28.2. | Album der Woche: Black Sea Dahu • Everything
Mouthwatering
Foto: Paul Maerki
Mit dem Geist des Vaters
Aus Trauer und Schmerz formte Janine Cathrein mit ihrer Band Black Sea Dahu ein inniges, intensives und hochgradig trostspendendes Album.
Janine Cathrein, Sie haben eine faszinierend tiefe Stimme. Wann ist Ihnen diese Außergewöhnlichkeit bewusst geworden?
Das hat lange gedauert. Als Jugendliche bin ich wegen meiner Stimme ausgegrenzt und gemobbt worden. Spätestens seit der zweiten Klasse hieß es immer »zu tief, zu tief, zu tief«. Ich hatte das Gefühl, diese Stimme ist ein ganz großes Manko, das mich zum Alien macht. Ich war mit meiner Alt-Stimme auch immer sehr neidisch auf all die Sopran-Sängerinnen im Radi o – wie Mariah Carey. Während der Zeit auf dem Gymnasium war ich im Schulorchester, habe dort aber immer nur Geige gespielt, nie gesungen.
Und als Sie 2012 Ihre Band gegründet haben, wollten Sie endlich beweisen, dass Sie es können?
Ich war sehr, sehr unsicher, als ich meine Songs die ersten Male gesungen habe. Erst, als ich den Sänger Ben Howard hörte, war ich wie gebannt: Der singt ja in fast der gleichen Stimmlage wie ich! So wurde mir langsam klar, dass meine vermeintliche Schwäche in Wirklichkeit eine Stärke ist.
In »Not A Man, Not A Woman« beschäftigen Sie sich mit Geschlechteridentitäten. Was haben Sie dabei über sich selbst herausgefunden?
Der Song ist schon einige Jahre alt, und ich kann die Frage noch immer nicht mit Sicherheit beantworten. Ich weiß nur, dass ich irgendwie keine Frau bin und irgendwie auch kein Mann. Das Geschlecht ist für mich ein abstraktes Konstrukt. Mit manchen Leuten bekam ich wegen des Songs ein wenig Stress, sie meinten: »Aber du musst doch wissen, ob du ein Er oder eine Sie bist!« Ich habe nur gesagt: »Nein, muss ich nicht.«
Einige der neuen Songs beschäftigten sich mit dem Tod Ihres Vaters im Sommer 2022. Auffällig ist, wie üppig »One Day Will Be All I Have« instrumentiert ist – mit Streichern,
Bläsern, dem ganz großen Besteck. Ich wollte, dass der Song ein Fest wird. Ein Fest für meinen Vater, der selbst gern gefeiert hat, der ein Lebenskünstler war, und der von jetzt auf gleich und kurz vor seiner Pensionierung einem Herzinfarkt erlag.
Hat er auch Musik gemacht?
Ja, er spielte Saxofon. Sein Musiklehrer Florian Egli spielt Papas Saxofon auf »One Day Will Be All I Have«. Im Studio kam mir in den Sinn: Da hat niemand mehr reingeblasen, seit mein Vater gestorben ist. Sein Geist ist dadurch also auch auf unserem Album gelandet.

Black Sea Dahu
Everything
Mouthwatering • 20. Februar
Das Dahu ist ein der Bergziege ähnliches Fabeltier, das an einer Seite kürzere Läufe hat als an der anderen und dadurch sehr gut an steilen Hängen stehen kann. Die Band Black Sea Dahu stammt aus Hinteregg bei Zürich, fand sich 2012 (noch unter dem Namen Josh) zusammen, besteht im Kern aus den Schwestern Janine und Vera Cathrein und betört mit sich langsam entfaltenden und Aufmerksamkeit einfordernden Liedern irgendwo zwischen Kammerpop, Folk, Filmmusik und einem Hauch von Rock. Mit »Everything« legt die Band nun ihr persönlichstes Album vor. Die Stücke sind geprägt von Verlust, Nachdenken, Selbstreflexion – und gleichzeitig von der Stärke der Schönheit.
Steffen Rüth