28.1. | Buch der Woche: Elias Hirschl • Schleifen

Zsolnay

28.1. | Buch der Woche - Elias Hirschl • Schleifen

Elias Hirschl sinniert in seinem Roman darüber, ob Wörter Realitäten kontrollieren können und schafft dabei eine haarsträubende Geschichte, in der nicht die Wörter scheitern, sondern die Menschen.

Selbst Albert Einstein musste sich eingestehen, dass der Unerklärbarkeit des Universums ein Glaube innewohnte - eine „kosmische Religiosität“, wie er die Ehrfurcht beschrieb, die er vor der Komplexität und Schönheit des Alls empfand. Nicht so seine Zeitgenossen aus dem Wiener Kreis, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Kaffeehäusern trafen und von Metaphysik, also der langen philosophischen Tradition, dass es so viel mehr gibt, als der Mensch verstehen und erklären kann, nichts hören wollten. Für Gründer Moritz Schlick und Kollegen waren nur beweisbare Aspekte, wie der Siedepunkt des Wassers relevant, alles andere war pseudo-wissenschaftlicher Humbug. Den Faschisten waren sie damit sofort ein Dorn im Auge, denn der Idee eines Volkes oder der Überlegenheit von Rassen fehlte natürlich jede empirische oder wissenschaftliche Grundlage.

Elias Hirschls Geschichte in „Schleifen“ beginnt mit einem Treffen des Wiener Kreises, auf das Moritz Schlick nicht erscheinen kann, weil er von einem fanatischen Studenten ermordet worden ist. Das passierte 1936 wirklich, ansonsten dichtet der Autor dem Treffen viel hinzu und hebt bereits im ersten Kapitel zu einem Roman ab, der sich der mathematischen Genauigkeit von Sprache verschreibt, sich dabei aber so weit von Wirklichkeit und Lesegewohnheiten entfernt, dass der geneigte Leser sich zwischendurch die Augen reibt.

Franziska Denk, die Tochter des fiktiven Mitglieds des Wiener Kreises, Karel Steinbrück hat ein seltenes Leiden – sie bekommt alle Symptome, wenn sie jemand über eine Krankheit sprechen hört. Deswegen wägen ihre Eltern Worte wie rohe Eier und Franziska schreibt sich mit dem Mathematiker und späteren Ehemann Otto Mandl romantische Briefe, die aus leeren Seiten bestehen. Das erinnert an chronische und psychosomatische Erkrankungen, zündet aber in Denk die Idee, Sprache neu zu schöpfen.

Hirschl hat als Poetry Slammer und Verfasser dystopischer Romane um Neoliberalismus, Jugendmelancholie und Digitalisierung Erfahrung mit Szenarien, die in einer vermeintlich etablierten Realität völlig aus dem Ruder laufen. In Schleifen entwirft das Paar Denk/Mandl eine Universalsprache, die ähnlich wie tatsächliche Versuche in der Geschichte, etwa von Gottfried Friedrich Leibniz im 17 Jahrhundert, einen Anspruch auf Perfektion und Kontrollierbarkeit erhebt, in dem Roman aber in einer faschistische Alternativgesellschaft mündet, in der Muttersprache verboten wird, Medikamente Zustände heilen, indem sie Worte im Gehirn löschen und sogenannte Nonverbalisten Gewalt auf den Straßen verbreiten.

Elias Hirschl sagt selbst, dass er beim Schreiben den Überblick verloren hätte, welches seiner geschichtlichen Bezüge echt und welches ausgedacht sei. In echt wirkenden Fußnoten belegt er durchgeknallte Aussagen im Buch und verpasst Figuren, wie der historischen Restauratorin Franke Sendzik oder dem Philosophen Francesco Savogini ein aufwändiges und glaubwürdiges Profil. Es geht um Möbiusbänder, den Papst, Flughäfen, in denen nichts fliegt, beleidigte Außerirdische, Gehäutete in Salzlake und den Turmbau zu Babel. Bei aller Dystopie verschließt sich „Schleifen“ einer Genreeinordnung, den das würde die Elemente des magischen Realismus, des Essays und der Satire nicht genügend Rechnung tragen. Jedem Leser, der mit Ausdauer und Offenheit an das Werk geht, bietet Hirschl großzügig ein Bild kosmischer Religiosität, das zwar nicht im Sinne Einsteins schön sein mag, dafür aber umso komplexer.

Miguel Peromingo


Alle Artikel in Literatur