26.12. | Album der Woche: Victor Le Masne • Ravel Recomposed
Deutsche Grammophon
Foto: Linda Rosa Saal
Meister der Farben
Bejubelt wurde Victor Le Masne als musikalischer Leiter der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris. Nun hat er Ravels Musik modernisiert.
Victor Le Masne, was bedeutet Ihnen Ravels
Musik?
Ich habe sie schon als Junge entdeckt, weil mein Vater Komponist und Musiker ist, und mir Ravel oft vorgespielt hat. Als Kind habe ich seine Stücke einfach emotional auf mich wirken lassen, ohne sie zu ergründen. Das hat sich geändert, als ich als junger Erwachsener in Paris in meine erste eigene Wohnung gezogen bin. Mein Vater hatte mir ein Mixtape geschenkt – mit jenen Ravel-Werken, die wir immer zusammen gehört hatten. Ich begann, jeden Akkord zu analysieren. Manchmal schaute ich mir sogar die Partituren an. Ich bin also tief in diese Musik eingetaucht.
Wie würden Sie sie beschreiben?
Die Emotionen sind der Schlüssel zu allem. Ravel ist ein Meister der Farben – wie ein Maler. Seine Harmonien sind verschränkt, die Orchestrierung ist so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, und die Melodien sind offensichtlich zeitlos.
Was wollten Sie dieser Musik geben, als Sie
sie für Ihr Album »Ravel Recomposed« neu
interpretiert haben?
Einerseits sollte sich in meinen Versionen widerspiegeln, dass ich ein klassisch ausgebildeter Komponist bin. Zugleich verorte ich mich wie Daft Punk oder Air in der Electro-Szene am Meister der Farben Puls des French Touch. Deshalb durfte mein Bezug zum Pop keinesfalls zu kurz kommen, zumal Ravels Melodien sehr viel Popappeal haben. Das bot mir die Chance, auch mal Synthesizer, Schlagzeug, Gitarre oder Bass zu spielen.
Könnte Ihre »Pavane pour une infante
défunte«-Fassung vielleicht sogar im Club
funktionieren?
Auch wenn es im Titel des Stücks darum geht, dass jemand stirbt, ist eine Pavane eigentlich ein höfischer Tanz. Ich habe sie in sanften Techno überführt, in meinen Klängen steckt ein bittersüßes Gefühl.
Haben Sie sich mit »Lever du jour« am
weitesten vom Original entfernt?
Ich kenne diese Komposition in- und auswendig, weil sie auf dem Mixtape meines Vaters war. »Lever du jour« ist so gut geschrieben, dass es auch rückwärts funktioniert – wie ein Palindrom. Ich beginne mit einer rückwärts gespielten Melodie, wechsele dann in die Originalharmonien und steuere mit neuer Instrumentierung auf die Klimax zu, die nach etwa 30 Sekunden ebenfalls rückwärts interpretiert wird. Das Ergebnis hat für mich einen Sci-Fi-Touch, es erinnert an jene berühmte Szene in »2001: Odyssee im Weltraum«, in der man den Astronauten im Raumschiff sieht.

Victor Le Masne
Ravel Recomposed
Deutsche Grammophon • 21. November
Ein kluger Zeitpunkt, dieses Album anlässlich von Maurice Ravels 150. Geburtstag zu veröffentlichen, dessen Kompositionen Victor Le Masne ins 21. Jahrhundert transportiert hat. »Ravel Recomposed« schlägt Brücken zwischen Tradition und Gegenwart: Klassik und Jazz verbinden sich mit dem Puls des French Touch und verschmelzen zu einem unverwechselbaren Klang. Neuinterpretiert hat der Grammy-prämierte Komponist, Produzent und Multiinstrumentalist unter anderem Ravels »Boléro«, »Jeux d'eau«, »Le jardin féerique« sowie Auszüge aus »Daphnis et Chloé« – ein Werk voller Überraschungen!
Dagmar Leischow