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26.06. | Heimkinotipp der Woche

Judy

Entertainment One · 14. Mai

26.06.  |  Heimkinotipp der Woche - Judy

Foto: Eintertainment One

Rückkehr ins Rampenlicht

Es war eine Weile ruhig geworden um Renée Zellweger, sieht man einmal von einem unnötigen dritten »Bridget Jones«-Film sowie der gefloppten Serie »What/If« ab. Doch mit der Titelrolle im Biopic »Judy« hätte sie sich kaum eindrucksvoller zurückmelden können. Für die Darstellung ihrer legendären Kollegin Judy Garland wurde die 51-Jährige im Februar sogar zum zweiten Mal mit dem Oscar ausgezeichnet.

JudyMiss Zellweger, Judy Garland ist keine Rolle wie jede andere. Wie war Ihre erste Reaktion, als man Ihnen diese anbot?

Ich war gleich begeistert, weil ich die Geschichte des Drehbuchs wunderschön fand. Allerdings wunderte ich mich auch, warum man ausgerechnet auf mich kam. Denn ich bin ja keine Entertainerin wie Judy es war und stand nie mit Mikrofon auf der Bühne. Ich wurde dann direkt nach London eingeladen, in die legendären Abbey Road Studios. Definitiv eine Reise, die ich mir nicht entgehen lassen konnte, selbst wenn ich mir nicht sicher war, ob das in den Augen der Produzenten so eine gute Idee war. (lacht)

Sie singen in »Judy« alle Songs selbst!

Was ich anfangs nicht wollte. Ich habe wirklich versucht, diesen Aspekt der Rolle wegzuverhandeln. Aber letztlich bin ich froh, dass die Produzenten und der Regisseur stur geblieben sind und an meine Stimme geglaubt haben. Judy war eine der größten Unterhaltungskünstlerinnen aller Zeiten und vermutlich kann man ihr nicht gerecht werden, wenn man den Gesang auslagert.

Wie haben Sie sich diese Ikone dann zu eigen gemacht?

Eigentlich ganz herkömmlich, Schritt für Schritt. Ich habe mir so viel Wissen wie möglich angeeignet, um die Lücken zwischen dem Altbekannten und dem spekulativen Klatsch und Tratsch zu füllen. Die Autobiografie von Judys Tochter Lorna war hilfreich, andere Bücher ebenfalls, und natürlich das Internet. Das ist in so einem Fall ja heutzutage die größte Schatzkiste, die uns zur Verfügung steht. Ich habe mir stundenlang Aufnahmen von Judy auf YouTube angesehen, während ich vor dem Spiegel stand, und wenn ich alleine zu Hause war, saß ich als Judy am Esstisch. Auf dem Freeway habe ich im Auto die Gelegenheit genutzt, dass mich niemand hören kann und mich an ihrer Stimme und ihrem Gesang versucht. (lacht)

Ihre eigene Karriere ist ganz anderes verlaufen als Garlands. Aber den Druck, immer abliefern und bestimmten optischen Kriterien entsprechen zu müssen, kennen Sie sicherlich auch.

Vor allem kenne ich den großen Unterschied zwischen der Selbstwahrnehmung als Mensch und dem Bild, das die Öffentlichkeit von einem hat. Wobei man insgesamt heutzutage als Frau in dieser Branche sehr viel mehr Autonomie und Einfluss auf seine Karriere hat als zu Judys Zeit. Trotzdem ist mir natürlich auch Druck nicht fremd. Allerdings weniger von übermächtigen Produzenten als von mir selbst. Ich hatte immer den Eindruck, niemanden enttäuschen zu dürfen. Bei meinem Arbeitsethos kannte ich keine Kompromisse. Was ein Fehler war, denn darüber habe ich vergessen, auf mich selbst zu achten.

Weswegen Sie sich vor einer Weile eine Auszeit verordnet und eine ganze Weile nicht gearbeitet haben...

Zumindest, was die Arbeit vor der Kamera angeht. Es ist nicht so, dass ich jahrelang am Strand saß und Mai Tais getrunken habe. Ich habe Projekte entwickelt, geschrieben und produziert, auch solche, aus denen letztlich nichts wurde. Außerdem habe ich Kurse an der Uni besucht, mein Leben gelebt. Insgesamt kann man sagen: Ich habe einige Versprechen eingelöst, die ich mir selbst vor langer Zeit gegeben hatte. Trotzdem war es ein Rückzug, und der war wichtig, um meine Prioritäten neu zu sortieren. Ich war irgendwie gelangweilt von mir selbst und brauchte eine neue Perspektive für mein Leben und meine Arbeit.

Heute geht es Ihnen also besser als vor zehn Jahren?

Auf jeden Fall. Mir geht es wunderbar! Wobei ich auch damals im Hamsterrad nicht das Gefühl hatte, dass es mir schlecht geht. Ich dachte meistens, dass ich glücklich bin. Aber ich habe wohl einiges ignoriert. Etwa, dass man nicht zehn Jahre mit drei Stunden Schlaf pro Nacht auskommt. Das hinterlässt Spuren, psychisch wie optisch. Heute bin ich klüger!

Was würden Sie Judy Garland sagen, wenn Sie ihr heute leibhaftig gegenüberstehen könnten?

Ich glaube, ich würde sie erst einmal ganz lange und intensiv in den Arm nehmen. Das hätte ihr sicherlich gutgetan. Und dann würde ich einfach »Danke« sagen. Für alles.

FILMFAZIT:

Erzählt ist »Judy« eher konventionell als aufregend oder tiefschürfend. Ein Nachteil ist das kaum, denn der Fokus auf das letzte Kapitel in Garlands kurzem Leben, in dem die allabendlichen Auftritte in London gleichermaßen Sucht, Qual und Identitätsstiftung sind, ist gut gewählt. Und Zellweger läuft zu so großer Form auf, dass man kaum genug von ihr bekommt.

Patrick Heidmann