29.7. | Buch der Woche: Karin Slaughter • Tödliches Verderben
HarperCollins • 560 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro
Manche Verbrechen erschüttern eine Stadt nicht nur durch ihre Brutalität, sondern weil sie sichtbar machen, was lange verborgen blieb. In Karin Slaughters »Tödliches Verderben« führt ein Mordfall in die Abgründe der Kleinstadt Verona, wo alte Verbindungen, familiäre Konflikte und ein Netz aus Schweigen die Ermittlungen bestimmen.
Karin Slaughter zählt zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen der Gegenwart. Die New-York-Times-Bestsellerautorin hat mehr als 25 Romane veröffentlicht, die weltweit über 40 Millionen Mal verkauft wurden. Bekannt ist sie für Geschichten, die klassische Spannung mit komplexen Figuren und schwierigen menschlichen Konflikten verbinden. Mit »Tödliches Verderben« setzt sie die mit »Dunkle Sühne« begonnene North-Falls-Reihe fort und knüpft erneut an die Frage an, wie stark Menschen von ihrer Vergangenheit geprägt werden.
Im Mittelpunkt steht Sheriff Emmy Clifton, die sich nach den Ereignissen des ersten Bandes weiterhin in einer schwierigen Position befindet. Als die ehemalige Polizistin Allison Vickery in ihrem eigenen Haus brutal angegriffen wird und ihre Tochter schwer verletzt aufgefunden wird, gerät Verona aus dem Gleichgewicht. Während viele Bewohner der Stadt scheinbar bereits wissen, was passiert ist, zweifelt Emmy an den naheliegenden Antworten. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jude Archer beginnt sie, die Hintergründe des Falls zu untersuchen und stößt dabei auf Verbindungen, die weit über den eigentlichen Tatort hinausreichen.
Slaughter erzählt dabei nicht nur von der Suche nach einem Täter, sondern auch von den Strukturen einer Kleinstadt, in der Beziehungen, Einfluss und alte Loyalitäten eine entscheidende Rolle spielen. Die Ermittlungen führen Emmy und Jude durch ein Geflecht aus Lügen und Abhängigkeiten, in dem sich die Grenze zwischen persönlicher Geschichte und aktuellem Verbrechen immer wieder verschiebt.
Das emotionale Zentrum des Romans bildet die Beziehung der beiden Schwestern. Emmy ist eng mit Verona verbunden und kennt die Menschen und ihre Geschichten aus nächster Nähe. Jude hingegen bringt die Erfahrung einer ehemaligen Bundesagentin mit und betrachtet die Ereignisse analytischer. Ihre unterschiedlichen Perspektiven sorgen für Reibung, machen sie aber zugleich zu einem starken Ermittlerduo. Zwischen Distanz, alten Verletzungen und wachsendem Vertrauen entwickelt Slaughter eine der interessantesten Beziehungen des Thrillers.
Wie viele Bücher der Autorin beschäftigt sich auch »Tödliches Verderben« mit den Auswirkungen familiärer Prägungen und ungelöster Konflikte. Slaughter interessiert sich für Figuren, die nicht einfach in Kategorien von gut und böse passen, sondern mit Fehlern, Entscheidungen und den Folgen ihrer Vergangenheit umgehen müssen. Dadurch entsteht eine Spannung, die nicht allein aus dem Kriminalfall entsteht, sondern aus den Menschen, die darin verwickelt sind.
»Tödliches Verderben« ist damit mehr als ein klassischer Polizeithriller. Karin Slaughter verbindet eine düstere Ermittlung mit einer intensiven Figurenzeichnung und zeigt, wie schwer es sein kann, gegen die Schatten einer ganzen Stadt anzukämpfen. Als zweiter Band der North-Falls-Reihe knüpft der Roman an die Geschichte um Emmy Clifton an und rückt vor allem die Beziehung zu ihrer Schwester Jude Archer in den Mittelpunkt.
HarperCollins, 544 Seiten, 22,00 Euro.
Tim Wetzer