Musik

28.12. | Album der Woche

Paolo Conte • Live in Caracalla - 50 Years of Azzura

28.12. | Album der Woche - Paolo Conte • Live in Caracalla - 50 Years of Azzura

Paolo Conte PAOLO CONTE • Live in Caracalla – 50 Years of Azzurro

BMG • 09. November

Mit Paolo Contes Liedern fühlt man sich wie im Caldarium: Man räkelt sich, fühlt Herz und Haut erwärmen und lässt die Wirklichkeit für einen Moment außen vor.

Juni 2018. Rom. Caracalla-Therme. Paolo Conte stimmt die ersten Takte von „Azzuro“ an, als eine Sternschnuppe vom Himmel fällt und den italienischen Sänger verstummen lässt. Für einen Augenblick ist seine Erinnerung ausgelöscht und doch ist jede Zeile, jede Note des Liedes in den Köpfen der Zuhörer präsent. Conte komponierte den Song vor fünfzig Jahren. Interpretiert von Adriano Celentano wurde „Azzurro“ zum Symbol einer neuen Italiensehnsucht. Vom „reinen blauen italischen Himmel“ schwärmte bereits Heinrich von Kleist. Azurblau wird er bei Paolo Conte und von einer trägen und doch knalligen Sinnlichkeit durchdrungen. 21 Lieder befinden sich auf seiner neuen Doppel-CD, die den Abend in den Caracalla- Thermen verewigt. In „Madeleine“ besingt Conte „una canzone perduta ritrovata“ (ein verlorenes, wiedergefundenes Lied). Es könnte das Motto des Albums sein: Wie Marcel Proust durch einen Biss in sein geliebtes Gebäck die Erinnerungen an die Kindheit heraufbeschwor, lässt Paolo Conte für Momente das Souvenir eines die Fantasien von Generationen beflügelnden Italien aufglimmen. Kraftvoll und zugleich erschöpft klingen die Lieder. Wer darin Symbolkraft vermutet, muss nicht falsch liegen, denn „Lavavetri“, ein neuer Song, hat durchaus politische Sprengkraft: Der Autoscheibenputzer verrichtet im Gleichmaß seine Tätigkeit, während orientalische Klänge im Hintergrund aufblitzen. Conte haucht sein Raucherleben in eine Zeitreise, die den Wandel, den Italien gerade erfährt, nicht zu stoppen vermag. Der Cantautore, wie er sich nennt, nicht Singer-Songwriter, bewegt sich zwar immer wieder hinein in eine Zeit der Big Bands mit großen Harmoniebögen, zieht sich aber oft auch zurück aufs Kammerformat und Salonjazz. Contes Musik hat etwas dezidiert Anti-Modernistisches. Die Bläsersätze sind elegant geschmeidig, die Harmoniewechsel nie ruppig, die Melodien oft von einem Hauch Transzendenz durchwoben. Vielleicht ein wenig zu gefühlig arrangiert, aber: Wer wagt schon noch Gefühl? Conte, dieser Künstler aus Asti, Maler, Sänger, Komponist, ganz ohne Zweifel. Er ist dieser „uomo chi e venuto da lontano“ (der Mann, der aus der Ferne kam), der tiefe Seufzer ausstößt, wenn er an Eden denkt. „Ho cercato partutto il paradiso“ singt er und man möchte es ihm glauben, denn die Lieder auf diesem Album sind ein Meteorschauer, Leoniden – helle, lichte Conteiden. Ute Cohen

FAZIT: Paolo Contes neues Album „Live in Caracalla - 50 Years Of Azzurro“ ist eine Zeitmaschine in ein Italien der Sehnsüchte. Big-Band-Jazz, Swing, Klezmer, französische Chansons und südamerikanische Rhythmen zeigen, dass Italien immer auch Europa und offen für musikalische Verschmelzung und träumerische Utopie war. Das Album ist wie ein „Gelato al limon“: vielleicht old-fashioned, aber köstlich erfrischend.