3.4. | Album der Woche: Johannes Oerding • Hotel
Columbia
Foto: Tim Tyson
Zurückgedreht
2024 ging Pop-Musiker Johannes Oerding etwa ein Jahr lang auf Reisen, um Persönliches zu verarbeiten, sich selbst zu hinterfragen und um eine Auszeit vom Musikerdasein zu nehmen. Doch schon nach wenigen Monaten kaufte er sich die erste neue Gitarre und begann mit der Arbeit an seinem neuen Album »Hotel«.
Johannes Oerding, wann hatten Sie das letzte Mal Langeweile?
Da muss ich wirklich überlegen, das ist schwer zu sagen. Als ich 2024 gereist bin, hat es zwei, drei Monate gedauert, bis sich ein Gefühl von Langeweile eingestellt hat. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Langeweile zu viel wird und ich wieder an Dingen arbeiten muss.
Das war dann der Zeitpunkt, an dem Sie sich auf Reisen doch eine Gitarre besorgt haben?
Ich habe mir auf meiner Reise insgesamt drei Gitarren gekauft, weil ich die neue Gitarre jeweils wieder zu Hause gelassen habe, wenn ich für einen kurzen Zwischenstopp in Hamburg war. Ich wollte jedes Mal wieder ohne losfahren, um mir dann doch wieder eine Gitarre zu kaufen. Das waren jeweils kleinen Reisegitarren (greift nach links und hält eine Gitarre ins Bild), die kannst du im Softcase auf der Schulter tragen und in jeden Flieger mitnehmen. Die erste Gitarre habe ich mir irgendwo zwischen Nashville und Chicago gekauft. Da habe ich gemerkt, dass es Zeit wird und dass ich es nicht mehr zurückhalten kann. Das war nach drei oder vier Monaten.
Wie fühlte es sich an, wieder eine Gitarre in den Händen zu halten?
Das war wirklich der schönste Moment, als ich gemerkt habe: Ich brauche eine Gitarre. Ich brauche das Songwriting, ich muss jetzt etwas aufschreiben. Diese Erkenntnis hatte ich in 44 Jahren noch nicht. Ich brauche das wirklich! Es ist wichtig für mich und nicht nur eine Berufswahl, die ich ausübe, weil ich das Handwerk beherrsche. Die Erkenntnis, dass ich das künstlerisch für mich und meine Seele brauche, die hat mir gutgetan.
Wissen Sie noch, was Sie zuallererst auf der Gitarre gespielt haben?
Ja, das kann ich Ihnen sagen, genau das hier. (spielt auf der Gitarre) Ich habe das Riff von »Hier gehör ich hin« geschrabbelt und dazu halb auf Deutsch, halb auf Englisch gesungen. Und im Refrain kam die Titelzeile aus mir heraus – da war der Song eigentlich klar.
Ist der Song als eine Art Erkenntnis aus der Zeit Ihrer Reise zu verstehen?
Genau so ist es. Der Song befasst sich in den Strophen mit den Dingen, die mich dazu bewegt haben, eine Pause zu machen und auf die Reise zu gehen: Die Trennung von meiner Freundin und die Tatsache, dass ich mich selbst nicht mehr so richtig mochte und mich hinterfragt habe: Was machst du da eigentlich auf der Bühne? Du bist gar nicht bei der Sache.
Wie hat sich das geäußert?
Ich habe bei meinen Auftritten gemerkt, dass ich beim Spielen eines Songs darüber nachdenke, dass ich noch Hafermilch und Klo papier kaufen muss. Ich war nicht in dem Song, und das möchte ich den Leuten und auch mir nicht zumuten. »Hier gehör ich hin« meint das Gegenteil: Ich stehe auf der Bühne und bin voll da, bei meinen Leuten. Das wieder schätzen zu können und zu erkennen, was man hat und was man darf, das war wichtig. Denn mir ist schon klar, dass es ein großes Privileg ist, sein Hobby täglich auszuüben und damit eine Menge Geld zu verdienen, obwohl man keine Menschenleben rettet.
Fühlte sich die Reise trotz der Gitarren wie eine Auszeit an?
Ja! In dem Jahr herrschte zum Beispiel Funkstille mit meinem Manager Nico Gundel, obwohl wir in den letzten 15 Jahren täglich telefoniert haben. Den Jungs und Mädels im Büro hatte ich gesagt: »Wir müssen uns darauf einigen, dass ich nicht verfügbar bin, egal welche Anfrage kommt.«
Konnten Sie die Zeit im Ausland besonders genießen? Dort werden Sie auf der Straße vermutlich nicht erkannt.
Da wird man von Deutschen auch mal erkannt, nur nicht so schnell, weil die Leute nicht damit rechnen. Aber ja: Nichts Besonderes zu sein und sich auch mal daneben benehmen zu können, das ist schön! Man wird nicht die ganze Zeit fotografiert oder gefilmt, selbst wenn man betrunken aus dem Club torkelt. (lacht)

JOHANNES OERDING
Hotel
Columbia • 27. März
Sein Sabbatjahr 2024 nutzte Johannes Oerding für eine Weltreise, die ihn durch Europa, in die USA, nach Mexiko, Neuseeland und Japan führte – vor allem aber zu sich selbst. Schneller als geplant griff er wieder zur Gitarre und schrieb mit »Hier gehör ich hin« quasi den Soundtrack zur Reise und zur Rückkehr. Auch der Song »Sonntag« greift ein zentrales Ziel der Weltreise auf: den Wunsch nach Ruhe, fernab von Hektik und Internet. Oerding schrieb alle Songs für »Hotel« auf der Akustikgitarre und produzierte sie erst im Studio aus, wo er für das Duett »Märchen aus Hollywood« auf Sarah Connor, auf Michael Patrick Kelly, der in »Wolken« zum ersten Mal auf Deutsch singt, und auf Peter Maffay traf, um dessen Song »Eiszeit« neu aufzulegen. »Hotel« ist auch mit einem umfangreichen Booklet erhältlich, in dem Oerding Fotos und Notizen seiner Reise teilt.
Matthias Rinke