28.05. | Buch der Woche: Tilmann Lahme • Thomas Mann. Ein Leben
dtv
Würde und Beef
Kaum ein Leben der deutschen Geistesgeschichte ist so gut erforscht wie das von Thomas Mann, der im Juni 2025 150 Jahre alt würde. Doch dieses Buch ist mehr als Forschung – es zeigt den wahren Lebenskampf.
»Der Anblick eines Jungen und eines Mädchens, die miteinander flüsterten– ja, sich sogar Zettel zusteckten–, dürfte dem Dozenten nicht fremd gewesen sein. Doch die naheliegende Interpretation war falsch. Wir liebten nicht einander, sondern Thomas Mann.« So schreibt es Susan Sontag in einem bislang niemals irgendwo gedruckten Text, den wir als Bonusmaterial dieses Buches zu lesen bekommen. Als Studentin besucht sie mit einem Freund ein Seminar zum »Zauberberg«, dem »größten Roman, der je geschrieben wurde«, doch ihre Begeisterung führt nicht dazu, dass den Dozenten ihre Interpretation des Werks begeistert. Sontags Kommilitone schlägt vor, den Autor persönlich nach seiner Meinung zu fragen – schließlich lebt Thomas Mann damals im Exil in Kalifornien, gleich um die Ecke, in den Pacific Palisades. Zur Überraschung der Studierenden steht er sogar im Telefonbuch. Was der Großmeister selbst über die Deutung der Studentin gesagt hat, kann Sontag gar nicht mehr genau erinnern – wohl aber die pressefotoreife Pose, in welcher ihr Idol auf sie wartet und die alles andere als beiläufige Begegnung, für die er sich Zeit nimmt. Dabei war der wohl legendärste deutsche Romancier des 20. Jahrhunderts im Laufe seines Lebens immer wieder alles andere als innerlich souverän. In einer der von Literaturhistoriker Tilmann Lahme vital und anschaulich erzählten Szenen, verstrickt sich Thomas Mann 1910 in das, was man heute unter Rappern einen »Beef« nennen würde. Sein Gegner: der Schriftsteller und Kulturphilosoph Theodor Lessing. Dieser wiederum hat – wohl mit antisemitischem Unterton – einen Kritiker angegriffen, der die »Buddenbrooks« einst »hellsichtig gelobt hat«. Ferner stichelt er gegen Manns sexuelle Identität, bezeichnet seine Ehefrau als »Katia, sein Mann« und ihn als »Tomi, das Weibchen«. Thomas Mann schlägt zurück und »disst« seinerseits Lessing damit, dass dessen Gattin angeblich eine Affäre mit einem Schüler hatte. Die Entsprechung zu einem längeren »Disstrack« – eine ganze Erzählung über Lessing unter dem Arbeitstitel »Ein Elender« – kann Mann sich gerade noch verkneifen. Tilmann Lahme ist der absolute Experte für das Thema, aus seiner Feder stammt auch die aus acht Perspektiven erzählte Biografie »Die Manns. Geschichte einer Familie«, die gerade verfilmt wird. In Abwandlung eines berühmten Satzes von Kafka ließe sich sagen: Lahme hat kein Interesse an den Manns, sondern besteht aus ihnen. Faszinierend mühelos bringt er dem Lesepublikum dieses zerrissene Dasein eines Menschen nahe, der Zeit seines Lebens mit sich kämpfte und dessen drängendes Begehren nach minderjährigen, jungen Männern sich heute befremdlich liest, der aber auch zwischen den zwei Erfolgsgipfeln »Buddenbrooks« und »Zauberberg« Phasen der künstlerischen Zweifel und Durststrecken erlebte – während er als lauteste antifaschistische Stimme in den USA bis in höchste Kreise dringt und gloriosen Status erringt. Als der Sohn Klaus Mann in seinem Debütroman »Der fromme Tanz« erstmals in der deutschen Literaturgeschichte offen Homosexualität darstellt, bleibt Thomas Mann distanziert. Gegen die Unterstellung, er betrachte die Literatur seines Sohnes als »sittenlos«, wehrt er sich allerdings mit den Worten: »Ich bin doch kein Stiftsfräulein.« Neueinsteiger finden in diesem Buch eine dynamisch-pfefferige Biografie, die erneut nach Verfilmung schreit. Erfahrene Anhänger entdecken dank unveröffentlichter Tagebucheinträge und Briefe ausreichend Neues.
Tilmann Lahme
Thomas Mann. Ein Leben
dtv / 512 Seiten / 28,00€
Oliver Uschmann