27.6. | Album der Woche: Johanna Summer • Dialoge

ACT

27.6. | Album der Woche - Johanna Summer • Dialoge
Foto: Gregor Hohenberg

Als die Pianistin Johanna Summer ihre Gäste ins Studio lud, um »Dialoge« aufzunehmen, wusste sie nicht, was diese spielen würden. Es war eine konsequente Entscheidung für die Improvisation – eine, die so weit ging, dass sie den Raum verließ, wenn sich Claire Huangci, Danae Dörken, Kit Armstrong oder Igor Levit am zweiten Flügel warmspielten.

Johanna Summer, für »Dialoge« haben Sie vier Kollegen an einen zweiten Flügel geholt. Wie sind Sie an diese Arbeit herangegangen?

Das Konzept ist dialogisch. Wenn der eine spielt, hört der andere zu und passt sein Spiel entsprechend an. Manchmal verändert die Person mir gegenüber, wenn sie Lust hat, die Reihenfolge der Stücke – je nachdem, was ich gespielt habe. Ich reagiere ohnehin sehr frei auf das, was ich höre, da ich ja komplett improvisiere, sprich: mir die Musik in genau diesem Moment ausdenke, in dem ich sie spiele. Es ist ein musikalisches Gespräch. Meine Gäste haben Stücke mitgebracht, und ich habe improvisierend geantwortet. Wir saßen direkt nebeneinander. Die Flügel waren so verschachtelt, dass die Tastaturen aneinandergrenzten. Ich konnte die Kolleginnen und Kollegen sehen und gut spüren.

Dass »Dialoge« existiert, geht auf einen einzigen Abend zurück: ein gemeinsames Konzert mit Igor Levit in Luzern.

Ich fühlte während des Konzerts, dass mir nichts passieren kann. Das habe ich selten. Der Saal war voll, ein großes Setting, und ich habe mich pudelwohl gefühlt. Diese Kombination aus bestehendem Material und meiner Möglichkeit, mit den musikalischen Worten zu antworten, die mir spontan einfallen, erschien mirvollkommen logisch. Im Nachhinein war klar: Das muss ich noch mal machen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die vier Mitwirkenden ausgewählt?

Es mussten Leute sein, von denen ich als Typus Musiker komplett überzeugt bin. Es gibt wahnsinnig viele faszinierende Pianistinnen und Pianisten, mit denen ich mir aber nicht vorstellen könnte, dass wir uns gegenseitig inspirieren. Da spüre ich nicht immer die Neugier, Musik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, und das ist auch völlig in Ordnung so. Die Leute, die jetzt dabei sind, haben genau diese Offenheit und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Wie beschreiben Sie Ihren eigenen Zugang zu klassischem Repertoire?

Es ist wichtig, dass man mit dem, was andere vor einem gemacht haben, kreativ umgehen kann und seine eigenen Schlüsse zieht. Ich muss diese Klassiker nicht weiterentwickeln - die sind toll, so wie sie sind. Aber wir als Musikerinnen und Musiker haben die Aufgabe, die Relevanz dieser wunderbaren Werke im Hier und Jetzt zu verdeutlichen und dafür hat jeder unterschiedliche Mittel. Mein Mittel ist die Improvisation.

Improvisation über klassische Werke ist nicht überall willkommen. Sie haben dafür auch schon mal harsche Kritik einstecken müssen.

Dahinter steht oft das Bedürfnis, etwas zu erhalten oder zu beschützen, was gar nicht beschützt werden muss. Ich nehme niemandem etwas weg, es ist ja trotzdem da. Es ist kein Entweder-oder. Vielleicht ändert sich das mit der jüngeren Generation an Kritikern. Ich finde es nicht schlimm, wenn jemand mit meinem Ansatz zu musizieren nichts anfangen kann. Ich finde es eher unterhaltsam, mit welcher Vehemenz behauptet wird, dass ein Werk exakt so gespielt werden muss, wie es geschrieben wurde.

Was war das herausforderndste Zusammentreffen?

Das Duo mit Kit. Er ist so schnell und so gewandt in seinem Ausdruck und in seinen Improvisationen – ich konnte keinen Moment abschalten. Er ist jemand, der einen musikalisch komplett einnimmt. Das ist absolut faszinierend und sehr inspirierend. Aber ich erinnere mich, dass ich nach der Session mit Kit mit meinen Kräften wirklich am Ende war, weil es so intensiv war.

Sie werden trotz Ihrer stilistischen Vielfalt konsequent als Jazzpianistin bezeichnet. Stört Sie das?

Ich sehe mich auch als Jazzpianistin, aber nicht ausschließlich. Es hat mich immer gestört: Meine Jazzkollegen und ich werden, egal wo wir sind, immer als Jazzpianisten gelabelt. Bei Klassikern ist das nie so – die sind einfach Pianisten. Das hat mich immer etwas verwirrt, deswegen steht es so im Pressetext. Aber ich liebe es, Jazz zu spielen, keine Frage. Wir können doch alle Pianisten sein.


Johanna Summer - Dialoge

JOHANNA SUMMER
Dialoge
ACT, 29. Mai

Johanna Summer sucht die Überraschung. Welche Stücke schlussendlich auf »Dialoge« landen würden, blieb bis zum Moment der Aufnahme offen. Gingen die Stücke von ihr aus, waren sie vollständig improvisiert. Brachten Summers Gäste Stücke mit – das reichte von Robert Schumann über Mikis Theodorakis und Manolis Kalomiris bis zu Minako Tokuyama und Zhou Tian –, konnte sie sich erst im Moment darauf einstellen, als sie ihr Gegenüber zum ersten Mal hörte. Mit Claire Huangci entstehen Miniaturen, mit Danae Dörken weite Flächen aus Theodorakis-Material, mit Igor Levit ein weiterer Schumann-Moment, als Folge dessen, dass Levit das Projekt überhaupt ausgelöst hat, mit Kit Arm strong als einziger Paarung ein Simultandialog an zwei Flügeln gleichzeitig. Ein Album, dessen Drehbuch vom Zuhören und der Offenheit dem Moment gegenüber lebt.

Markus Brandstetter


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