Literatur

29.12. | Buch der Woche

Édouard Louis • Die Freiheit einer Frau

S. Fischer

29.12. | Buch der Woche - Édouard Louis • Die Freiheit einer Frau

Eine einfache Frau

Der französische Shootingstar Édouard Louis schreibt über das triste Leben seiner Mutter, sein schwieriges Verhältnis zu ihr und darüber, wie aus Distanz Nähe erwachsen konnte.

Sein autofiktionales Debüt „Das Ende von Eddy“, ein erschütternder Roman über die Flucht eines empfindsamen Jungen aus dem Prekariat, machte den damals 23-jährigen Édouard Louis 2014 über Nacht zum hellsten Stern am französischen Literaturhimmel. Dazu beigetragen hat sicherlich auch seine enge Verbindung zu Didier Eribon und dessen Lebensgefährten Geoffroy de Lagasnerie. Zu dritt treiben sie mit ihrer gleichermaßen autobiografischen wie gesellschaftskritischen Literatur die linksintellektuellen Diskurse in Frankreich voran. Louis‘ neuer Band „Die Freiheit einer Frau“ bildet einen Flügel zu einem Triptychon, an dem er seit 2018 schreibt. Damals erschien „Wer hat meinen Vater umgebracht“, ein Essay über das Leiden des alkoholkranken Vaters, für den „die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat“. Das Mutterporträt ist das Gegenstück dazu, die Geschichte einer Frau, deren Leben „ein Kampf gegen das Leben“ gewesen sei. Beide Texte sind verbunden durch sein gerade in Frankreich erschienenes Buch „Changer: méthode“, in dem er die Metamorphosen seines Lebens als Überlebensstrategie in den Blick nimmt.

Hier geht es aber zunächst um die Kämpfe seiner Mutter. Mit 19 Jahren hat sie bereits zwei Kinder, keine Ausbildung und den falschen Typen an ihrer Seite. Sie lernt einen neuen Mann kennen und rutscht von einem Elend ins nächste. Édouard wird ihr drittes Kind, trotz Verhütung folgen zwei weitere. In der siebenköpfigen Familie wird jeder auf eigene Weise verloren sein. Denn die Bellegueules leben unter Umständen, die keine Wahl lassen und über die eher geschwiegen als geschrieben wird. Die Literatur sei „gegen solche Leben und solche Körper“ wie den der Mutter konstruiert, meint Louis. Über sie und ihr Leben zu schreiben heiße daher, „gegen die Literatur anzuschreiben.“ Angesichts der Texte von Autoren wie Annie Ernaux, Nicolas Mathieu, Virginie Despentes und seinem Mentor Didier Eribon scheint das zwar überzogen, macht aber Louis’ Haltung deutlich. Mit seinen autofiktionalen Texten seziert der bekennende Anhänger der populistischen Gelbwesten-Bewegung schonungslos die Zustände in seinem Land. In Hammerschlägen gleichenden (Ab)Sätzen – wie immer toll übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel – schreibt er aufwühlend über den verzweifelten Kampf seiner Mutter gegen die entwürdigenden Mühlen der prekären Existenz und die Abwärtsspirale aus Kontrollverlust und Selbstaufgabe.

Dabei legt er den Finger nicht nur in die Wunden, die andere hinterlassen haben, sondern auch in die selbst verschuldeten. Als Louis im Internat lebt, ruft ihn eines Abends seine Mutter an. Ebenso ungläubig wie freudig erregt gesteht sie, sich von seinem Vater getrennt zu haben. Während der Vater im Elend ertrinkt, beginnt die Mutter in Paris noch einmal von vorn. Sie verlässt die Verliererseite, ihrer sozialen Klasse entkommt sie nicht. Aber sie findet so etwas wie Glück und die Freiheit einer Frau. „Fu?r manche ist die Identität als Frau gewiss eine bedru?ckende Identität; fu?r sie bedeutete das Frau-Werden eine Errungenschaft.“


Édouard Louis
Die Freiheit einer Frau

S. Fischer, 96 Seiten

Thomas Hummitzsch