3.6. | Buch der Woche: Andrew O'Hagan • Maifliegen
Ullstein
Die Jugend mag an die Jugend verschwendet sein, aber auch von den Dividenden lässt sich leben. »Maifliegen« von Andrew O’Hagan ist das warmherzige Porträt einer musikbegeisterten schottischen Jungsclique.
Im Juli 1986 steht in Manchester das »Festival Of The Tenth Summer« ins Haus, ein musikhistorisches Ereignis, das den zehnten Jahrestag des ersten Sex-Pistols- Konzerts in der nordenglischen Industriemetropole feiert. Die ist in der Zwischenzeit zur heimlichen Hauptstadt des Post-Punks avanciert, denn relevante Bands wie New Order, The Fall, The Smiths oder A Certain Ratio kommen nicht etwa aus London, sondern aus der vermeintlichen Provinz. Das spricht auch sechs Jugendliche aus dem schottischen Irvine, North Ayrshire an. Jimmy, Tully und ihre Freunde entstammen der Arbeiterklasse, die ihm Zuge der Gruben- und Werftschließungen unter Margaret Thatchers Regierung zu einer Arbeitslosenklasse geworden ist und die jetzt von ihrem verbliebenen Lokalstolz zehrt wie von einem dürftigen Essen.
Frust und Perspektivlosigkeit hängen über der Stadt, aber das ficht Jimmy nicht an. Er und seine Kumpels haben schließlich drei unschlagbare Argumente auf ihrer Seite: ihre unbezwingbare Jugend, ihren unfehlbaren Sinn für Humor und eine Freundschaft, die fester zu sein scheint als jede andere Bindung weit und breit. Vor allem der zwei Jahre ältere Tully ist der Star in der Clique, denn: »Der Mann hatte von Natur aus Charisma, eine großartige Plattensammlung, war vollkommen furchtlos in politischen Auseinandersetzungen, und er wusste, wie man einen Menschen liebt, mehr als jeder andere.«
»Maifliegen« handelt gleich zweimal von dieser Liebe. In der ersten Hälfte des Romans ist es die ungestüme und immer etwas nach Jungsschweiß riechende Inkarnation, die sich zwischen viel Alkohol, wenig Schlaf sowie einer Menge Schnapsideen und Nonsens-Konversationen ihre Bahn bricht. Die Schilderung eines Wochenendes, das sich wie ein ganzes Leben anfühlt, gelingt O’Hagen so gut, dass man mehr als ein bisschen autobiografische Erfahrung darin vermutet. Die aber vermutlich auch jeder Barkeeper hat, zu dessen Aufgaben es gehört, regelmäßig Haufen von albernen, gernegroßen, triebgesteuerten, leichtsinnigen und trotz allem irgendwie liebenswerten jungen Männern davon abzuhalten, sich aus Versehen umzubringen.
Die zweite Hälfte des Romans spielt 31 Jahre später und stellt die Liebe von damals auf den Prüfstand von heute. Das Leben ist wider Erwarten doch nicht in einer ekstatischen Explosion geendet, aus Träumen sind Karrieren geworden und aus Freiheit Verantwortlichkeiten. Die Introspektion, einst reserviert für kurze Momente zwischen zwei Partys, ist inzwischen zu einer Dauerübung geworden, die sich manchmal anfühlen kann wie ein Kater, der nicht weichen will. Und die immer öfter die Frage danach stellt, wie eine Freundschaft unter Männern aussieht, wenn Knüffe, Püffe und olympisches Dummschwätzen keine Optionen mehr sind.
»Maifliegen« ist immer dann am besten, wenn sich Sentimentalität und Absurdität die Klinke in die Hand geben, wenn O’Hagen seine gealterte Rasselbande eigentlich schelten möchte, bis ihm wieder einfällt, dass es ja doch eine ganz gewaltige Leistung ist, im Leben einen geschweige denn mehrere Freunde zu haben. Dass es explizit heterosexuelle und »untoxische« Freunde sind, adressiert indirekt die Krise der Männlichkeit, die sich aktuell auch in den weniger dunklen Ecken des Internets, des Schulhofs oder der Gesellschaft insgesamt manifestiert. Einzelgängerische Selbstoptimierung ersetzt eben keine Freundschaften, also sollte man vielleicht mal das Handy weglegen und stattdessen ein Post-Punk-Konzert besuchen
Markus hockenbrink