28.11. | Album der Woche: Neko Case • Neon Grey Midnight Green

Anti Records

28.11. | Album der Woche - Neko Case • Neon Grey Midnight Green
Foto: Ebru Yildiz

Punk sei Dank

In den neuen Songs von Neko Case spiegeln sich alle Facetten des menschlichen Lebens, ein ewiger Kampf zwischen Sieg und Niederlage, Liebe und Verlust.

Neko Case, welcher emotionale Zustand bringt die besseren Songs hervor: eine persönliche Krise oder umfassendes Glücksgefühl?

Glück, keine Frage. Mit weitem Abstand. Kann Songwriting seelische Wunden heilen? Ich denke, es kann dabei helfen, aber es ist kein Allheilmittel. Ich glaube, es ist der Anfang eines Weges, eine Möglichkeit, die Dinge nach einer gewissen Zeit besser zu verstehen.

Gibt es ein Lied, bei dem es Ihnen augenblicklich besser geht?

»More, More, More« von der Andrea True Connection sorgt bei mir zuverlässig für einen mentalen Neustart. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist, vielleicht sind es die schönen Kindheitserinnerungen. Ich liebe auch »Tambourine« von Eve und »Rocky Top« von den Osborne Brothers.

Auch wenn man es Ihrer Musik nicht immer anhört, war Punk eine prägende Konstante für Sie.

Als neurodivergenter Mensch habe ich ein sehr ausgeprägtes Ungerechtigkeitsgefühl. Ich ringe ständig mit mir selbst, analysiere ununterbrochen, um halbwegs effizient und würdevoll durchs Leben zu gehen. Ohne Punkrock wäre ich längst gestorben. Für mich ist Punk nach wie vor die Grundlage von allem.

Anfang des Jahres haben Sie Ihre Autobiografie »The Harder I Fight, The More I Love You« veröffentlicht. Hatten Sie Bedenken, Ihr Innerstes nach außen zu kehren?

Es gab eigentlich nur eine grundlegende Frage: Wird es die Leser langweilen?

»Ich lebe in der falschen Zeit«, singen Sie im Titelsong Ihres neuen Albums. Wann haben Sie das erste Mal so empfunden?

Als Kind ging es mir ständig so. Ich wollte lieber im Wald leben, in einem natürlichen Umfeld. Als ich in meiner Jugend als Mädchen wahrgenommen wurde, wäre ich am liebsten in die Zukunft gereist. Ich hatte die Vorstellung, dass dort alle Menschen gleich sein würden.

Wie hat sich Ihr künstlerischer Ansatz über die Jahre entwickelt? Gibt es Dinge, die Ihnen heute leichter oder schwerer fallen?

Ich vertraue mir selbst viel mehr als früher. Gleichzeitig ist mein Gehör kritischer und sensibler geworden. Ich neige zum Über-Analysieren, gerade bei klanglichen Fehlern, das ist sehr zeitraubend. Ich beiße mich an den kleinsten Details fest, es ist ein fortwährender Kampf. Dafür gelingt es mir, voll im Hier und Jetzt zu sein, das gibt mir eine große Befriedigung und Freude. Und ich gehe die Dinge langsamer an, ich hetze nicht unentwegt Richtung Ziellinie.


Neko Case Cover

Neko Case
Neon Grey Midnight Green
Anti Records • 26. September

Mit einer kompletten Band aufgenommen, zunächst in Cases eigenem Studio in Vermont, anschließend mit dem PlainsSong Chamber Orchestra und Tucker Martine ergänzt und produziert, ist der Sound auf »Neon Grey Midnight Green« so eigenwillig wie reizvoll. Songs wie das schmissige »Wreck«, »Winchester Mansion Sound« mit herrlich verhuschtem Piano oder der introspektive Titelsong kombinieren Kammerpop mit Indierock, abgeschmeckt mit Prisen von Vaudeville und Country.

Ingo Scheel


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