26.09. | Album der Woche: The Divine Comedy • Rainy Sunday Afternoon

Divine Comedy Records

26.09. | Album der Woche - The Divine Comedy • Rainy Sunday Afternoon
Foto: WESTENBERG

Lieblingstier: Schwalbe

Neil Hannon von The Divine Comedy ist so etwas wie der Oscar Wilde der Popmusik: Clevere Texte treffen auf originelle Aphorismen.

Wenn er einmal alt sei, sagt Neil Hannon, wäre er gerne ein Griesgram, der »in der Ecke sitzt und merkwürdige Witze macht«. Manchmal hat er das Gefühl, bereits auf dem besten Wege zu sein. »Ich verbringe mehr Zeit im Gespräch mit meinen Hunden als mit meinen Mitmenschen«, sagt er dann – das habe er sich in der Corona-Zeit so angewöhnt. Aus sicherer Entfernung auf das geschäftige Treiben der Menschen zu blicken und es dann mit sanftem Spott zu kommentieren, ist schon seit 35 Jahren die Spezialität des britischen Musikers, der seine Band nicht ohne Grund nach Dantes Göttlicher Komödie benannt hat. Auch auf dem neuen Album liegen Sturm, Drang und Drama wieder dicht beieinander, zum Beispiel in »The Man Who Turned Into A Chair«. Als Kind, heißt es da, wird jede einzelne Strecke noch rennend zurückgelegt, als Erwachsener verwandelt man sich dann langsam in ein Sitzmöbel. Das die müden Schritte eines Tages zum Kanal lenkt und davon träumt, als Schwalbe wiedergeboren zu werden – nicht ohne Grund Hannons Lieblingstier. Wer The Divine Comedy hört, hört immer auch ein bisschen britisches Idyll, ein bisschen schwarzen Humor und ein bisschen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten heraus.

Nur dem Sänger selbst geht das anders. »Ich bin das Gegenteil eines Nostalgikers«, sagt Hannon. »Wenn ich zur Rückschau gezwungen werde – üblicherweise von Journalisten – genieße ich es nicht sehr. Nostalgisch bin ich nur, was Juliette Gréco und Musicals von vor 1970 angeht. Nostalgisch nach einer Zeit, in der es mich noch nicht gab.« Sterblichkeit ist ein großes Thema auf dem neuen Album, aber erstaunlicherweise nicht mit Angst verknüpft, sondern mit dem Staunen über den Reichtum der Existenz, die immer faszinierender wird, je länger man darüber nachdenkt. Eine ganz gewaltige Summe ergibt das am Ende und verhilft im besten Fall noch zu einer beneidenswerten philosophischen Langmut. In einem seiner früheren Songs hat Neil Hannon das Leben einmal als »langsamen Selbstmord« beschrieben, heute muss er über den Vergleich lachen. Eher sei das Leben wie ein Fußballspiel beziehungsweise wie die Gefühlswelt eines passionierten Fans. Der Sänger hält es mit Manchester United, in den letzten Jahren etwas glücklos. »Ich verbringe erstaunlich viel Zeit damit, darüber nachzudenken, ob wir einen neuen Stürmer brauchen oder nicht«, sagt er. »Und dabei ist mir irgendwann aufgefallen: Je erfolgloser das Team wird, desto mehr interessiere ich mich dafür.«


The Divine Comedy RSA Cover

The Divine Comedy
Rainy Sunday Afternoon
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Eigentlich könnte jedes The-Divine-Comedy-Album »Rainy Sunday Afternoon« heißen, denn die melancholische Mischung aus Poesie und Humor ist das Markenzeichen von Neil Hannon, dem Meister der Alltagsbeobachtung. So persönlich wie diesmal ist es trotzdem noch nie zugegangen. Es ist die Perspektive des alternden Dandys, die noch einmal für kreative Superkräfte sorgt. Und in Songs wie »All The Pretty Lights« und »The Heart Is A Lonely Hunter« die bernsteinfarbenen Momente des Lebens einfängt.

Markus Hockenbrink


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