26.2. | Kinostart der Woche: Father Mother Sister Brother

26.2. | Kinostart der Woche - Father Mother Sister Brother
Foto: Weltkino Filmverleih

Gemessen daran, dass Jim Jarmusch seit 45 Jahren zu den beliebtesten Regisseuren des amerikanischen Independent-Kinos gehört, stand er bei den großen Filmpreisen selten im Fokus. Nun wurde sein Familien-Triptychon »Father Mother Sister Brother« beim Festival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Mr. Jarmusch, »Father Mother Sister

Brother« erzählt in drei Geschichten von verschiedenen Familienbeziehungen. Waren es eigene Erfahrungen, die Sie zu dem Film inspiriert haben? Nein, nicht im autobiografischen Sinne. Alle meine Filme haben ihren Ursprung in persön- lichen Beobachtungen und Gedanken, aber es ist nicht so, dass ich konkrete Beziehungen aus meinem eigenen Leben abbilde. Wobei ich zu- mindest die Erfahrung teile, die die beiden Geschwister in der letzten Geschichte von »Father Mother Sister Brother« machen. Dass man nach dem Tod der Eltern noch etwas Neues über sie erfährt, kennen vermutlich auch andere. Ich zum Beispiel wusste zu Lebzeiten meines Vaters noch nicht, dass er für den US- Geheimdienst OSS in Kuba im Einsatz war.

Was reizte Sie daran, drei verschiedene

Episoden zu kombinieren, also letztlich einen Anthologie-Film zu drehen? Ich habe schon häufiger episodische Filme ge- dreht, denn ich mag diese Erzählform einfach sehr. Mir gefällt, dass es keinen Protagonisten und damit keinen Star gibt, sondern allen Fi- guren die gleiche Bedeutung zukommt. Aller- dings würde ich den Begriff Anthologie in die- sem Kontext gar nicht verwenden. Das ist für mich eine andere Tradition, bei der es ja eigent- lich darum geht, dass die einzelnen Geschich- ten von unterschiedlichen Regisseuren stam- men. Und ich mag es auch nicht, wenn man einen Film wie »Father Mother Sister Brother« bloß als Aneinanderreihung von Kurzfilmen sieht. Denn wenn schon nicht inhaltlich, dann besteht doch emotional eine Verbindung zwi- schen den drei Geschichten. Der letzte Teil über die Geschwister in Paris würde etwa seine emotionale Wirkung gar nicht entfalten kön- nen, hätte es nicht vorher die anderen beiden Episoden gegeben.

Apropos Paris: Wonach haben Sie entschie-

den, wo die drei Geschichten spielen? Die erste Geschichte über Tom Waits als Vater war immer im Nordosten der USA angesiedelt, und aus Gewerkschafts- und anderen ganz pragmatischen Gründen mussten wir einen Ort nahe bei New York City finden. Die zweite Episode mit Charlotte Rampling als Mutter spielte im Drehbuch zunächst in England. Dass wir sie letztlich nach Irland verlegt haben, hatte auch etwas mit Steuervergünstigungen zu tun. Und Paris schließlich war mir einfach wichtig, weil die Stadt nach New York City meine zweite große Liebe ist und ich viel Zeit dort verbringe.

Ihre Filme sind häufig geprägt von Lakonie

und Unaufgeregtheit. Wie würden Sie selbst Ihren Erzählstil beschreiben? Zunächst einmal bin ich jemand, der einfach beobachtet. Ich kreiere kein Drama um des Dramas Willen und beurteile meine Figuren nicht. Stattdessen interessieren mich vor allem die kleinen Details und Nuancen in zwischen- menschlichen Beziehungen und Interaktionen. Man könnte es mit einer musikalischen Meta- pher auch so ausdrücken: Ich begeistere mich vor allem für die Noten, die eben gerade nicht gespielt werden. Deswegen drehe ich so oft Fil- me über Situationen, die bei anderen Regisseu- ren das Erste sind, was nicht gezeigt wird. Seien es Taxifahrten wie in »Night on Earth« oder die kurzen Pausen in »Coffee & Cigarettes«.

Noch kurz zum Ensemble von »Father

Mother Sister Brother«. Haben Sie den Schauspielerinnen und Schauspielern ihre Rollen auf den Leib geschrieben? Ja, das tue ich meistens – und bin dann immer wieder erstaunt, wenn sie diese Rollen am Ende tatsächlich spielen. Aber nicht umsonst arbeite ich so oft mit den selben Leuten zusammen. Tom Waits ist ein enger Freund, und auch sonst sind fast alle im Ensemble von »Father Mother Sister Brother« Wiederholungstäter, von Cate Blanchett und Adam Driver bis hin zu Luka Sabbat oder Indya Moore, mit der ich schon einen Kurzfilm gedreht hatte. Ausnahmen be- stätigen die Regel. So wie Mayim Bialik, die ich als Schauspielerin eigentlich gar nicht kannte, sondern nur als Moderatorin der Quizshow »Jeopardy«, die ich gerne schaue. Ihre Präsenz dort überzeugte mich davon, dass sie die ideale Schwester für Adam Driver sein könnte. Es war mein Glück, dass sie Lust darauf hatte.

Ein Vater wird nach langer Zeit von seinen beiden längst erwachsenen Kindern besucht. Eine Mutter lädt ihre höchst unterschiedlichen Töchter zu Kaffee und Kuchen. Zwei Geschwistern trauern um ihre Eltern. Drei thematisch lediglich lose verbundene Episoden machen »Father­ Mother Sister Brother« aus, in denen Gesprächsszenen auf Autofahrten, unterschiedliche Familienkonstellationen und die Folgen vergangener Verletzungen im Fokus stehen. So prominent der Film mit Tom Waits, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Adam Driver und Vicky Krieps besetzt ist, so zart und auf angenehme Weise bescheiden kommt er daher. Und erweist sich damit in Jim Jarmuschs Werk wie auch im US- Kino der vergangenen Jahre als immer wieder wunderbar komischer, aber vor allem berührend-melancholischer Höhepunkt. Den Hauptpreis in Venedig gab es also zwar überraschend, aber alles andere als unverdient.

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Patrick Heidmann


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