Songs thematisieren unmissverständlich den plötzlichen Tod ihres engen Freundes und musikalischen Weggefährten Kevin Ryan. »Life goes on / But it was better with you«, heißt es beispielsweise in der Folk-Ballade »And So Turns The Wheel«. Doch trotzdem regiert auf dem achten Album der Wahl-Berlinerin nicht ausnahmslos die Schwere. »Hold Tight!« strotzt vor Optimismus und so liefert Walls Bird den Beweis, dass es Schatten nicht ohne Licht geben kann.

Katharina Raskob


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