27.5. | Buch der Woche: Gerhard Henschel • Oma Jever
Hoffmann & Campe
Mit »Oma Jever« führt Gerhard Henschel die Reihe seiner Familienromane fort. Aus Briefen, historischen Quellen und eigenen Erinnerungen setzt er das 90-jährige Leben seiner Großmutter zusammen. Das Betragen der 12-jährigen Emma Thoben gibt Anlass zu Tadel. Trotz ausdrücklichen Verbots besuchte das Mädchen die Tanzschule. So vermerkt es ihr strenger Klassenlehrer 1918 im Zeugnis. Als Jugendliche träumt sie davon, sich zur professionellen Sängerin ausbilden zu lassen. Entsprechend ist es in einem Gedicht ihrer Tochter Inge überliefert: »Und Emmas Sopran klang so hell und so klar, sie sah sich im Geist schon als Opernstar. Doch fand dieser Wunsch nicht des Väterchens Gunst, Fritz Thoben hielt Singen für brotlose Kunst«. Für einen kaisertreuen Eisenbahninspektor vermutlich keine ungewöhnliche Haltung. Ob Emma diesen verpassten Berufswegen nachgetrauert hat? An Langeweile litt sie später als Mutter von fünf Töchtern und Alleinverantwortliche für die Care-Arbeit jedenfalls nicht.
Mit »Oma Jever« führt der Schriftsteller und Satiriker Gerhard Henschel die Reihe seiner Familienromane fort, die er 2002 mit »Die Liebenden« begann – einer Chronik der Ehe seiner Eltern, zusammengesetzt aus nachgelassenen Dokumenten, mit veränderten Namen. Seit 2004 hat Henschel außerdem ein Dutzend Bücher über das eigene Leben verfasst, vom »Kindheitsroman« bis zum »Großstadtroman«, mit seinem Alter Ego Martin Schlosser als Erzähler. Jetzt widmet er sich seiner 1906 geborenen Großmutter, die bis zu ihrem Tod im Alter von 90 Jahren im niedersächsischen Friesland zu Hause war – einer Gegend, über die der lokale Dichter Georg von der Vring mal unter dem Titel »Friesische Landschaften« reimte: »Der Mond, die weiße Perle, scheint auf betrunkene Kerle«. Woraufhin er seine Heimat fluchtartig verlassen muss.
Einmal mehr kommt Henschel dabei das eigene reiche Familienarchiv zugute – vor allem die Oma war eine fleißige Briefschreiberin. Natürlich geht es da auch viel um Banales: Garten, Küche und Kaffeetafel, Zipperlein und Zerstreuung. Das Leben ist eben überwiegend Alltag, nicht Spektakel. »Von der Weltraumfahrt zurück zur großen Wäsche und zum Apfelmus: So war das nun mal«, fasst Henschel dieses Nebeneinander zusammen. Aber die großmütterlichen Korrespondenzen mit Ehemann Gepke Lüttjes (einem Dorfschullehrer), mit ihren Töchtern und Enkeln spiegeln eben immer auch das Zeitgeschehen wider – im Dorf wie auf der Weltbühne. So wird die private Chronik zum Gesellschaftsporträt.
Von der Nazizeit über die piefige Adenauerära, von den Wirtschaftswunderjahren mit ihren technischen Neuerungen (Waschmaschine! Fernseher!) bis zu den politisch bewegten 1960ern und 1970ern, die am Städtchen Jever allerdings ziemlich spurlos vorbeiziehen. Am eindrücklichsten ist Henschels Buch dort, wo es um die blinden Flecken im bundesrepublikanischen Idyll geht. Um eine Vergangenheit, die niemals wirklich konfrontiert wurde. Im lokalen »Wochenblatt«, das der Autor immer wieder als Quelle heranzieht, ist noch in den 1980er Jahren von der »Judenfrage« die Rede. Aber auch Oma Emma und Opa Gepke waren überzeugte Hitler-Anhänger. Gepke berichtet als Soldat von einer Tramfahrt durchs Warschauer Ghetto (»da schieben und wälzen sich Juden aller Kaliber durch die dreckigen Straßen«) und freut sich bis Kriegsende über jede Durchhalteparole. Die daheimgebliebene Emma schreibt derweil über das Bucheckern-Sammeln, die Schweinemast und die lästigen »Besuche« des Tommys mit seinen Bomben. Dass auch in Jever die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger deportiert werden, findet keine Erwähnung. Ein Leben ohne Brüche ist nicht zu haben. Auch davon erzählt Henschel in »Oma Jever«
Patrick Wildermann